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TILMAN ROSSMY QUARTETT - Zum Glück nur beinahe berühmt

Eigentlich hatte Tilman Rossmy die Musik schon fast an den Nagel gehängt, doch irgendwie holt Deutschlands besten Singer/Songwriter dieses Jahr die Vergangenheit ein. Erst feierte seine legendäre Band Die Regierung, einst Wegbereiter der Hamburger Schule, ein umjubeltes Live-Comeback, dann folgten Archiv-Veröffentlichungen auf Vinyl, und nun erlebt sogar ´Ich weiß nicht wer du bist´, das fast vergessene letzte Album des Tilman Rossmy Quartetts aus dem Jahre 2014, eine Renaissance.

Das Münsteraner Connaisseur-Label Skycap veröffentlicht es dieser Tage noch einmal neu – inklusive der sonst nur digital erhältlichen ´Intuition´-EP und eines feinen Roxy-Music-Covers als Bonus. Trotzdem hat das neue Album des 57-jährigen Wahl-Schweizers aus Essen und seiner inzwischen über ganz Deutschland verstreuten Mitstreiter Folke Jensen (Gitarre), Ralf Schlüter (Tasten) und Flo Kapfer (Schlagzeug) mehr von einem Abschied denn von einem Neuanfang.

„Folke musste sein Studio aufgeben, hatte es aber noch einen Monat, und da haben wir uns gesagt: ´Komm, machen wir die Platte jetzt endlich fertig´“, erinnert sich Rossmy. „Das Ende des Ultraschall-Studios war auch das Ende einer Ära für uns, und das wollten wir nicht einfach so sang- und klanglos vorüberziehen lassen.“

Nach den Exkursen der letzten Werke stehen auf dem feinen neuen Album textlich wieder die klassischen Rossmy-Themen im Vordergrund, während musikalisch alte und neue Ideen zusammenfließen, wenn Songwriter-Pop, Americana-Twang und ein wenig Classic Rock auf die (Fast-)Verwirklichung eines TRQs mit weiblicher Stimme treffen. Trotzdem hat sich an der Herangehensweise nicht viel verändert, ist Rossmy überzeugt:

„Ich sehe mich nach wie vor wie ein Angler, der seine Angel ins Wasser hält, und manchmal beißen die Fische und meistens nicht. Daran hat sich nichts geändert, außer, dass meine emotionale Basis jetzt deutlich stabiler ist und dass die Songs schon mal was von meinen Kindern oder meiner Frau erzählen, aber auf eine nicht so offensichtliche Art, hoffe ich.“

Dennoch ist es seit jeher nicht zuletzt das Grüblerische in seinen Songs, das die Menschen besonders berührt. Muss man unglücklich sein, um großartige Lieder zu schreiben?

„Zum Songschreiben braucht man vor allem Zeit, vielleicht hat man mehr davon, wenn es einem nicht so gut geht“, erwidert Rossmy. „Aber wenn man viele Leute nach meinen besten Songs fragt, gehören die Sachen von ´Unten´ und von ´Willkommen zuhause´ sicher dazu, und das waren eigentlich sehr gute Zeiten für mich, als ich die geschrieben hab.“

In ´Beinahe berühmt´ lässt Rossmy diese gute, wilde Zeit Mitte der 90er auf der neuen Platte noch einmal Revue passieren. Heute ist ihm allerdings die Wertschätzung seines Publikums wichtiger als die Aussicht auf Ruhm und Geld.

„Ich glaube, ich habe immer gewusst und gefühlt, dass das, was ich mache, was Besonderes ist. Ich dachte, dass es vor allem das Songschreiben ist, aber seit Kurzem merke ich, dass es auch meine Performance ist, auch meine Stimme. Ich bekomme ab und zu immer noch erstaunliches Feedback von Leuten, das ist oft sehr berührend“, verrät er.

„Ich hatte halt mal diese Phase, da habe ich das versucht, das Profimusiker-Ding, aber dann hab ich gemerkt, dass ich die Musik nicht benutzen kann, um etwas zu erreichen. Das hat lange gedauert, ich hab das immer wieder versucht und es ist immer wieder schiefgegangen.“

Zum Glück, wie er heute weiß!

Aktuelles Album: Ich weiß nicht wer du bist (Skycap / Rough Trade)
Weitere Infos: tilman-rossmy.de
© 01. Dezember 2015  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld ||| Foto: Label
Dezember 2015

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