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THE DIVINE COMEDY

Ziemlich bekloppt

„Ich versuche, normale Platten zu machen, aber am Ende lande ich doch immer wieder auf seltsamem Terrain“, sagt Neil Hannon lachend. Neuestes Paradebeispiel ist ´Office Politics´, das zwölfte Studioalbum seiner Band The Divine Comedy, auf dem der 48-jährige nordirische Charismatiker klanglich des Öfteren sein Faible für klassischen Synthpop und New Wave an die Stelle von schwelgerischem kammerpopmusikalischen Glamour rücken lässt, während in den nicht selten ironiegetränkten Texten die moderne Bürowelt mit all ihren unterschiedlichen Charakteren und Maschinen zum Spiegelbild einer immer schwerer zu verstehenden Welt wird.

Mit großem Geschick und ein wenig Glück navigiert Neil Hannon seine Band nun schon seit 30 Jahren durch die Untiefen des Musikbusiness und hat sich dabei nie verbiegen müssen.

„Ich habe einen – meinen! – Traumjob, und alles, was ich mir je erträumt hatte, wurde mehr als nur erfüllt“, bestätigt er, als er Anfang April für Interviews in Berlin weilt. „Zugegeben, wir sind nie eine Stadionband geworden, wie ich mir das mit 16 ausgemalt habe, als ich U2 im Croke Park in Dublin gesehen habe, aber letztlich ist es sogar besser so. Ich genieße die Vergünstigungen – die großartigen Fans, die tollen Konzerte, die Gelegenheiten, Platten nach meinem Gusto machen zu dürfen –, werde aber auf der Straße zumeist in Ruhe gelassen.“

Zwischen Pop, Rock, Chansons, Cabaret, Klassik und Jazz hat Hannon über die Jahre nicht nur eine unverwechselbare musikalische Handschrift entwickelt, bis heute fällt es ihm auch leicht, immer wieder neue, originelle Looks für seine kauzig-bunten, gerne mit haarsträubenden Übertreibungen garnierten Songs zu finden.

„Das liegt vermutlich daran, dass es wahnsinnig viele, genau genommen sogar unendlich viele Möglichkeiten gibt, Musik zu machen“, sinniert er. „Das Schwierigste dabei ist, sich ein, zwei Sachen herauszupicken und nicht als Genre-Streubombe zu enden – auch wenn ich einige Platten gemacht habe, bei denen man den Eindruck gewinnen könnte, dass ich jedes Genre auf einmal meistern wollte. ´Liberation´ zählt sicherlich dazu und bis zu einem gewissen Punkt sicher auch die neue.“

Die unüberhörbare klangliche Kurskorrektur auf ´Office Politics´ ist allerdings nicht allein dem Wunsch Hannons geschuldet, sich nicht zu wiederholen. Vielmehr suchte er nach einem adäquaten Sound für seine textlichen Ideen.

„Ich denke, als Künstler ist es meine Pflicht, den richtigen Rahmen für das zu finden, was ich ausdrücken will“, sagt er bestimmt. „Was ich in den Texten anspreche, wollte einfach nicht zu dem lieblich-orchestralen 60s-Vibe meiner früheren Platten passen, deshalb habe ich mich einer anderen Phase der Musikhistorie zugewandt, die mir fast genauso sehr am Herzen liegt – die späten 70er und frühen 80er.“

Ob des bisweilen herrlich abstrusen Kaleidoskopsounds der neuen LP scheint es fast so, als sei es Hannons Ziel gewesen, noch verrückter zu sein als die verrückte Welt da draußen, die uns täglich mit immer schwerer zu fassenden Nachrichten in Atem hält – auch wenn er das schallend lachend verneint:

„Ich glaube, das Album kommt diesem Ziel noch nicht einmal nahe, denn so verrückt wie die Welt derzeit ist, habe ich Probleme, mitzuhalten! Dennoch: Die Platte ist in manchen Teilen schon ziemlich bekloppt!“

Schließlich ist ´Office Politics´, zumindest in der Vinylversion, das erste Doppelalbum der langen Divine Comedy-Bandgeschichte – mit all den Vorzügen und Nachteilen, die dieses Format schon immer mit sich brachte.

„In der Vergangenheit war ich stets sehr selbstkritisch und habe meine Arbeit immer sehr stark überarbeitet, damit die Platten ein ästhetisch ansprechendes Ganzes bilden“, erklärt Hannon. „Dieses Mal wollte ich mich weniger selbst zensieren und einige der schrägeren Ideen durchrutschen lassen.“

Apropos schräge Ideen: Welcher Irrglaube über Neil Hannon hält sich eigentlich bis heute am hartnäckigsten?

„Viele Leute glauben, dass ich ein dekadenter Ästhetiker bin, der mit einem Gehstock durch die Parks Londons spaziert. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein!“, erklärt er. „Ich mag Pizza mehr als gehobene Gastronomie und ich bin auch kein intellektueller Bücherwurm, weil ich nicht viel zum Lesen komme, denn meine Konzentration wird mir ständig von Fußball und Videospielen geraubt. Ich bin ein richtiger Faulenzer!“

Aktuelles Album: Office Politics (Divine Comedy Records / PIAS / Rough Trade)

© 01. Juni 2019  WESTZEIT ||| Autor: Carsten Wohlfeld ||| Photograf: Ben Meadows