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ERIK COHEN - Ehrlich währt am längsten!

Mit dem sehr wohl beachteten Debüt ´Nostalgie für die Zukunft´ schipperte der ehemalige Bad Boy der nationalen Punk-und Hardcore-Szene bereits in anderen Gewässern – mit dem in Kürze erscheinenden Zweitling ´Weisses Rauschen´ legt Erik Cohen nun ganz vorne im Hafen der nationalen Rockmusik an. Gespickt mit Zitaten aus 30 Jahren Musikgeschichte schickt sich sein neues Album an, ein echtes Fanboy-Candy zu werden. Mutiert hier jemand vom Parade-Rüpel zum Retter des deutschsprachigen Rock? Oder gar zum Superhelden?

Halt, halt, zuallererst einmal ist Erik Cohen menschlich. Vom Scharlach geplagt und frisch genesen nimmt er sich gerne die Zeit, gemeinsam über die neue Scheibe und das Drumherum zu plaudern. Und geradeheraus und ehrlich ist er, wie eigentlich immer. Schon bei der ersten Frage, ob er sich denn vorgenommen hat, etwas bewusst anders als auf Album Nr. 1 zu machen, sprudelt es leidenschaftlich aus ihm heraus:

„Ja, ich wollte vor allem die Texte anders angehen, die sollten nicht so direkt kommen, wie auf dem ersten Album. Sie sollten eher in Ansätzen etwas kryptischer gehalten sein, so dass der Interpretationsraum für den Hörer etwas weiter gefasst ist.“

Hört, hört – regiert bei Herrn Cohen nun also Kopf über Bauch und Konzept über Gefühl? Weit gefehlt – vielmehr ist es die Liebe zur Musik und der Anspruch, diese gut klingen zu lassen, die den Kieler antreibt. Zudem versteckt er seine Inspirationen auch nicht nur ansatzweise: Rock, Wave, Shoegaze – es gibt scheinbar nichts, dass im neuen Cohen-Kosmos keinen Platz hat.

„Im Unterboden ist das neue Album sicher rockiger als das Debüt. Aber es sind auch definitiv mehr Einflüsse drauf zu erkennen. Ich kann das Rad der Musik nicht neu erfinden, ich kann meine Einflüsse nur gut mischen und daraus etwas erschaffen. Der eigentliche Spaß an dem Album ist für mich ja auch, dass man diese Einflüsse auch wirklich heraushört. Es ist ein Album für Musikliebhaber, für Leute, die ´ne Plattensammlung haben, die vielleicht schon seit den 70ern, 80ern viel Musik hören, bewusst Musik hören und sich damit auch beschäftigen. Genau die können dann nämlich Sachen entdecken, die sie vielleicht schon kennen und dann hoffentlich auch merken, dass hier nicht plump geklaut wurde, sondern einfach vertraute Assoziationen geweckt werden.“

So ausgeklügelt sich das anhören mag – eigentlich ist dies aber nicht mehr als normal. Denn ein Musiker, der zu seiner Inspiration steht und diese auch offenporig preisgibt, versprüht doch im Grunde nichts außer purer Leidenschaft. Wer neben dem Wunsch und Willen, eigene Musik zu machen, noch empathisch genug ist, den Hörspaß seines Publikums zu beachten, sollte eigentlich immer das letzte Stück Schokolade bekommen.

„Ganz ehrlich: Ich bin als Musiker eigentlich sehr limitiert. Wenn ich an die Leute denke, die im Studio alles inklusive Schlagzeug selbst aufnehmen und nebenher auch noch ´ne klassische Pianoausbildung haben, diese Genies... so bin ich einfach nicht. Eigentlich bin ich wirklich nicht mehr als so ein Shoegaze-Gitarrist: Ich kann nur schrammeln! So richtig schön alle Saiten auf einmal und rauf und runter... Und wenn ich Songs schreibe, dann sind die mitunter auch so, weil ich gar nix anderes kann. Das hört man auf ´Nostalgie´ sicher hier und da, jetzt haben wir eher drauf geachtet, dass sich das Geschrammel gut mit den recht dominanten Keyboards verwebt – da hat die Gitarre dann eben etwas weniger Platz.“

Oder halt auch mehr Luft, wenn man es andersherum betrachtet. Wie auch immer – man hört in jedem Fall die Freude und positive Grundeinstellung raus, die die Entstehung des Albums begleitet hat. Wer Musik so angeht, ist schwer zu verbiegen.

„Ich bin ein sehr guter Rezitator und habe eine Leidenschaft dafür entwickelt, so lange an den Sachen zu arbeiten, bis sie wirklich gut klingen. Das ist für mich Unterhaltung. Ja, ich will die Leute unterhalten!“

Doch damit nicht genug. Erik Cohen ist nicht nur Entertainment, sondern auch im besten Sinne echt.

„Ja, meine Musik soll ehrlich rüberkommen – nicht gestellt oder etwas darstellend, das ich gar nicht bin. Ich muss mich nicht sonderlich intelligent oder wortgewandt verkaufen. Ich will, dass es gut klingt, dass man seinen Alltag hinter sich lassen und sich einfach in die Musik fallen lassen kann.“

Um es vorweg zu nehmen: Man kann. Uneingeschränkt. Denn, um es mit einer Textzeile aus dem Album zu sagen: Das hier ist nicht Hollywood...

Aktuelles Album: Weisses Rauschen (RYL NKR Recordings / Rough Trade)

VÖ: 15.01.2016
© 02. Dezember 2015  WESTZEIT ||| Text: Axel Nothen ||| Foto: Frank Peter
Dezember 2015

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