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ROGERS

„Wir haben viel, aber kein Leben!“

Die Düsseldorfer Punkrocker Rogers waren in den letzten eineinhalb, wenn nicht gar zwei Jahren durchgehend präsent. Sei es mit ihrem dritten Album ´Augen auf´, welches im September 2017 erschienen ist, mit Musikvideos zu ausgekoppelten Singles oder mit Tour-Ankündigungen. Kaum hat sich die Aufregung auch nur ansatzweise gelegt, legt das Quartett auch schon nach – mit Album Nummer 4. Auf den Tag genau 18 Monate nach ´Augen auf´ soll ´Mittelfinger für immer´ bereits erscheinen.

„Blöd gesagt: Wir machen weder Jazz, noch Tech-Metal“, begründet Artur Freund das schnelle Vorgehen. „Du findest bei uns weder krasse Pentatonik, noch krasse Musiktheorie. Es gibt immer vier, fünf Akkorde – ein gutes Grundgerüst, keine hochkomplizierten Melodieläufe. Das Songwriting beschränkt sich auf bestimmte Mittel und was die Texte angeht: Wir sind alle Künstler – wir könnten dir wahrscheinlich innerhalb von drei Wochen Texte für zwei Alben ausspucken. Die Frage ist dann allerdings, ob sie auch qualitativ gut wären. Wenn man das damit vergleicht, dass wir innerhalb von zwei Jahren mit drei Köpfen zwölf neue Songs geschrieben haben, waren wir nur „so lala“-fleißig. Ich denke, es ginge auch noch fleißiger. Schneller würden wir es aber nicht machen wollen – vielleicht ist es sogar zu schnell gewesen, wer weiß? Da müssen wir noch das Feedback abwarten. Ich denke aber, dass es da draußen auch Leute gibt, die noch sehr viel schneller solche Alben schreiben müssen“

„Diese Geschwindigkeit ist allerdings kein großes Talent, sondern nur außergewöhnlich aufgrund dessen, was man von der Bandlandschaft sonst gewohnt ist“, fügt der Bassist an. „Viele Bands ruhen sich sehr lange auf einem Album aus. Viele müssen das auch, weil sie weltberühmt sind. Bis sie erst einmal in jedem Land mit dem Album gespielt haben, dauert es – Luxusproblem. Als Robbie Williams bringt man dann eben nur alle vier Jahre ein neues Album heraus.“

„Wir haben immer schnell Angst, vergessen zu werden“, ergänzt Sänger Chri Hoffmeier.

Doch wer könnte das Punkrock-Quartett denn nach den letzten vollgepackten zwei Jahren schon vergessen? Eine Ankündigung folgt der nächsten, Videos werden gedreht, Songs geschrieben, Touren gespielt. Da kann man sich schon fragen, ob die Mitglieder nicht doch ihre Wohnungen gekündigt hätten und mittlerweile im Bandbus wohnen würden. „Wir haben zumindest alle kein Leben. Wir haben viel, aber kein Leben“, entgegnen sie lachend.

Auf ihrem neuen Album ´Mittelfinger für immer´ setzen sie dort an, wo sie bei ´Augen auf´ stehengeblieben sind: Etwas melancholisch und kritisch von vorne bis hinten. Doch manchmal auch warm und freundlich, hoffnungsvoll und poppig.

„Pop ist an sich ja nichts Schlimmes“, so Hoffmeier. „Inzwischen habe ich aber auch gelernt, etwas facettenreicher zu singen – angepasst an den Texten und der Geschichte, die ich erzählen möchte. Wo früher in allererster Linie Lautstärke wichtig war, schaue ich nun, dass ich je nachdem entweder freundlicher oder aggressiver singe.“

Weitere Abwechslung bringen die Gastsänger Matthias Tarnath von Nasty, Schmiddelfinger und Ingo Donot, die teilweise sogar ihre Parts selber geschrieben haben.

„Wir haben Schmiddel für ´Hartes Leben´ einfach einen Beat gegeben und ihn machen lassen – beim Hip-Hop wird innerhalb der Zeit auch doppelt so viel erzählt. Ingo hat ein Viertel des Textes von Schmiddel, aber einen doppelt so langen Part“, erinnern sie sich grinsend. „Ingo hat im Studio nur Silben angepasst. Wenn er auf unserem Album singt, wollen wir ja nicht, dass es so klingt, als würde Chri nur mit Ingos Stimme singen. Dann wollen wir auch Ingos Phrasierung und den Donots-Charakter.“

„Mit den Features – gerade in Bezug auf Ingo Donot – möchten wir zeigen, dass wir nicht nur Freunde sind, sondern auch einen Konsens teilen. Verbundenheit hat immer schon eine gewisse Wirkung erzeugt und es macht Spaß zu wissen, dass eine Band mit uns zusammen singt und dieselbe Meinung hat – gerade dann, wenn es gesellschaftskritisch wird. Ohne die Features hätte ´Mittelfinger für immer´ weniger Meinungen, weniger Köpfe, weniger Stimmen.“

Und wem war euer letzter Mittelfinger gewidmet?

Chri: „Den hatte ich vorgestern, als ich mit dem Fahrrad gefahren bin. Er ging an einen netten BMW-Fahrer. Liebe Grüße!“

Aktuelles Album: Mittelfinger für immer (People Like You / Sony Music) Vö: 08.03.

© 01. März 2019  WESTZEIT ||| Autor: Leonie Wiethaup ||| Photograf: Artur Roger