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CHRYSTA BELL - Die Massage der Nachtschatten

Wem die Frisur des Eraserhead nicht zu exzentrisch, der Elefantenmann nicht zu abnorm, der Wüstenplanet nicht zu trocken, Mulholland Drive selbsterklärend und Inland Empire handwerklich solide erscheint, der sollte sich mal mit dem Debüt-Album von Chrysta Bell beschäftigen.
Warum? Weil Chrysta Bell die neue Muse von David Lynch ist. Der exzentrische Regisseur beschäftigt sich ja schon seit geraumer Zeit vornehmlich mit Musik und hat in Chrysta Bell, die er bereits vor 10 Jahren bei einem Live-Konzert von der Bühne weg adoptierte, offensichtlich den idealen Widerpart für jene rätselhaften, musikalischen Nachtschattengewächse gefunden, die nun auf ´This Train´ versammelt sind. Dass es nahezu 10 Jahre dauerte, bevor das Material nun auf CD vorliegt, spielt dabei eigentlich eine untergeordnete Rolle, denn es klingt wie aus einem Guss und genauso, wie man sich das auch vorstellen dürfte.

„Jaaaa“, pflichtet Chrysta Bell bei (die übrigens Wert darauf legt, ihren Namen nur vollständig zu verwenden), „das liegt aber wohl vor allen an Davids künstlerischen und stilistischen Stempel. Und damit meine ich nicht nur seine Musik, sondern auch seine Filme und seine Malerei. Das ist schon sehr konkret. Jemand hat mal gesagt, das Album klänge wie Twin Peaks im Cotton Club. Das ist seine Essenz, sein Stil, seine künstlerische Natur, denn er hat alle Stücke geschrieben, eingespielt und produziert.“

Aber gesungen hat doch Chrysta Bell, oder?

„Ja – nach Davids Anleitung“, schränkt sie ein, „ich würde gar nicht mal sagen, dass ich seinen Stil weiter entwickelt habe – sondern es ist einfach sein Ding. Und meine Stimme hat sich zwar über die Zeit weiterentwickelt, aber das hat keinen großen Einfluss auf das Ergebnis, denn es geht immer darum, das David die Performances aus mir hervorkitzelte und so das gewünschte Ergebnis erzielte. Meine Stimme ist die ideale Ergänzung seiner Visionen.“

Das heißt also, Chrysta Bell ist das Medium, das uns David Lynchs Welt interpretiert – etwa in Form der verschiedenen Charaktere, die sie – ähnlich einer Schauspielerin – in den recht unterschiedlich angelegten Songs interpretiert?

„Hm – das hat mich noch niemand gefragt“, zögert sie, „aber ich würde das durchaus bejahen wollen, denn Davids Erfahrungen beziehen sich ja hauptsächlich auf Schauspieler. So ist also sein Ansatz, mich in eine bestimmte Stimmung zu versetzen, indem er mit mir bestimmte Set-Ups ausprobiert. Das sind dann aber – wie Du sagst – Charaktere. Diese beinhalten natürlich auch immer einen Teil von mir, aber er regt mich auch immer an, bestimmte Teile meiner Persönlichkeit besonders intensiv auszuloten.“

Und wie funktioniert die Symbiose Lynch/Chrysta Bell?

„Nun, wann immer David einen Song geschrieben hatte, von dem ich das Gefühl hatte, diesen Singen zu können, haben wir versucht, das Wesentliche dieses Songs herauszufiltern und diesen so lange zu massieren, bis es passte. Ich habe dann die Melodien dazu entwickelt und mich in den Song hineinversetzt, was deswegen mühelos klappte, weil Davids und meine Essenz grundsätzlich kompatibel sind.“

Nun – anders wäre eine solche Zusammenarbeit ja auch gar nicht möglich, denn schließlich gibt es keine Möglichkeit, die Bedeutung von David Lynchs Visionen herauszufinden. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass Chrysta Bell – mit Ihrer Band - nun auch in eigener Mission als Songwriterin unterwegs ist.

„Es ist zwar manchmal ganz schön schwierig, aber auch sehr spannend – weil man nie weiß, was passiert und man auch nie weiß, was am Ende dabei herauskommt. Es ist ein Prozess des Ausprobierens und Verwerfens – jedenfalls für mich. Ich möchte, dass mein neues Album sehr stark wird und meine Weiterentwicklung zeigt.“

Aktuelles Album: This Train (JSM / Rough Trade)
© 01. Februar 2014  WESTZEIT ||| Text: Ullrich Maurer ||| Foto: Arseni Jabiev
Februar 2014

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