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FERRIS MC

Neuanfang im Wendland

Sascha Reimann identifiziert sich als „kleiner Punk und Hip-Hopper der 90er“. Als jemand, der endlich wieder krampflos Musik machen wollte. Vieles im Deutsch-Rap ertrage er nicht mehr – es ginge dort vor allem um die geschäftliche Basis; darum, so viele Einheiten wie möglich zu verkaufen. „Scheiß auf alles, Hauptsache das Geld kommt rein“. Er habe es satt, nur noch von Statussymbolen zu hören. Von Dingen, die jemand erreicht hat oder auch nicht.

Für sein neues Album ´Wahrscheinlich Nie Wieder Vielleicht´ hat er daher alles anders gemacht: Rockmusik sollte es sein; entstanden in enger Zusammenarbeit mit Madsen.

„Wir haben alles gemeinsam gemacht – von Null an. Ich war einige Wochen bei ihnen im Wendland und von essen über lachen und Spaß haben bis zum Texten und Musik schreiben haben wir alles zusammen gemacht. Es hat sich angefühlt, als sei man wieder 16 und arbeite am Debütalbum!“

Abgesehen davon: Bist du für ´Wahrscheinlich Nie Wieder Vielleicht´ aktiv anders vorgegangen als sonst?

„Es war in dem Sinne ´aktiv anders´, weil wir sie alle zusammen als Freunde geschrieben haben. Jeder hatte eine Idee – ob musikalisch, für das Arrangement oder textlich – und hat seinen Senf dazugegeben. Meine anderen Alben habe ich fast immer im stillen Kämmerlein geschrieben, doch dieses Mal waren alle dran beteiligt, hatten Bock und gaben ihre Art von Energie mit. Deswegen machte es auch so viel Spaß, das Album überhaupt zu machen. Wenn man es alleine macht, ist es sehr viel trister und kopflastiger als wenn man zusammen an einem Tisch sitzt, gerade mit dem Frühstück fertig ist, die Ideen kommen und alle drauf eingehen. Diese Eigendynamik konnten wir selbst nicht mehr kontrollieren – deswegen fühlten wir uns auch so jung. Alles kam aus dem Bauch und aus dem Herzen heraus. Es war wie in den 90ern, wo man in zwei oder drei Wochen eine LP fertig gemacht hat.“

´Asilant´ erschien noch via Caroline. War es klar, dass du danach das Label wechseln würdest?

„Wir hatten eigentlich einen Deal für zwei LPs. Nach dem Rap-Album war ich mit mir, dem Ergebnis und dem Image aber sehr unzufrieden. Ich war da eigentlich schon ganz weit weg von dem, was ich gemacht habe. Ich schrieb das Album, ohne zu reflektieren, was es für eine Außenwahrnehmung hat. Was es mit mir macht. Während der Promo-Phase reflektierte ich schließlich und wurde komplett unglück lich mit der ganzen Scheiße. Ich brach Zelte ab, war für Caroline ein sehr schwieriger Geschäftspartner. Sie haben Geld reingebuttert, was einfach verbrannt wurde. Dann kam ich mit den Demos von Madsen an, mit einer ganz anderen Richtung – und damit waren sie absolut überfordert und wollten das zweite Album nicht machen. Es dauerte ewig, aus dem Deal mit Caroline herauszukommen und mit Arising Empire arbeiten zu können. Vermutlich wäre ´Wahrscheinlich Nie Wieder Vielleicht´ schon letztes Jahr erschienen, wenn sich das nicht so in die Länge gezogen hätte.“

Zumindest in den USA war Rap 2017 besser in den Charts vertreten als Rock-musik. Ich finde es interessant, dass du ausgerechnet jetzt die Gerne wechselst.

„Ich habe ultralang Deutsch-Rap und Hip-Hop gemacht, fühle es aber nicht mehr so wie früher. Bei „Asilant“ versuchte ich nur, Hardcore-Fans gerecht zu werden, bin ihnen aber nicht gerecht geworden. So fühlt sich Musik nicht für mich an, so macht das für mich keinen Sinn. Ich kann nicht danach gehen, was der Hype oder der Trend ist, wenn ich dabei nicht glücklich werde. Dadurch bekam das Album auch viele Schwächen, die von den Kritikern aufgedeckt und verrissen wurden. Da gehe ich lieber das Risiko ein und mache das, was ich fühle. Aber ich werde nicht berechnend wie ein Unternehmer Musik so produzieren, dass ich damit locker bestimmte Chartpositionen erreichen kann. Das macht auf Dauer nur kaputt.“

Hast du aus diesem Grund ´Wahrscheinlich Nie Wieder Vielleicht´ auch nicht unter einem anderen Namen beziehungsweise als neues Projekt veröffentlicht? Sondern als neues Album von Ferris Mc?

„Genau. Ich stehe zu dem, was ich war und was aus mir geworden ist. Wie ich mich weiterentwickelt habe. Und den Weg dürfen die Leute auch verfolgen; ich will mich selbst und was in der Vergangenheit war ja nicht verteufeln und schlechtreden, indem ich meinen Namen ablege – das war ja ich! Nun kann man meine persönliche Weiterentwicklung sehen und sich ein Bild machen, ob man das gut findet oder nicht. Was man besser findet und was schlechter. Das ist jedem selbst überlassen. Ich versuche jetzt nur noch der zu sein, der ich bin, und nicht der, der ich war.“

Was meinst du, wirst du zum nächsten oder übernächsten Album nochmal die Richtung ändern?

„Ich denke nicht. Ich fühle mich gerade sehr wohl und es ist traumhaft, das mit einer eigenen Band machen zu können. Ich weiß, ich werde für eine weitere Ferris Mc-Scheibe wieder mit handgemachter Musik arbeiten wollen. ´Wahrscheinlich Nie Wieder Vielleicht´ hat ja auch seine Pop-affinen Seiten – das Gegenteil von Trash, finde ich. Es war mir wichtig, dass es eingängig ist und man das Album öfter hören kann. Garniert mit so Songs wie ´Fake News´, wo man auch einfach brüllt und schreit und eine Metal-Attitüde dahinlegt – ein Album muss auch eine Reise sein. Zwischen Gesang, Power und Balladen.“

Aktuelles Album: Wahrscheinlich Nie Wieder Vielleicht (Arising Empire) Vö: 08.03.

© 02. Februar 2019  WESTZEIT ||| Autor: Leonie Wiethaup ||| Photograf: Authentik Film