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ABAY - Gesucht - gefunden

Nachdem Blackmail für ihn Geschichte war, machte sich Deutschlands anschmiegsamste Alternative-Stimme auf, sein Glück anderweitig zu suchen. Kurz, bevor ihn das Schicksal hinter die Theke eines Dönerladens verschlug, fand Aydo Abay doch noch eine neue musikalische Heimat, in der er sich voll und ganz wohlfühlt. Nach einer ersten EP und ein paar verstörend schönen Coversongs und Videos folgt nun das erste Kapitel des neuen Aydo: Abay.

Obwohl – der neue Aydo ist eigentlich immer noch der alte. Und so richtig weg war er nie, der Herr Abay. Aber rar hat er sich gemacht. Nicht aus Absicht, eher „den Umständen entsprechend“, wie man so geflügelt sagt.

„Ich habe etwas gesucht, was ich lange nicht gefunden habe. Und jetzt glaube ich, dass ich es gefunden habe. Vor allem auch wieder den Spaß. Jetzt passt irgendwie alles.“

Jetzt, das ist Abay, eine Band, die nach seinem Nachnamen benannt ist, aber mehr ist als er allein. Denn vor allem die Begegnung mit Jonas Pfetzing – Herz, Seele, Songschreiber und Gitarrist von Juli – hat ihm musikalisch wieder das Leben eingehaucht, das er so sehr vermisst hat. Hat ihm massenhaft Demos geschickt, um drauf zu singen, ihn richtig angezapft und wieder für Gleichgewicht gesorgt.

“Irgendwie ist das was zwischen Jonas und mir, wir können einfach sehr gut zusammen schreiben. Wir funktionieren gut, auch mit den anderen Bandmitgliedern zusammen.“

Natürlich prägt eine so markante Stimme wie die von Aydo jeden Song, den er besingt. Dagegen ist der Einfluss von Jonas nicht unbedingt glasklar erkennbar – zumindest nicht auf den ersten Blick.

„Jonas setzt schönerweise viel von dem um, was ich mir wünsche, aber das, womit er hier wirklich zum Tragen kommt, ist dieses ´den Song fertigmachen´ – also die richtige Bandarbeit. Das gar nicht meins und das macht er wirklich fantastisch.“

Auffallend sind schön ausufernde Instrumentalpassagen, die die Stimmung untermauern und erstklassige Brücken bauen, auf die die Stimme wieder aufsteigen kann. Da waren Aydo's vorherige Bandformate wesentlich kompakter gestrickt.

„Mir ist ja immer bei den Sachen, die ich singe, aufgefallen, dass meine Stimme mitunter nerven kann, wenn sie nonstop da ist – und wenn sie mich nervt, dann muss es anderen ja auch so gehen. Deshalb wollte ich bewusst diese Musik-Inseln einbauen, wo keiner dazwischen labert.“

Und, was soll man sagen: Sie wirken, sie sind effektvoll und wohldosiert, halten die Spannung aufrecht und sorgen für Momente, sich ganz in die Musik fallen zu lassen. Besonders auffallend als Stilmittel ist das Piano – eine alte Liebe neu entdeckt?

„Ich war schon immer ein großer Piano-Fan, bei meinen bisherigen Projekten hat es irgendwie nie richtig reingepasst – jetzt schon. Ein Piano erschafft immer eine ganz eigene, natürliche, erdige Atmosphäre und ich finde auch, es harmoniert einfach gut mit meiner Stimme. Außerdem... stand im Studio einfach so ein scheiss Klavier – also musste es auch mit auf die Platte.“

Aydo lacht. Die vielen Gedanken und die viele Arbeit hat sich gelohnt – zumal der Aufnahmeprozess einer gewissen Dynamik unterlag.

„Ein Teil der Band wohnt in Köln, ein Teil in Berlin. Wir haben verschiedene Produzenten und Studios ausprobiert, sind dann aber doch letztendlich bei unserem Freund Thies (Neu, Tonbrauerei Berlin) gelandet. Die ganzen Experimente zuvor waren nicht ganz unseres, das hat uns nicht wirklich umgehauen. Die ebenfalls fertige Platte, die so entstanden ist, kann vielleicht irgendwann noch mal was werden... aber es fühlte sich richtiger an, alles noch mal neu aufzunehmen – und auch neue Songs für die neuen Sessions zu schreiben. Aber wenn keiner drauf wartet und mit der Deadline winkt, hat man ja alle Zeit der Welt.“

Auch, wenn man bedenkt, dass die verworfenen Sessions u.a. mit Philipp Janzen (Produzent und Musiker, u.a. Von Spar, Urlaub in Polen) und auch Olaf Opal (Stammproduzent von Juli, darüber hinaus auch Die Sterne, Spermbirds, Naked Lunch) entstanden sind, passt die Vorgehensweise zum Album: Abay klingen eben dann groß, einladend und herzlich, wenn sie sich wohlfühlen. Überhaupt sind es wohl diese Wohlfühlmomente, die das Album nicht nur in der Entstehung geprägt haben, sondern auch den Hörer durchweg begleiten – auch, wenn die Stimmung leicht nachdenklich und düster wirkt.

„Die melancholische Grundstimmung kickt mich beim Musikmachen am meisten. Wir hatten auch ein paar fröhliche Nummern, die passten aber nicht und haben's einfach nicht aufs Album geschafft.“

Das Album passt auch gut so, wie es zusammengestellt ist – natürlich in bester Vinyl-Manier mit dramaturgisch geschickt gewählter A- und B-Seite. Leicht nach hinten versetzt bildet der 8-minütige Titeltrack das Zentrum des Albums, dem man ebenso einen leicht ironischen Unterton zusprechen mag, den Aydo seit jeher pflegt. Doch leider weit gefehlt.

„Man muss eigentlich nur in irgendeine Bahn steigen und sich die Leute angucken, dann kommt man zwangsläufig auf so einen Titel. Zur Zeit ist es wirklich komisch, eigentlich sollten wir alle zusammenrücken und schauen, dass es allen gut geht und jeder sein Ding machen kann – aber wir sind an einem Punkt angekommen, wo wir in Angst leben. Das ist nicht cool. Trotzdem feiern die Leute überall und immer Feste – das sei allen gegönnt, aber irgendwie zeigen alle damit auch ihr zweites Gesicht. Es gibt viele Gefahren, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen.“

Die Gefahr eines beliebigen Bandnamens bestand hingegen nie, wie Aydo zum Abschluss mit gewohntem Augen-zwinkern verrät: „Wir haben auf der Suche nach dem Bandnamen mit unseren Nachnamen angefangen – und ich habe einfach den besten.“

Aktuelles Album: Everything's Amazing And Nobody Is Happy (Unter Schafen Records / Alive) VÖ: 12.08.
© 02. August 2016  WESTZEIT ||| Text: Axel Nothen ||| Foto: Christian Faustus
August 2016

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