interviews
kunst
artexpo
cartoon
konserven
liesmich.txt
filmriss
dvd
vorlesungs-
verzeichnis

cruiser
agenda
live reviews
stripshow
lottofoon
kontakt
ENSEMBLE DU VERRE - Ohne Hast und Eile

Es immer wieder spannend, etwas zu entdecken, dass rechts und links Mainstreamweg lockt. Häufig ist das, was sich dort findet auch noch überaus überraschend, interessant oder fesselnd. Im Falle der Hamburger Truppe Ensemble Du Verre ist es alles zusammen. Und zwar so, dass man sich fragt, warum lerne ich das Ensemble Du Verre erst kennen? Eine Formation, die vor Einfallsreichtum nur so sprüht. Vor allem, weil es nicht mal eine Newcomer-Band ist, die das wunderbare Album ´The Light Gets In´ vorgelegt hat. Es gibt bereits fünf vorhergehende Veröffentlichungen. Das dritte Album ´Sanctuary For Animals´ erhält 2008 den Preis der deutschen Schallplattenkritik.

Meditative Mantras

Auch der Name der Band, Ensemble Du Verre, birgt noch etwas, kleines Verblüffendes in sich. Der Kopf und die künstlerische Konstante der Band heißt Sönke Düwer seines Zeichens Multiinstumentalist. Seine Vorfahren sind Hugenotten aus Frankreich und Düwer war mal Du Verre.

„Als ich diese Namensherkunft entdeckte, war der Bandname klar“, lacht der Musiker, „schließlich klingt doch Ensemble Du Verre tausendmal besser, als etwa Sönke Düwer Bigband.“

Und dann bedeutet Verre auf Deutsch ja bekanntermaßen Glas. Und dieser Teil des Bandnamens trifft durchaus eine Aussage über die Musik, genau so, wie der Plattentitel ´The Light Get In´. Das Spiel mit dem Begriff Glas hat also Methode. Die Klänge erscheinen in der Tat fast gläsern. Durchscheinend. Ätherisch. Manches Mal ist das Glas Milchglas und lässt nur den Blick auf Umrisse und Schemen zu. Mal ist es ein Glaskasten, in dem ein einsamer Saxofonist bläst. Mal ist das Glas verspiegelt und wirft die Noten zurück. Mal stehen sich zwei dieser Spiegel gegenüber und werfen die Klänge wie Ping-Pong-Bälle hin und her. Sie werden durch stetige Wiederholung zu meditativen Mantras. Dann ist das Glas wieder prismenförmig und der aufgespaltete Notenstrahl erstrahlt in den Farben des Regenbogens. Dieses Leuchten hat zudem etwas Magisches, dass das hörende Ohr anzieht, wie Motten das Licht. Durch die Tatsache, dass Sonke Düwer nicht einfach drauflos komponiert und produziert, sondern den Stücken eine zusätzliche Reifezeit zuteil werden lässt, wird Musik vorgelegt, die spannend ist und entspannt. Die kontemplativ ist, Musik, die komplett ohne Hast und Eile auskommt. Die Musik des Ensemble Du Verre hält das Herz im Rhythmus und Balsam für die Seele ist.



Offene Formation

Das Ensemble Du Verre ist übrigens keine feststehende Bandbesetzung.

“Das ist gewollt, das Ensemble ist eher eine Basis, auf der man sich trifft und ein Stück des kreativen Wegs gemeinsam geht“, erklärt Sönke Düwer seine künstlerischen Ansatz, „eine offene Formation hat einfach mehr Potential, Neuland zu betreten, weil die jeweils neuen Mitglieder andere Anstöße mitbringen und sich gegenseitig neu und anders fordern.“

Über die Jahre hat sich der Ansatz von Sönke Düwer immer mehr in die elektronische Richtung verlagert. „Mich interessiert dabei allerdings nicht die Fokussierung auf ein Stilmittel“, stellt de Hamburger Künstler klar, „mich interessiert die Verschmelzung von Stilmitteln. Je unpassender sie auf den ersten Blick erscheinen, desto begieriger bin, sie zu verschmelzen.“

Auf ´The Light Gets In´ geben sich vielfältige Stilmittel ein Stelldichein. Hip Hop, Ambient, Singer/Songwriter oder Soul und immer Jazz sind leicht auszumachen. Sönke Düwer verknüpft diese losen Klangfäden zu einem Teppich, dessen Ganzes eben definitiv mehr ist, als die Summe seiner einzelnen Teile.

„Eine künstlerische Grundsatzentscheidung für diese Album war, dass ich unbedingt mit Gesang arbeiten wollte“, fährt er fort, „das ist kein prinzipielles Neuland für mich, aber das Gesangsalbum, dass ich schon gemacht habe, war von Stück zu Stück mit unterschiedlichen Sängerinnen besetzt. Dieses Mal wollte ich mit einer Sängerin eine Sache von vorne bis hinten machen.“

Die Wahl fällt auf die klassisch ausgebildete Jazzvokalistin Schirin Al-Mousa und ihre soulig-warme Stimme. Die Texte lässt Sönke Düwer von der Sängerin selbst schreiben.

„Schließlich kann man nur das überzeugend singen, was man auch sagen möchte“, sagt er. Schirin Al-Mousas Stimme und ihre Texte fügen sich aufs wunderbarste in den von Sönke Düwer erarbeiteten Stilmix ein und werden im Zusammenklang genau so transparent, wie es die Musik während der Komposition schon war.

Aktuelles Album: The Light Gets In (Compost Records / Groove Attack)
© 01. Februar 2014  WESTZEIT ||| Text: Franz X.A. Zipperer
Februar 2014

Links

suche