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REFUSED - Geräuschvolle Rückkehr

Wer solch ein Statement setzt, wie es Refused mit ihrem 1998er Album ´The Shape Of Punk To Come´ getan haben, der wird sich ewig daran messen lassen müssen. Die politisch klar positionierten, vor Wut rasenden Texte sind inzwischen vielzitierte Klassiker. Die Musik, diese ungewöhnliche Melange aus 35 % Hardcore, 20 % Metal, 35 % Punk, 5 % Klassik und 5 % Jazz, setzt neue Maßstäbe. Ist absolut zeitlos. Was also tun? Sich erst mal auflösen, um dem aufkommenden Druck zu entkommen? Genau das passiert auch im Jahr 1998. Ende. Aus. Vorbei.

Möglichkeiten und ein paar Zufälle

Doch 2012 steht der Name Refused auf diversen Festival-Plakaten, darunter auch auf dem des Coachella Valley Music & Arts Festival in Kalifornien. Es werden die alten Sachen gespielt, aber aus heutiger Perspektive. Bei den Anhängern des Quartetts wächst die Hoffnung auf eine neue Platte; denn es fühlt sich live so an, als fühle sich Band ebenfalls gut. Doch müssen sie bis 2015, eben bis zur Veröffentlichung von „Freedom“ warten.

„Wir wollten nicht schon wieder, dass solch ein massiver Druck auf uns lastet“, sagt Frontmann Dennis Lyxzen, „der Albumtitel ‚Freedom’ ist gleichzeitig Programm. Wir haben uns die Freiheit genommen, uns so richtig von den breit gefächerten musikalischen Einflüssen, die unsere persönlichen Geschmäcker geprägt haben beeinflussen zu lassen.“ Refused sprechen auch nicht von einer Wiedervereinigung als Band, sie sprechen von Möglichkeiten, kleinen Entscheidungsschritten und ein paar Zufällen.

„Okay, natürlich gab es die Tour2012, aber damals lebten wir auch das erste Mal seit zehn Jahren wieder in der gleichen Stadt. Das erste Mal seit zehn Jahren spielte Kristofer Steen bei Refused wieder Gitarre. Das alles hat uns wieder näher zueinander gebracht. Deutlich näher.“

Und über die Zeit wird der alte Spaß wieder freigespült, die Inspiration und die pure Spielfreude. Doch es kann nicht sofort nahtlos weitergehen; da einige der Bandmitglieder in einer Art Metal-Punk Kunstprojekt stecken. „Es war grandiose Musik, aber rein von den Instrumenten her gedacht”, erklärt Schlagzeuger David Sandström, „dann fiel die zündende Idee quasi vom Himmel. Was wäre wenn wir diese aufregende Musik mit der Stimme von Dennis Lyxzen anreichert würde? Wäre das nicht auch Refused? Ein wenig anders zwar, aber genau richtig.“



Die Freiheit zu radikaler Kunst

Mit zwei Stücken fängt es an. Refused lassen es ganz bewusst langsam und ruhig angehen. Hier trifft der Satz, dass in der Ruhe die Kraft liegt, absolut zu. Jedes einzelne Stück auf ´Freedom´ legt davon Zeugnis ab. Und davon, dass wir in einer Zeit leben, in der radikale Kunst nötiger denn je gebraucht wird.

„Nicht als inszenierte Koketterie an unsere Vergangenheit, das wäre nichts für uns“, erklärt Dennis Lyxzen, „sondern als radikale Kunst als Reflektion der Jetztzeit. Des Heute und des Hier.“

Dabei fällt auch gerade politisch denkenden Musikern auf großen Bühnen eine ganz besondere Rolle zu, wenn sie Tagesthemen radikal beleuchten. Sie können die Fragen stellen, die sonst bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht mehr durchdringen. Die Eltern können sie nicht mehr stellen, weil sie die Eltern sind. Die Lehrer auch nicht, weil sie eben die Lehrer sind und die Politiker erst recht nicht.

„Diese Fragen, die mir schon immer auf der Seele brannten und heute immer noch brennen, die wollen wir stellen. Und wir wollen sie mit den Tiefen der Seele zusammenbringen. Aber genau so mit der explosiven Kraft der Punkmusik. Denn nur so wirken die Fragen als Fragen und die Antworten, die muss sowieso jeder für sich selber finden. Würden wir auch noch schlaue Antworten geben, wären wir ja nicht besser, als die Politiker“, stellt David Sandström klar. Die Power der Songs von Refused liegt darin begründet, dass sie neben der textlichen Kraft, der musikalischen Härte immer eine ganz große emotionale Komponente haben. Mit Nick Launay gibt es zudem auch einen kompetenten Überwacher der gesamten Produktion. Er hat im Zusammenspiel mit verrückten Musikern bisher immer den Durchblick behalten. So singen Gang Of Four, Public Image Ltd., Nick Cave oder Arcade Fire wahre Loblieder auf ihn.

Die gesamte Herangehensweise von Refused lässt diesmal hoffen, dass sie einerseits gewappnet genug sind, gegen den Druck, der ganz sicher wieder kommen wird (man schaue sich nur die Vorschusslorbeeren in den Medien an) und sich andererseits stets an die Kraft erinnern, die da aus der Ruhe kam.

Aktuelles Album: Freedom (Epitaph Records / Indigo)
© 01. Juli 2015  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer ||| Foto: Dustin Rabin
Juli 2015

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