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RADIO HAVANNA - Die rohe Kunst der Diplomatie

Radio Havannas aktuelles Album ´Unsere Stadt brennt´ ist ein loderndes Zeichen für das Ressentiment gegen den gesellschaftlichen Zustand und astreiner Stoff für Pogo-Parties. Musikalische Schemata werden durchbrochen und ist es dennoch Punkrock, der einen Spagat hinsichtlich poppiger Instrumentierungen, geläuterten Texten und rotziger Durchschlagskraft wagt, ohne die dreckige Patina zu beschädigen. Impulse satt für Fragen, zu denen Oliver Saal (b) souverän Stellung bezieht.

´Aus der Traum?´ war Euer erstes Album und 12 Jahre später heißt die aktuelle Verlautbarung ohne Interpunktionszeichen ´Unsere Stadt Brennt´. Welche Beweggründe führten zu diesem Albumtitel?

„Wie auch schon bei den Alben davor hat sich der Titel ´Unsere Stadt Brennt´ erst nach dem Abschluss der Aufnahmen gefunden. Wir haben diskutiert, welcher Rahmen das eigentlich sein könnte, der die Songs auf textlicher Ebene verbindet. In unseren Augen war das das Stadt-Thema. Hier sahen wir unsere ernsthaften Lieder, die eine kritische Intention verfolgen, genauso gut repräsentiert wie die Partysongs, z.B. ´Feuer´. Die Stadt brennt eben Samstag Nacht bei einer wilden Party, und sie brennt ebenso, wenn Leute, die ihre Miete nicht mehr zahlen können, von der Polizei zwangsgeräumt und auf die Straße gesetzt werden.“

Was sind wesentliche Unterschiede zwischen dem ersten und aktuellen Album und gab es dafür Motive bzw. Auslöser selbige so zu veröffentlichen?

„Zwischen beiden Alben liegen ja immerhin 10 Jahre, und folglich unterscheiden sie sich natürlich stark durch die Lebenserfahrung und die musikalischen Erfahrungen, die wir in der Zwischenzeit machen durften. ´Aus der Traum´ haben wir ja alle im Alter von zarten 16 oder 17 Jahren geschrieben, da ist es wahrscheinlich kein Wunder, dass wir heute nicht mehr alle so schreiben oder texten würden und dass die Lieder vom neuen Album ein etwas ausgebuffter daher kommen. Was die Alben dennoch verbindet, ist eine Wut, die uns zum Glück nicht abhanden gekommen ist, die Suche nach etwas besserem als dem, was ist, und der Antrieb, als Mensch, Texter und Musiker immer besser zu werden.“

Ihr setzt euch aktiv für gesellschaftliche und politische Themen ein, was in den Texten, darüber hinaus auch an Eurer Unterstützung anderer Organisationen zum Ausdruck kommt!

„Für uns sollte Punkrock schon immer ´more than music´ sein. Als Jugendliche war diese Musik ja gerade deshalb spannend, weil die Bands, die wir gerne hörten, eine Message hatten, die über den Albumkauf hinaus ging. Wir sind selbst politisch denkende und handelnde Menschen. Wenn uns schon mal jemand zuhört, liegt es doch auf der Hand, andere Menschen auf Ungerechtigkeiten, Lösungswege und tolle Initiativen hinzuweisen. Dabei ist es uns wichtig, nur mit Organisationen zusammenzuarbeiten, deren Einstellungen wir zu 100% unterschreiben können.“

Ihr macht Benefizveranstaltungen, Antifascho-Aktionen, Proteste u.a., alles kostet Geld und Zeit. Wer unterstützt Euch, wer zu wenig und seid ihr mit dem Ergebnis zufrieden?

„Die ´Kein Bock auf Nazis´-Kampagne haben unsere Freunde von ZSK initiiert. Wir unterstützen diese enorm wichtige Kampagne aber aus vollem Herzen. Wer lange glauben wollte, dass Nazis nach 1945 in Deutschland kein ernsthaftes Problem mehr darstellen, wurde spätestens mit dem Auffliegen des NSU, der unbehelligt 12 Menschen ermorden konnte, eines besseren belehrt. Dann haben wir Situationen in Form von PEGIDA und Wahlerfolgen der AFD von über 10%. Insofern ist ´Kein Bock auf Nazis´ eine fantastische Kampagne. Zufrieden kann man erst sein, wenn Menschen partout Anderssein nicht mehr stigmatisieren.“

„Unsere Stadt Brennt“ wird von der Musikjournalie als eine ´umwerfende Partyplatte´ gefeiert. Wie viel Pop darf, wie viel Punk muss und wie viel Politik verträgt eine Radio Havanna-Fete?

„´Umwerfende Partyplatte´ ist ein riesen Kompliment! ´London Calling´ von The Clash gilt seit Jahrzehnten als eine der wichtigsten Punkplatten, musikalisch ist das aber Pop reinsten Wassers. Insofern kennt Punk keine Grenzen. Dass Lieder in einem poppigen Gewand auch politische Themen ansprechen, ist für mich kein Widerspruch. Wir spielen Musik, die wir selbst mögen und singen dazu Texte, die uns bewegen! Die Leute, die auf unsere Konzerte kommen, sollen natürlich in erster Linie Spaß haben. Zum Glück sieht das unser Publikum auch so.“

Wenn ihr einen Wunsch frei hättet...?

„Wir hoffen einfach, dass sich die Leute mit frischen Ohren und offenen Augen vor ihre Stereoanlagen setzen, unsere Platte anhören und Gefallen dran finden. Dass sie bei unseren Shows vorbei schauen und in der Zeit dazwischen Dinge tun, die vernünftige Menschen tun: Nett zu dem anständigen Teil ihrer Mitmenschen sein, niemanden wegen seiner Herkunft, sexuellen Ausrichtung, Dioptrin-Stärke oder Linkshändigkeit beleidigen, jeden dritten Abend zwei Bier zu viel trinken und im Büro auch mal pupsen.“

Aktuelles Album: Unsere Stadt brennt (Uncle M / Cargo)
© 01. Februar 2015  WESTZEIT
Februar 2015

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