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BLOOD RED SHOES

Paartherapie

Als sich Laura-Mary Carter und Steve Ansell vor ca. 14 Jahren in Brighton als Blood Red Shoes zusammen taten, war die Welt gewissermaßen noch ein wenig übersichtlicher. Und zwar insofern, als dass man sich noch auf bis dahin geltende Gesetzmäßigkeiten verlassen konnte, der Streaming-Hype sich noch nicht Bahn gebrochen hatte und es noch keine Schwemme an Duo-Acts im stadientauglichen Rock-Setting gab.

Die Blood Red Shoes waren also zur richtigen Zeit mit der richtigen Musik und dem richtigen Konzept am richtigen Ort.

Von da an war das Duo nahezu ständig unterwegs und fand auch noch die Zeit, vier hochdekorierte, erfolgreiche Alben einzuspielen, bis man dann Ende 2014 (nach der Tour zum bis dahin letzten, selbst betitelten Album) einen toten Punkt erreicht hatte, und beschloss, sich eine Weile aus dem Weg zu gehen, bevor man überhaupt daran denken konnte, ein neues Album anzugehen.

„Um dahin zu kommen, wo wir jetzt sind, mussten wir verdammt noch mal erst explodieren und dann einen Weg finden, wie es weitergehen könnte“, erklärt Steve Ansell – Drummer und Sprachrohr des Projektes, „wir sind nach der letzten Tour 2014 nämlich gegen die Wand gefahren. Musikalisch und emotional haben wir uns gesagt: Das reicht jetzt, wir müssen erst mal anhalten. Wir mussten uns eine Zeit lang aus dem Weg gehen um uns nicht ständig sehen zu müssen – und tatsächlich auch einfach um wieder Freunde werden zu können.“

Das ist ja auch verständlich, wenn man sich jahrelang auf der Pelle gehangen hat.

„Weißt Du, die größte Herausforderung war dann eigentlich gar nicht, die neue Scheibe zu machen, sondern zu einem Punkt zu gelangen, an dem wir sie überhaupt machen konnten. Schließlich waren wir aber auch in einer Situation, in der uns das Geld ausgegangen war und wir uns mit beschissenen Jobs über Wasser halten mussten. Das waren die Herausforderungen, vor denen wir standen. Als wir schließlich im Studio waren, lief alles prima, denn wir wussten, dass wir tolle Songs und mit Nick Launay einen guten Produzenten hatten.“

Der Titel des Albums - ´Get Tragic´ - bezieht sich nämlich auf eine Phase geschäftlicher Fehlentscheidungen, wodurch sich Lara-Mary und Steve in die falschen Hände begaben und in eine prekäre Position manövriert hatten.

„Das war ganz genau das, was wir ausdrücken wollten“, führt Steve aus, „all diese Klischees, von anderen über das Ohr gehauen zu werden, schlechte Deals einzugehen oder sogar vor Gericht um sein Überleben kämpfen zu müssen, waren ganz schön tragisch für uns. Aber auch der Umstand, dass wir als Band eine Krise durchlebten, spielte da hinein. Die Ungewissheit, wie es weiter gehen solle – ob wir ein akustisches oder elektronisches Album machen sollten – jedes einzelne dieser Klischees erfüllten wir. Es ging für uns auch darum, das alles zu akzeptieren. Man kann das beklagen – aber wir entschlossen uns, es zu akzeptieren, ehrlich uns selbst gegenüber zu sein und darüber zu singen.“

Schließlich entschieden sich die Beiden dann dafür, ihr musikalisches Spektrum neu zu definieren und um elektronische Elemente zu erweitern – wobei die neuen Stücke dennoch im Grunde genommen als Rockstücke zu erkennen sind.

„Exakt“, pflichtet Steve bei, „ich denke auch, dass das die beste Art ist, die Sache zu beschreiben, denn letztlich verwenden wir lediglich eine andere Palette als bisher. Das Herz und die Seele dessen, was wir tun, ist aber immer noch der Rock-Aspekt. Wir haben nur andere Dinge benutzt, das zu erreichen – ohne dass dabei eine Tanzplatte herausgekommen wäre.“

Das ganze Projekt ´Get Tragic´ hört sich an, wie eine groß angelegte Autotherapie-Kampagne.

„Ja“, bestätigt Steve, „und sie hat auch geholfen. Das Ganze vermittelt nun das Gefühl einer Band, die sich endlich selbst akzeptiert. Wir haben uns zuvor nicht richtig akzeptiert. Wir haben uns aber jetzt zusammengerauft und verstehen heute besser, wie verschieden wir sind und haben das jetzt auch akzeptiert und das Ganze ans Laufen gebracht. Das war für uns wie eine Paartherapie – wobei ich sicher irgendwann bereuen werde, das gesagt zu haben; aber es ist tatsächlich so.“

Aktuelles Album: Get Tragic (Jazz Life /Republic of Music/ RTD)

© 01. Februar 2019  WESTZEIT ||| Autor: Ullrich Maurer ||| Photograf: Hedda Afsari