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CRACKER

Affen an die Macht

Cracker ist eine Combo, die schon seit ungefähr 10 Jahren immer irgendwie dagewesen ist, ohne daß man sie deswegen unbedingt dauernd gegenwärtig hat. Kommt dann allerdings ein neues Album heraus, wie z.B. jetzt "Forever", wird man immer wieder daran erinnert, was für eine tolle Band die Jungs um David Lowry und Johnny Hickman eigentlich so sind. Das liegt unter anderem daran, daß David Lowery, der als vielgesuchter Produzent (z.B. Sparklehorse) ja eh genug zu tun hat und Johnny Hickman, der Gitarrist, sich als Band selbst nicht soooo wichtig nehmen.

Der Eindruck drängt sich auf, daß Cracker einfach ein Haufen Musikfans sind, die gerne zusammen etwas aufnehmen. Einen Masterplan gibt es dabei nicht. "Johnny und ich schreiben getrennt", erklärt David, "dann treffen wir uns alle zusammen – Cracker sind 5 feste Mitglieder und wer immer sonst noch dazukommt – und dann sehen wir, was dabei herauskommt." Dabei überraschen Cracker durch einen erstaunlich kohärenten Sound, große Stilfreiheit und eine beeindruckende Ansammlung von schrägen Typen in den Texten. Alles Erfindungen, wie sich herausstellt. "So schreibe ich nun mal meine Songs", meint David, "ich bin zu Faul, anders zu arbeiten. Wenn ich außerdem nur autobiographisches Zeug schreiben würde, wäre das zu langweilig. Ich bin schließlich nicht Iggy Pop – der könnte so was vielleicht." "David erfindet aber sehr gute Charaktere", fügt Johnny hinzu, "man kann sie förmlich vor sich sehen. Er schreibt definitiv nicht über das, was er anderswo mal gehört hat, sondern er schreibt sehr kreativ – und auch selbstverständlich. Für mich steht er damit in einer Reihe mit Randy Newman oder Tom Waits."

Das betrifft – wie gesagt – die Charaktere. Gibt es aber darüber hinaus ein thematisches Konzept auf dem neuen Album? "Nö, wieso?" Weil zum Beispiel in jedem zweiten Stück Affen vorkommen. "Ach das – ja klar, das war Mark Linkous (Sparklehorse) Idee", fällt es David wieder ein, "Mark hat auf einem Stück Gitarre gespielt. Wir haben dann zufällig über solche Typen wie Roky Erkison oder Syd Barrett gesprochen, die Scheiben aufgenommen haben, kurz bevor sie wahnsinnig wurden. Wir haben uns überlegt, daß wir so was auch mal machen müßten. Allerdings nicht so offensichtlich – vielleicht wie die Scheibe vor der besagten Wahnsinnsplatte. Wo man schon merkt, daß etwas nicht stimmt, aber man noch nicht erkennen kann, daß der Typ wahnsinnig wird. Deshalb kommen da dauernd die Affen vor. Weiter hat das aber nichts zu bedeuten." Das ist ein typisches Stück Cracker Logik: Sinnloses Zeug muß zumindest bedeutungsschwanger daherkommen. David oder Johnny nehmen jede Gelegenheit wahr, sich inspirieren zu lassen. Auch musikalisch. Diesmal gibt es z.B. Sly & The Family-Stone Referenzen. "Hey, gut, daß Du darauf hinweist", meint David ganz begeistert, "für uns gab es immer zwei diesbezügliche Einflüsse. Sly und War. War waren in Europa vielleicht durch die Zusammenarbeit mit Eric Burdon bekannt, aber bei uns hatten die mindestens 10 Hits. Die waren so cool – da war ein Holländer in der Band und hat Mundharmonika gespielt, wußtest Du das? Na ja, also Sly war definitiv eine Inspiration für uns. Allerdings war ´Ain´t That Strange´ zunächst gar nicht funky. Das kam daher, daß jemand in der Mittagspause versehentlich einen falschen Rhythmus-Track eingelegt hatte." Man mag es also, sich selbst zu überraschen? "Das ist sogar ein absolutes Muß", grinst Johnny. Irgendwie hat man den Eindruck, daß Cracker den Rock´n´Roll so verstanden haben, wie er eigentlich verstanden werden sollte: Daß es nämlich vornehmlich um die Musik und den Spaß dabei geht und weniger um Schubladen-, Marketing-, oder sonstiges Konzeptdenken. Denn: Man will sich ja schließlich auch in Zukunft weiter überraschen. Die Hörer dürften eh überrascht sein ...

© 01. Februar 2002  WESTZEIT ||| Autor: Ullrich Maurer