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MILLENCOLIN

Hilfe!

„I hear an SOS!” Knapp vier Jahre nach ihrem letzten Longplayer ´True Brew´ meldet sich die schwedische Pop Punk-Band Millencolin zurück. Und das mit einem Hilfeschrei. „Last chance to open up your eye. A loud and clear distress, the masses laugh and ask me why. It’s time to make it right, it’s time to stand up and come clean. A chance to take the fight – or are you happy with this scene?”

„Seit Jahren passiert so viel in der Welt. Vom Rechtsruck bis zur Umweltzerstörung gibt es unglaublich viele Probleme. Die Menschen sehen die Welt nicht mehr positiv, sondern negativ. Deprimierend. Songs darüber zu schreiben, ist mein Weg, mich damit auseinanderzusetzen und meiner Wut und meiner Frustration ein Ventil zu geben.“

„Eigentlich bin ich ein Optimist, weißt du? Ich glaube an meine Mitmenschen. Ich kann es allerdings nicht nachvollziehen, warum so viele vor Leuten Angst haben, die sie überhaupt nicht kennen. Jede Person, die ich in den letzten Jahren auf der ganzen Welt getroffen habe, war cool. Wir sind alle gleich! Und wenn man nur daran glaubt, dann gibt es für Angst keinen Raum. Außer für die Angst, dass ein Politiker gerade dabei ist, die Welt zu zerstören. Die ist berechtigt.“

Nikola Sarcevic weist auf einen der stärksten Songs von ´SOS´ hin und kann sich dabei ein Schmunzeln hörbar nicht verkneifen. Die Geschehnisse der letzten Jahre nehmen ihn mit – natürlich, sonst hätte er das Thema des Albums nicht darauf ausgelegt – doch um den Spaß an der Sache nicht zu verlieren, bediente sich der Sänger und Bassist gerne und viel an Metaphern. Dennoch keine Sisyphusaufgabe, herauszufinden, welchen politischen Anführern er den Song ´Trumpets & Poutine´ widmet.

„Things become tricky if you have Poutine. Your fingers will get greasy if you know what I mean. Who would you find to blame if you would lose your crowd? Who will you point your fingers at if it all sounds too loud? Don’t say you’re innocent just because you’re not out of key. You’re not an instrument to a conductor who has lost every sense of melody.”

Millencolin sind eine Punk-Institution – und das seit mehr als zwei Dekaden. Sie gehören zu den Bands, die Alben wie ´Dookie´ hörten und sich daraufhin Instrumente schnappten. Anfang der 90er war das, die Zeit, in der Skaten die alternative Szene bestimmte.

„Die Musik ist durch die Skate-Videos zu uns herübergeschwappt und obwohl niemand wirklich wusste, wie man spielt, wurden reihenweise Bands gegründet“, lacht Sarcevic. „Aber beim Punkrock ist das ja auch nicht so wichtig“, fügt er an. „Solange du weißt, wie du klingen willst, reicht das für den Anfang allemal. Früher oder später findest du schon deinen eigenen Sound.“

Sie spielen schnell, melodiös, eingängig, manchmal rau. Zeitlos möchte man bald sagen, doch das stimmt natürlich nicht. Es ist der Sound der 90er. Der, der eine Generation geprägt hat und bis heute oftmals als Inspirationsquelle neuer Bands dient.

„Wir haben bei unserer ersten EP noch wie Scheiße gespielt, wussten aber, wie es eines Tages klingen soll. Irgendwann haben wir unseren Sound gefunden und bis heute weiterentwickelt.“

Musik, Label, Festivals. Die vier Männer wussten, was sie wollten, und mit der Zeit konnten sie alles von ihrer Bucketlist streichen. Als tatsächliche Karriere war die Band laut Sarcevic anfangs jedoch nicht gedacht – er wollte lieber Maurer werden.

„Oder Geschäftsführer! Ein Firmenboss, der andere die ganze Arbeit machen lässt.“ Seinem Vater wäre das auch lieber gewesen. „Er war nicht gerade begeistert, als ich mich nach der Schule gegen einen richtigen Job entschieden habe, sondern schauen wollte, wie weit wir es mit der Band bringen können. Wir mussten sehr oft und lange darüber diskutieren.“

Bis er von ihnen so begeistert wie seine Mutter war, habe es etwas gedauert, lacht er.

Statt andere für sich arbeiten zu lassen, ruft Sarcevic nun nach Hilfe. Dabei geht es ihm aber nicht darum, eine bestimmte Gruppe oder gar Einzelperson anzusprechen, sondern um den Hilfeschrei per se. Es ist inzwischen zu sehr ausgeartet, als dass ein einziger Held die Welt wieder richten könnte. Wenn jedoch jeder für einen Moment ihren Stolz vergessen und nur an den einzigen Planeten und die eine Gesellschaft, die wir haben, denken könnte, ist die Chance auf eine gesunde Zukunft noch nicht verloren.

Kritisch kannte man sie bereits, doch nun fällt es mehr auf denn je: Millencolin haben ihr politischstes Album geschrieben.

Aktuelles Album: SOS (Epitaph / Indigo) Vö: 15.02.

© 01. Februar 2019  WESTZEIT ||| Autor: Leonie Wiethaup ||| Photograf: Johnny Eckstone