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PARAMORE

Zwielicht der Dämmerung

PARAMORE

Alarmstufe 1 beim Abhören des neuen Albums von Paramore! Hayley Williams und ihre vier Boys sind derzeit die Jugendrockband der Stunde, daher darf „Brand New Eyes“ lediglich im Office der Plattenfirma angehört werden. Mit Kopfhörer und Aufpasser – hemmungslos, wie erwartet.

Für Paramore wird damit ein neues Kapitel aufgeschlagen. Oder startet für Josh Farro (Gitarre), Zac Farro (Drums), Jeremy Davis (Bass), Taylor York (Gitarre) und Sängerin Hayley Williams gar ein ganz neues Abenteuer? Schließlich ist das zweite Paramore-Studioalbum „Riot“ seit Urzeiten betourt worden.

Williams: „Ja, es ist....wie ein Neustart, es macht richtig Spaß. Erstmals seit langer Zeit hatte ich wieder das Gefühl, über unsere (neuen) Songs sprechen zu wollen. Und ich bin ganz aufgeregt zu erfahren, was die Leute darüber denken. Ich bin glücklich, wenn die Leute sie hören können, und wir positive Kritiken bekommen.“

Dieser Wunsch wird erst ab dem 25. September realisiert werden können. Bis dahin müssen sich die Fans damit begnügen, Kritiken zu lesen, die „Brand New Eyes“ pumpende, treibende Beats, permanente Schlagzeugwirbel und gniedelnde Gitarren bescheinigen. „Misguided Ghost“, der `favorite´ LP-track des Autoren dieser Zeilen, schlägt mit seinen latent `spanischen´ Gitarren gar eine Brücke zu Nelly Furtado, nähert sich später gar den `old-school-Sounds´ von Suzanne Vega / Edie Brickell. „Kooking Up“ erfüllt dagegen, wie ein Großteil des neuen Repertoires, den „Power-Girl-Traum“ von Teens & Twens. Williams wurde bisher „the great orange hope“ oder auch „Anti-Avril“ (Lavigne) bezeichnet. Ist das nun vorbei? Kann man so etwas aussitzen?

Williams: „Ja. Ich denke, je mehr wir machen, desto weniger nehmen wir solche Zitate ernst. Das kommt am Ende besser für uns. Wir wollten nie wirklich mit dem Strom schwimmen, sind aber auch nie wirklich gegen den Strom angeschwommen. Wir sind uns einfach treu geblieben. Die steten No Doubt-Vergleiche die ganze Zeit... Jetzt, wo wir den ganzen Sommer zusammen mit ihnen auf Tour sind, höre ich weniger No Doubt-Vergleiche... Alles geht einmal vorbei. Jeder hat seine Meinung, möchte sie ausdrücken, und kommt dann mit einer anderen Meinung wieder daher...“

Lassen wir kurz die Vergangenheit Revue passieren: Nach dem Paramore-Debut „All We Know Is Falling“ (2005) erfolgte mit „Riot!“ (2007) der weltweite Durchbruch. Beim 2007er „Rock am Ring“-Festival musste Paramore noch um circa 14.00 Uhr performen.

„Ich erinnere mich genau daran,“ sagt Antoine Laval, französischstämmiger Drummer der ähnlich strukturierten Hamburger Power-Pop-Formation The Dashwoods. „Es war am Samstagmittag, vor ungefähr 2000 Leuten auf der Centerstage. Die Hälfte der Ringrocker schlief noch. Auch ich wollte gar nicht zu der Band, hörte sie aber von weitem...und sie zog mich an! Hayley war damals blond, sie flitzte von einer Ecke in die andere. Stichwort `Quirrlig´. Ich glaube, Paramore haben 40 Minuten performt. Am Ende dachte ich, dass kann man sich echt noch mal angucken!“

Im darauffolgenden Jahr erschien die Live-CD/DVD „The Final Riot!“.

Laval: „2008 spielten sie vor circa 6000 Menschen im total überfüllten Clubtent. Der Schweiß tropfte von der ersten bis zur letzten Minute von der Decke. Ich erinnere noch, dass einige Leute aus dem Zelt gegangen sind, weil es zu heiß war. Die Band war nicht mehr ganz so `spritzig´, dafür aber souveräner, etwas härter, erwachsener, älter. Paramore war wesentlich mehr mainstream-orientiert. Damit war mehr Pop / Massentauglichkeit im Spiel. Der ganze Ring war zu der Uhrzeit, circa 22.15, auf den Beinen. Wer weder die Söhne Mannheims noch Metallica hören wollte, die beide zur selben Zeit spielten, ging zu Paramore. Das Zelt war schnell voll, hunderte von Fans mussten draußen bleiben.“

Der Soundtrack zu „Twilight – Bis(s) zum Morgengrauen“ krönte mit den enthaltenen Hits „Decode“ & „I Caught Myself“ ein sehr erfolgreiches Paramore-Jahr. Es muss schwierig sein, von der ständigen `Tourerei´ wieder herunterzukommen, ein `normales´ Leben zu führen, und dann neue Themen zu finden, über die man schreiben kann. Oder?

Williams: „Es gab zwischen `Riot!´ und dem neuen Album gar kein normales Leben mehr. Um ehrlich zu sein: Wir hatten nicht wirklich Freizeit. Viel Zeit ging für die Promotion von `Twilight´ und Radio-Shows drauf. Unser Aufstieg, Interviews, Online oder die Medien im Allgemeinen...es war keine leichte Zeit. Ich weiß nicht, wie mein Leben verlaufen würde, wenn es normal sein würde. Ich weiß nicht, wie das für mich aussehen würde. Ich glaube auch nicht, dass ich ein normales Leben haben möchte. Man könnte sagen, ich genieße den chaotischen Charakter des Musik-Business...“

Hat Hayley den „Twilight“-Film bisher oft angesehen?

Williams: „Einmal! Nein, ich habe gelogen. Ich ging den Film zweimal ansehen. Ich musste noch einmal mit meiner kleinen Schwester hin. Viele meiner Freunde haben den Film 8/9 mal gesehen. Ich dachte, die Jungs sind verrückt, die Tickets kosten heutzutage ungefähr zwölf Dollar. Ich glaube nicht, dass ich mir einen Film so oft ansehen könnte!“

Doch pure Vernunft sollte niemals siegen!

Das gilt für Musik ebenso wie in der Liebe – Passenderweise handelt ein Großteil der Songs vom neuen Album von Liebe, Vertrauen und Loyalität.

Williams: „Ich werde nicht hinausgehen, und politische Lieder schreiben. Oder etwas thematisieren, über das ich nicht genau bescheid weiß. Weißt Du, wenn eine Zwanzigjährige versucht, Dinge zu predigen, die sie nicht vollständig versteht, wäre das wirklich lahm. Was natürlich nicht heißen muss, dass ich alles verstehe, was in einer Partnerschaft passiert. Oder das ich das ganze Leben, welches ich lebe, vollständig beherrsche. Aber wenn ich eins wirklich leidenschaftlich betreibe, dann sind das Partnerschaften. Dies beinhaltet nicht nur die Liebe, sondern auch die Wechselwirkungen bei Freundschaften im Allgemeinen. Ich habe das Gefühl, dass ich ehrlich / aufrichtig meinen Standpunkt vertreten kann. All das fand sich immer auch auf unseren Platten, doch `Brand New Eyes´ fokussiert die Thematik der Freundschaften mehr als die letzten beiden Alben.“

Als Singleauskopplung wurde „Ignorance“ auserkoren.

Williams: „´Ignorance´ beleuchtet aus meiner Sicht den Umstand, sich ausgegrenzt und einsam zu fühlen. Das macht mich zornig. Im Song spreche ich mit Leuten, die ich für meine Freunde hielt.“

Sind derlei Thematiken eine Basis für den Schlüssel zum Erfolg?

Williams: „Um ganz ehrlich zu sein – wir wissen, was für ein Glück wir haben. Es gibt nicht den einen großen Auslöser, von dem ich sagen kann, dies war der Moment, der den Stein ins Rollen brachte. Ich glaube, unser Vorankommen liegt eher daran, dass wir um jeden Preis eine Verbindung zu unseren Fans suchen. Wenn wir streiten, oder andere Dinge durchmachen, können uns die Fans online stets mitteilen, was sie davon halten. Genau wie die Leute, die uns kennen, die ohne Zweifel mit uns verbunden sind. Wir haben einfach das Gefühl, etwas aufzubauen, was nicht so schnell wieder verschwinden wird.“

Die Band Paramore muss sicher noch viel lernen. Doch sie hat das Glück, ein Publikum anzusprechen, dass noch wirklich „heiß“ ist. So wird der Beifall am Ende der kommenden „Brand New Eyes“-Tour abermals in einem wilden Rauschen enden, was für die Musiker(innen) natürlich sehr erstrebenswert ist. Diese schöne Phase des Erfolges ist einfach zwingend dazu da, sie zu genießen. Denn der Gestus der Angekotzheit wird sich leider, mit zunehmendem Alter, auch vor Paramore sicher nicht verschließen... es sei denn, die Musik der Formation besitzt die Kraft und die Intelligenz, sich nach subjektiv zwei weiteren Longplayern, dahingehend weiterzuentwickeln, dass sie mit der Lebenserfahrung der Fan-Klientel mit wächst. Und sie auch dann noch zu begeistern vermag, wenn einige Frisuren bereits zu Fleisch geworden sind....

Aktuelles Album: Brand New Eyes (Warner)

Foto: Ryan Russell

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