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HARMONIA - Lebens-Werke!

Mystische Verschwörungstheorien sorgen dafür, dass schöne Geschichten täglich besser werden. So erhielt Harmonia, das Projekt der Cluster-Musiker Hans-Joachim Roedelius (*1934) / Dieter Moebius (*1944 † 2015) sowie des NEU!-Gitarristen Michael Rother (*1950) vor einiger Zeit in England mehr Presse, als in allen Jahrzehnten davor zusammen. Dabei hatten sich Harmonia knapp drei Jahre nach der Gründung im Frühjahr 1976 aufgelöst.

Bis ein Anruf von Brian Eno kam, der eine alte Einladung zur Zusammenarbeit annehmen wollte. „Da mussten wir nicht lange überlegen“, sagte Rother einmal, „auch wenn wir als Band nicht mehr existierten!“ Die Aufnahmen von Harmonia bzw. ihrer elektronischer Musik waren ihrer Zeit klar voraus. 2007 fand im Berliner Haus der Kulturen ein Reunion-Konzert in Originalbesetzung statt. Kürzlich trat Roedelius eben dort auf, um seine „Lifelines“ zu präsentieren. Installationen (u.a. von Eno „For Achim“) in und am Gebäude rundeten die Events ab. Eine passende Gelegenheit, Roedelius zur just Veröffentlichten Vinyl-Box des Gesamtwerkes von Harmonia zu befragen. Das besagte „Special Harmonia Vinyl Box-Set“ besteht aus 5 LPs, einem 36seitigen Booklet, einem Poster im Pop-Up Artwork mit digitalem Download-Code. Roedelius: „Es ist toll, dass es ein neues Interesse gibt an den Sachen, die wir damals gemacht haben. Die Box befriedigt alle Wünsche, der gesamte Korpus ist total transparent“, freut er sich. „Harmonia ist jetzt ein großes Geschenk für uns. Wir können endlich Geld verdienen. Damals hatte man ja nichts. An sich war es ein wunderbares Leben. Wir mussten in den Wald gehen, Holz holen, unser eigenes Brot backen. Von der Pike auf zurück zur Natur.“
Roedelius wurde erstmals Vater, verließ die Harmonia-WG im scheinbar idyllischen Weserbergland. Moebius blieb, Rother übernahm auch den Teil, den Roedelius verlassen hatte. Was nicht wirklich ans Licht der Öffentlichkeit rückte, war die Tatsache, dass es quasi hinter dem wunderschönen Haus direkt an der Weser ein Atomkraftwerk gab. „Dort baden? Um Himmels Willen“, entrüstet sich der Experimental-/Ambient- und Elektronik-Musiker (der als Kind gar noch in UFA-Spielfilmen mitgewirkt hatte). „Alle, die dort hineingegangen sind, haben, glaube ich, Krebs bekommen. Eine Brühe!“ Das Kernkraftwerk Würgassen, 1975 in Betrieb genommen (1994 still gelegt) befand sich in unmittelbarer Nähe des Harmonia-Idylls. Roedelius erzählt, dass dieses Atomkraftwerk defekt war. Es jedoch niemand wusste, wissen durfte. „Plötzlich fingen die Kinder an zu Sterben wie die Fliegen.“ Ein Jahr, bevor Roedelius den Ort verließ (mittlerweile lebt er mit seiner Familie in einem Vorort von Wien), hat er von den Umständen erfahren. „Ein Kind und eine Töpferin auf dem Hof haben Krebs bekommen.“ Würgassen musste später vom Netz. „Dafür“ wurde 1985, ebenfalls in Reichweite, das Kernkraftwerk Grohnde in Betrieb genommen. „In der Nähe gab es noch Fabrik, die mit Zwiebeln arbeitete. Der Fluss war dreckig.“ Dennoch hat Roedelius seinen inneren Frieden gefunden. „Ich bin früher stets mit dem Boot hinüber gefahren zu einer Kiesgrube, habe dort gebadet. Ich habe eh nie verstanden, wie man im Wasser baden kann, durch das man nicht durchgucken kann. Jetzt ist die Weser dort wohl sauber.“ Die Musik von Harmonia macht all das(dis)harmonische noch interessanter. Auch David Bowie hat das musikalische Treiben beobachtet. Ohne Harmonia, Neu! hätte es wahrscheinlich seine Berlin-Trilogie nie gegeben!
Aktuelles Album: Special Harmonia Vinyl Box-Set (Grönland)
Weitere Infos: http://groenland.com
© 01. Dezember 2015  WESTZEIT ||| Text: Ralf G. Poppe ||| Foto: Ralf G. Poppe
Dezember 2015

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