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EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN - Keine belliziösen Donnerschläge

Fast kann von einem Jubiläumsrausch des Gedenkens an den Beginn des 1. Weltkrieges vor 100 Jahren gesprochen werden. Und irgendwie sind sie dem Grunde nach alle gleich, die Gedanken des Gedenkens. Alle? Nein, nicht alle. Als die Einstürzenden Neubauten mit ihrer Produktion ´Lament´ dazwischen grätschen, wird deutlich, es geht auch anders. Über die Jahre haben sich Einstürzende Neubauten zu einer der wenigen deutschen Bands entwickelt, die international einen echten Impuls aussendet und auf zahlreiche andere Bands und Kunstgenres, von Tanztheater über Bildende Kunst und Film bis heute inspirierend wirkt; von Peter Zadek bis hin zu QuentinTarantino. Da darf man auch in Bezug auf eine Performance den 1. Weltkrieg betreffend einiges erwarten.

Grundannahmen der Performance

Das fängt schon bei den Grundannahmen der Performance an, die eine Auftragsarbeit der Region Flandern ist und die am 8.November 2014 in Diksmuide Premiere hatte und derzeit live in Konzerthallen zu sehen ist. Der doch recht unbekannte Ort erfordert einen kurzen geschichtlichen Einschub. Während des 1. Weltkriegs liegt die Stadt im Frontbereich. Als die deutsche Armee beim Marsch durch Belgien im Oktober 1914 Diksmuide erreicht, wird die Umgebung durch Öffnen der Schleusen der Yser geflutet. Dies führt zu der Schlacht an der Yser. Im Verlauf des Krieges wird die Stadt vollständig zerstört. Doch zurück zu den Prämissen.

„Es war von Beginn klar, dass wir die Gleichung Einstürzende Neubauten sind gleich Krach und Getöse nicht erfüllen werden“, stellt Frontmann Blixa Bargeld klar, „für eine Performance -und es ist eine Performance, das, was man hört ist zunächst das Nebenprodukt dessen, was auf der Bühne geschieht- mit belliziösen Donnerschlägen stehen wir nicht zur Verfügung.“ Eine zweite überaus grundlegende Annahme bezieht sich auf einen Satz von Tom Waits. ´You have to tell a horrible story beautiful.´ Blixa Bargeld führt darauf bezugnehmend weiter aus:

„Es macht für uns keinen Sinn, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts - wie der 1. Weltkrieg immer beschrieben wird - als gepresste Platte rauszubringen. Ebenfalls als Urkatastrophe. Dass wäre deshalb zu einfach, weil wir keinesfalls mit unserer Arbeit dazu beitragen wollen, das man sie einfach wegpacken kann. Rein in die Schublade und aus. Fertig.“

Die Performance ´Lament´ entsteht unter anderem aus umfangreichen Recherchen von Ton-Aufnahmen aus den Jahren 1914 bis 1916 von Kriegsgefangenen aus aller Welt. Zudem wurde umfangreich Material im Militärhistorischen Museum Dresden gesichtet und gehört, das ebenso in die Komposition eingeflossen ist.



In der Reduktion liegt die Kraft

Im Rahmen der Performance ´Lament´ darf auch gelacht werden.

„Das ist wichtig und gut so; denn so bricht wenigstens immer etwas auf. Verändert eingefahrene Blick-winkel. Und gibt Kraft“, fährt Blixa Bargeld fort, „schließlich ist es wesentlich einfacher, Elend, Tod und Schmerz als jeweils solche zu thematisieren und damit abzuschließen, als etwas anderes zu machen und dabei sperrig zu bleiben.“

Ein grandioses Beispiel dafür sind ´The Willy-Nicky Telegrams´. Fast wie ein Liebesduett aufbereitet, ist Willy Wilhelm II. von Preußen und Nicky ist Nikolaus II Zar von Russland. Willy ist Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten und Nicky Blixa Bargeld.

„Das Stück ist in der Kirchentonart phrygisch Moll gehalten und der Einsatz eines Autotune-Vocoders unterstreicht die Doppelbödigkeit der Telegramme“, nimmt Blixa Bargeld den Faden wieder auf, „haben doch beide Nationen längst beschlossen, dass sie in den Krieg ziehen wollen, aber sie bescheinigen sich praktisch auf einem täglichen Level, dass sie nichts als nur den Frieden wollen.“

Dies dann noch in der Melodie von ´Sympathy For The Devil´ zu singen, gibt dem Ganzen eine noch brennendere Draufsicht. Mit der Interpretation von ´On Patrol In No Man’s Land´ und ´All Of no Man’s Land Is Ours´ erfährt die Musik der legendären Harlem Hell Fighters - der afroamerikanischen Kampftruppe, die im 1.Weltkrieg erstmalig zum Einsatz kam, eine Wiederentdeckung und eine späte Anerkennung. Die gesamte Betrachtungsweise der Einstürzenden Neubauten stellt den Krieg als das dar, was er ist, nämlich etwas, was nicht plötzlich einfach so ausbricht.

„Der Krieg bewegt sich nur manchmal nicht. Der Krieg ist keine Krankheit und kein Gefangener. Da kann man so viel humanistische Erde draufkippen, wie man will, als Möglichkeit ist der Krieg immer da“, schließt Blixa Bargeld das Gespräch.

Aktuelles Album: Lament (Mute Records / BMG)
© 01. Dezember 2014  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer ||| Foto: Mote Sinabel
Dezember 2014

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