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SHARON VAN ETTEN

Wandel mit Zuversicht

Einfallsreich, ernsthaft und empathisch zeichnete Sharon Van Etten in der Vergangenheit mit ihren Liedern vor allem die Momente im Leben und in der Liebe nach, in denen alles den Bach runtergeht. Mit der LP ´Remind Me Tomorrow´ rückt die New Yorker Ausnahmekünstlerin nun erstmals Zufriedenheit statt Schmerz in den Fokus – und erfindet sich auch musikalisch komplett neu. Raffinierte New-Wave-Coolness tritt dabei an die Stelle von melancholischem Indie-Folk.

In den fünf Jahren seit der Veröffentlichung ihres Breakthrough-Albums ´Are We There´ wurde Van Etten erstmals Mutter, studierte am Brooklyn College Psychologie, schrieb ihren ersten Film-Score (für Katherine Dieckmanns ´Strange Weather´), gab ihr Schauspiel-Debüt im Netflix-Hit ´The OA´ und streckte ihre Fühler in Richtung Comedy aus. Dass so mancher Fan sie trotzdem für verschollen hielt, quittiert die 37-Jährige beim Treffen mit Westzeit in Berlin mit einem breiten Grinsen:

„Natürlich weiß ich, dass sich einige gefragt haben: ´Mann, wo hat sie nur gesteckt? Sie hat schon so lange keine Platte mehr gemacht!´ Die Frage, die ich mir selbst gestellt habe, lautete allerdings: ´Wie habe ich das alles bloß in so kurzer Zeit hinbekommen?´“

Der Albumtitel ´Remind Me Tomorrow´ ist deshalb auch als dezente Anspielung auf die Vielzahl von Verpflichtungen zu verstehen, die Van Etten inzwischen täglich jongliert.

Möglich wurden all diese neuen Herausforderungen durch Van Ettens Entschluss, die endlosen Tourneen aufzugeben, die physisch und psychisch spürbar an ihr zu nagen begannen.

„Ich habe das Unterwegssein drangegeben, um mich selbst zu finden“, sagt sie rückblickend. „Ich bin sehr froh, dass das an einem Punkt in meinem Leben passierte, an dem ich das Gefühl artikulieren konnte, bevor es hässlich wurde. Es hat nur eine einzige Show gegeben, bei der ich tatsächlich glaubte, mein Publikum im Stich gelassen zu haben, weil ich meine schlechte Laune nicht überwinden konnte. Das habe ich als Warnschuss gesehen.“

Die Auszeit, da ist sie sicher, hat sie als Mensch, Musikerin und Partnerin in ihrer Beziehung reifen und wachsen lassen.

„Außerdem“, fügt sie hinzu, „konnte ich in den letzten Jahren mehr Zeit mit meiner Familie verbringen und New York genießen. Ich habe lange Zeit unglaublich hart gearbeitet, um mir ein Leben dort leisten zu können, war dann aber nie da. Irgendwann liest du die New York Times in Österreich und fragst dich, was gerade falsch läuft!“

In den letzten Jahren hat sie dagegen einfach ihr Leben gelebt – und blickt nun mit Zuversicht nach vorn.

Obwohl die Texte des Albums oft optimistisch und von einem Gefühl der Dankbarkeit geprägt sind, klingen Van Ettens neue Lieder – inspiriert von der unterschwelligen Bedrohlichkeit Portisheads oder Nick Caves niederschmetterndem Album ´Skeleton Tree´ – musikalisch ungewohnt finster und aggressiv. Der Verzicht auf die zuvor so prägende Gitarre symbolisiert Van Ettens kompromisslose Abkehr vom klassischen Singer/Songwritertum und ihre Aufbruchsstimmung.

„Ich wollte mir ein Alter Ego schaffen“, erklärt sie. „Die meisten Leute wissen nicht, dass sich in meiner Plattensammlung auch viel Post-Punk und Electronica wiederfindet, und genau das wollte ich in den Mittelpunkt rücken.“

Getaucht in Hall und geprägt von pulsierenden Synthesizern und schweren, synkopischen Beats ist ´Remind Me Tomorrow´ mit all seiner verstörenden Intensität und Dringlichkeit klanglich das genaue Gegenteil der Platte, die man von einer Musikerin erwarten würde, die ihr häusliches Glück derzeit in vollen Zügen genießt und sich selbst als „glücklich, geborgen und selbstbewusst“ beschreibt. Für Van Etten war die gemeinsam mit Produzenten-Wizard John Congleton umgesetzte musikalische Neuorientierung mit Blick auf das besorgniserregende Chaos rund um den Globus und die ständig wachsende gesellschaftliche Unsicherheit dennoch alternativlos, oder wie sie selbst sagt: „Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Welt derzeit eine glänzend-glückliche Platte braucht!“

Aktuelles Album: Remind Me Tomorrow (Jagjaguwar / Cargo)

© 01. Februar 2019  WESTZEIT ||| Autor: Carsten Wohlfeld ||| Photograf: Ryan Pfluger