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GANG OF FOUR - Immer ein Teil der Debatte

Red Hot Chili Peppers, Rage Against The Machine und Franz Ferdinand – nur drei der unzähligen Bands, die in den letzten 35 Jahren maßgeblich von den Frühwerken der Gang Of Four beeinflusst worden sind. Inzwischen ist Gitarrist und Songwriter Andy Gill das einzig verbleibende Gründungsmitglied der wohl wichtigsten britischen Post-Punk-Band, doch das hält den 59-Jährigen nicht davon ab, auf dem neuen Album ´What Happens Next´ mit unerwarteten Gastsängern wie Alison Mosshart (The Kills), Robbie Furze (The Big Pink) oder Herbert Grönemeyer unbeirrt nach vorn zu schauen.

Seit ihrem Punk, Funk und Dub verbindenden Debüt-Meilenstein ´Entertainment!´ von 1979 haben sich Gang Of Four musikalisch nie festlegen lassen – vielleicht auch deshalb, weil Gill der Überzeugung ist, dass sich Songs ab einem gewissen Punkt wie von selbst schreiben.

„Bei Text und Musik steht am Anfang eine Idee, und zunächst kommt es dir so vor, als müsstest du sie beständig anschieben, damit die Dinge ins Rollen kommen“, sinniert er beim Pressestopp in Berlin. „Irgendwann kommst du dann aber an einen interessanten Punkt, an dem du plötzlich nicht mehr schiebst, sondern der Song zu ziehen beginnt. Er sagt dir gewissermaßen, was zu tun ist. Das ist das, was ich spannend finde und was mir immer noch die größte Freude bereitet!“

Auch sonst sind die Ideale von Gill und den Seinen noch die gleichen. Ausdrucksstark und authentisch – so war die Musik des Quartetts schon immer, und daran ändert auch der Ausstieg von Gründungsmitglied und Sänger Jon King vor rund drei Jahren nichts.

„Ich habe Jons Ausstieg als Chance gesehen, mit anderen Künstlern zu kollaborieren, die ich sehr schätze“, versucht Gill dem Abschied seines langjährigen Weggefährten positive Seiten abzugewinnen. „Alison kannte ich bereits, weil ich in der Vergangenheit als Produzent für The Kills gearbeitet hatte. Sie ist eine unglaublich starke Rock´n´Roll-Sängerin, die einfach alles singen kann, und sie hat eine Menge sexy Power. Robbie von The Big Pink kannte ich zuvor nicht persönlich, aber ich war ein großer Fan ihres Hits ´Dominos´, der einfach einen großartigen Sound hat. Also fragte ich ihn einfach und bekam postwendend seine Zusage. Herbert Grönemeyer habe ich vor mehr als 20 Jahren durch Anton Corbijn kennengelernt und wir sind seit Langem befreundet. Als wir über die neue Platte sprachen, fragte er mich, ob er darauf ein Stück singen solle. Ich sagte: ´Ja, natürlich´, denn ich finde, dass er unglaublich singt. Ich bewundere die Dramatik und die unglaubliche Beherrschung seiner Stimme, sein Vibrato, die Art und Weise, wie er die Vokale dehnt.“

Hinter dem großen Gaststaraufgebot steht aber mehr als nur der Wunsch, unerwartete Freiräume kreativ zu nutzen. Schließlich haben Gang Of Four mit John ´Gaoler´ Sterry einen neuen, jungen Mann in die Band geholt, der King dauerhaft ersetzen soll. „Die Gäste sorgen dafür, dass der Druck auf Gaoler nicht so groß ist“, erklärt Gill. „Jetzt muss er nicht allein im Mittelpunkt stehen.“

Den personellen Veränderungen zum Trotz – das politische Gewissen der Gang Of Four ist weiterhin intakt.

„Es fällt mir immer noch sehr leicht, Themen zu finden, die mich fesseln“, sagt Gill ohne Zögern.

„Ich schreibe sehr gerne Texte, und sobald ich weiß, in welche Richtung es gehen soll, gehen sie mir sehr leicht von der Hand.“

Auf ´What Happens Next´ gilt sein besonderes Augenmerk Identitätsfragen in unserer heutigen, globalisierten Welt.

„Die Frage lautet: Welche Fortschritte machen wir gesellschaftlich?“, fragt er rhetorisch. „Nicht viel, wie mir scheint! Viele Menschen frustriert das. Ich selbst fühle mich allerdings nicht stark genug, mein Leben dem Kampf zu widmen, den Status quo zu verändern, denn dieser Kampf kann dich sehr schnell auffressen. Trotzdem heißt das natürlich nicht, dass ich nicht mit offenen Augen durch die Welt gehe und das auf verschiedene Art und Weise auf meine Songs abfärbt. Gang Of Four waren schließlich immer ein Teil der Debatte!“

Weitere Infos: www.gangoffour.co.uk

Aktuelles Album: What Happens Next (Membran)
© 01. März 2015  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld ||| Foto: Leo Cackett
März 2015

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