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THE NATIONAL

See you later

Also, den Titel dieser Story provozieren die Jungs von The National aber wirklich selber! Zumal es eigentlich keinen rechten Grund gab, das Album „Alligator“ zu nennen, wie sich dann herausstellt. Daß es eine lange Tradition von Tiernamen-CDs gäbe, redet sich Matt Berninger, der Sänger und Poet der Truppe aus New York heraus, und daß es eine Zeile in dem Song „City Middle“ gäbe, in der ungefähr annäherungsweise der Begriff „gator“ auftauche. Was letztlich bedeutet, daß sich jeder alles selber zusammenreimen kann oder darf.

Interpretieren wir es mal so, daß „Alligator“ ein kraftvolleres, robusteres Werk geworden ist, als das noch eher fragile Debüt „Sad Songs For Dirty Lovers“ – ohne allerdings die feinfühlig morbide Tristesse einzubüßen, derentwegen The National auch immer wieder gerne mit englischen Schwerenötern verglichen werden. „Wir wollten dieses Mal Songs schreiben, die wir vorher noch nicht geschrieben hatten. Auf keinen Fall sollte die neue Scheibe ein zweites ‘Dirty Lovers’ sein“, meint Matt – der sich im Gespräch weit weniger verzweifelt und desolat anhört, als wenn er sich die Seele aus dem Leib croont, „wir wollten ein Klangbild das schon ziemlich kraftvoll ist, aber auch ein wenig rauh und auf gewisse Weise intim. Deswegen ist es uns auch wichtig, daß wir zumindest einen Teil unseres Materials immer zu Hause aufnehmen. Es ging uns nicht darum, einen Live-Sound einzufangen. Für uns waren ´Live´ und ´im Studio´ schon immer verschiedene Medien - schon bei der ersten Scheibe, die wir ja aufgenommen haben, bevor wir live auftraten. Es ist auch so, daß unsere Songs weiterleben, nachdem wir sie aufgenommen haben. Es macht Spaß, sie auseinanderzupflücken und wieder neu zusammenzusetzen. Dabei muß man auch sehr geduldig mit einem Stück sein. Man kann es nicht in eine bestimmte Richtung zwingen. Und noch etwas: Wenn man einen Song aufnimmt, ist dies nicht notwendigerweise die korrekte oder ultimative Version. Es ist mehr ein Schnappschuß dieses Stückes zu einem bestimmten Zeitpunkt – eine Momentaufnahme. Wir lassen unsere Tracks aber noch erwachsen werden, nachdem sie geboren worden sind.“ Die sich so ergebende Mischung aus kraftvoll hingerotzen Gitarrenriffs und lyrischen, z.T. mit Streichern illustrierten Akustikpassagen in Kombination mit der eher düsteren, an englischen Vorbildern orientierten Grundtendenz und den komplexen Texten Matt’s ergibt dabei unter dem Strich eine recht kurzweilige, eigenständige und vielschichtige Melange. „Vielschichtigkeit“ ist hierbei das Stichwort. Sowohl musikalisch wie auch textlich spielt sich bei The National immer alles gleich auf mehreren, verschiedenen Ebenen ab. „Ja, genau, das ist meine Absicht“, erläutert Matt, „ich will, daß ein Song reist, Bestand hat, sich weiterentwickelt. Innerhalb eines Stückes möchte ich dann die Gänge wechseln.“ So schön, so gut, doch wie organisiert man das? „Gedanken sind wie das Werfen einer Münze: Man weiß nie, in welche Richtung sie wechseln werden“, erklärt Matt mit orientalischer Lässigkeit, „so schreibe ich auch meine Songs. Wenn ich z.B. immer wieder das selbe sage, nur ein Thema abhandle dann finde ich das nicht besonders toll. Deswegen gibt es in meinen Stücken auch immer mehrere Ebenen, versteckte Bedeutungen, Impulse unter der Oberfläche – so wie Felsen im flachen Wasser; Motivationen, die etwas auslösen können.“ Auch wenn sich das jetzt eher esoterisch anhört: Mit „Alligator“ ist The National recht konkret ein großer Wurf gelungen.

Aktuelles Album: Alligator (Beggars/Indigo)

© 01. April 2005  WESTZEIT ||| Autor: Ullrich Maurer