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BIG THIEF

Treibstoff Leben

Big Thief haben sich ihren Erfolg auf die altmodische Art verdient: mit Talent und sehr viel harter Arbeit. Seit der Veröffentlichung ihres keinesfalls ironisch ´Masterpiece´ betitelten Erstlings sind die amerikanischen Indie-Folk-Überflieger praktisch ständig unterwegs gewesen und dabei zu engen Freunden geworden. Ihr bereits treffend als „Musik für Tagträumer, die nie aufwachen wollen“ beschriebenes neues LP-Highlight ´U.F.O.F.´ ist nun Ausdruck dieser tiefen Verbundenheit.

Die Melancholie-getränkte Erhabenheit, die bereits die ersten beiden Platten von Big Thief ausmachte, findet sich auch auf ´U.F.O.F.´, gleichzeitig klingt das in der Abgeschiedenheit der Bear Creek Studios im US-Bundesstaat Washington größtenteils live im Studio und mit viel Raum für spontane Eingebungen aufgenommene neue Werk mehr denn je wie aus einem Guss. Widmeten sich Big Thief in der Vergangenheit gerne den musikalischen Extremen, sind die neuen Lieder nun deutlich stärker verdichtet. Im Spannungsfeld von Folk, Indierock und Dream-Pop fließen das Fragile und das Aggressive dieses Mal subtiler als je zuvor zusammen. Die Plattenfirma sieht das Album zwischen Meditation und stiller Ekstase, und besser lässt sich die konsequente Weiterentwicklung der Band kaum beschreiben.

In Zeiten, in denen auch in Indie-Kreisen der Trend immer mehr zu Stromlinienförmigkeit neigt, sind Big Thief eine Band wie kaum eine zweite. Nicht nur, dass sich Adrianne Lenker, Buck Meek, Max Oleartchik und James Krivchenia ihre Inspiration am liebsten abseits des ausgetrampelten Pfades suchen – sie brennen auch für ihr Tun. Das kann man ihren umwerfenden Platten genauso anmerken wie ihren Konzerten zwischen aufrührerischer Wucht und verletzlicher Intimität.

„Ich denke, das ist das Resultat der Tatsache, dass es uns allen sehr wichtig ist, im Einklang mit dem Kern unserer Seele zu sein – als Individuen wie auch gemeinsam als Band“, versucht sich Frontfrau Lenker an einer Erklärung, als sie Westzeit in Berlin Rede und Antwort steht.

„Wir fühlen uns nicht Ruhm oder Geld, sondern ausschließlich gegenseitig verpflichtet und möchten dabei so sehr wie möglich in die Tiefen des Geistes der Musik eintauchen.“

Genau das tun sie auch auf ihrem neuen Werk. Textlich stellt Lenker derweil auf ´U.F.O.F.´ das Mysteriöse, ja, das Esoterische stärker in den Mittelpunkt, ohne deshalb ihr Gespür für besondere Geschichten und ungewohnte Blickwinkel zu verlieren, das sie auch schon in der Vergangenheit zu einer der ungewöhnlichsten Songwriterinnen ihrer Generation gemacht hatte. Dabei ist das Schreiben für sie mit der Zeit längst zu einer Notwendigkeit geworden.

„Das ist für mich ein konstanter Prozess, seit ich etwa zehn Jahre alt war“, verrät die inzwischen 28-Jährige. „Gelegentlich habe ich allerdings Phasen, in denen ich nicht schreibe, und das kann ganz schön furchteinflößend sein. Die Vorstellung, die Gabe zu verlieren, macht mir Angst, denn das ist meine Art, zurück zu mir selbst zu finden. Wenn ich längere Zeit nicht schreibe, fühle ich mich auf schmerzhafte Weise entkoppelt.“

Auch wenn Big Thief inzwischen längst nicht mehr nur Berufung sind, will Lenker die Band und das Songschreiben dennoch nicht als Beruf betrachten.

„Zum Glück hatte ich noch nie eine solche Blockade, dass sich das Schreiben wie ein Job angefühlt hätte“, sagt sie. „Es gefällt mir nicht, wenn ich die Kreativität erzwingen muss. Ich mag es, wenn sie nach mir verlangt, und folge dann ihrem Ruf.“

Nach drei rastlos-intensiven Jahren ohne größere Pausen – „Während der ganzen Zeit hatte ich keine Rückzugsmöglichkeiten oder eine eigene Tür, die ich mal schließen konnte“, erinnert sich Lenker kopfschüttelnd – wissen Big Thief inzwischen aber auch, wie wichtig Atempausen für das kreative Vorankommen sind.

„Bevor wir anfingen, so viel in die Band zu investieren, hatten wir ja alle ein Leben, und genau das hat uns mit Treibstoff für die Musik versorgt“, sagt Lenker. „Irgendwann realisierst du, dass die Band nur dann wachsen und aufblühen kann, wenn die Beteiligten auch ein Dasein abseits der Tourneen haben. Worüber willst du sonst schreiben?“

Aktuelles Album: U.F.O.F. (4AD / Beggars) VÖ: 03.05.

© 01. Mai 2019  WESTZEIT ||| Autor: Carsten Wohlfeld