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MEMPHIS MAY FIRE

Vorbilder

It’s okay not to be okay. Seit Jahren beschäftigen sich etliche Bands mit der Mental Health-Thematik – und das ist nur gut so. Denn obwohl – oder gerade weil? – die Welt immer offener und vernetzter wird, wird manches gerne verschwiegen und unter den Teppich gekehrt. Bis es schließlich zu spät und der Schaden unnötig groß ist. Vorbilder müssen her. Menschen, zu denen man aufblicken kann. Die sich nicht davor scheuen, der unschönen Wahrheit ein Gesicht zu verpassen. Für Memphis May Fire-Frontmann Matty Mullins keine Herausforderung, sondern Pflicht.

„Ich bin in einem sehr musikalischen Haushalt aufgewachsen. Mein älterer Bruder ist Musiker und meine Schwester ist mit einigen sehr erfolgreichen Musikern ausgegangen. Ich war immer von Künstlern umgeben, also bekam ich dementsprechend schnell einen Einblick in das wirkliche Leben und konnte früh sehen, wie viel Verantwortung mit einem großen Publikum verbunden ist. Ich habe das immer sehr ernst genommen.“

Mit ´I’m broken, too´ kommentiert Mullins das neue Memphis May Fire-Album. Ein deutliches Zeichen, dass man sich nicht davor scheuen oder gar dafür schämen sollte, Schwäche zuzugeben. Natürlich ist es nicht immer einfach, ein Vorbild für andere zu sein, wenn es einem selbst nicht gut geht. Doch wenn sie es schaffen, weiterzumachen, sind sie dann nicht sogar die besten Vorbilder?

„Ich denke, als Vorbilder ist es unsere Pflicht, ehrlich zu sein. So zu tun, als sei alles in Ordnung, nur weil die Leute zu dir aufblicken, kann pures Gift sein. Schwierige Zeiten und Kämpfe gehören dazu, sie sind unvermeidlich. Und darüber zu reden, ist eine gute Möglichkeit, sich mit denen zu verbinden, die sich in ihrem Schmerz allein fühlen.“

´Broken´ ist mittlerweile das sechste Album der US-Amerikaner. Man könnte meinen, sie würden nun alles etwas entspannter angehen. Dass die Routine eingesetzt hätte. Doch dem ist ganz und gar nicht so. ´Broken´ ist ehrgeizig und eine Erklärung zum Widerstand. Stark und laut tritt es den hartnäckigen Selbstzweifeln entgegen. Ehrlich, niederschmetternd und aufbauend.

„Ich denke immer darüber nach, was unserer Zuhörer über die Texte oder die gesamten Songs denken könnten. Ich hoffe, dass sie sie als Ventil für ihr eigenes Leben nutzen werden“, so der Sänger. „Für mich ist es immer eine Erleichterung, wenn jemand versteht, was andere durchmachen.“

It’s okay not to be okay. It’s okay to be broken. Man muss es sich nur eingestehen und offen sein, damit man das Beste daraus machen kann – für sich und das persönliche Umfeld. In einer Szene, der sich Memphis May Fire nicht selten als Headliner präsentieren, jedoch leider nicht mehr so einfach. Vorurteile und Ausschluss kommen immer häufiger vor; in den letzten Jahren wurden zudem immer wieder sexuelle Übergriffe gemeldet. Und genau das scheint nicht zusammenzupassen. Engagierte Bands, die ihr Publikum dazu ermutigen, aufeinander ohne Vorbehalte zuzugehen und Angriffe, die nicht nur Mullins erschrecken.

„Wir haben das bei keinem unserer Konzerte aus erster Hand gesehen, aber wenn wir es tun würden, würde es für den Angreifer nicht gut enden. Es widert mich an, auch nur zu wissen, dass Menschen zu sowas in der Lage sind. Ich werde meine Plattform immer nutzen, um Positivität und Liebe zu verbreiten.“

Man merkt, Memphis May Fire wollen es besser machen. Nicht nur eine Sammlung von Songs veröffentlichen, ein neues Album, sondern auch eine klare Aussage. Matty Mullins ist mit dieser Einstellung aufgewachsen. Von vielen Seiten bekam er den klaren Blick dafür mit. Mit seiner Band möchte er seinen Vorbildern alle Ehre machen und dafür kann gerne auch etwas Zeit vergehen. Denn wie er im Gespräch verrät, haben sie scheinbar gar nicht so lange am Album gearbeitet, sondern eher auf den richtigen Zeitpunkt zur Veröffentlichung gewartet. Auf den Augenblick, wenn es wieder notwendig ist, zu sagen: It’s okay not to be okay.

Memphis May Fire teilen ihre Lebenserfahrung, Träume wie auch Ängste durch ihre Musik – hart, laut, aggressiv und gleichzeitig oftmals poppig – mit ihrem Publikum. Auf ´Broken´ zeigen sie immer wieder wie wichtig es ist, alles mit nüchternem Blick zu betrachten. Das Vorbilddasein wird zur Uniform.

Aktuelles Album: Broken (Rise / BMG / Warner)

© 01. Dezember 2018  WESTZEIT ||| Autor: Leonie Wiethaup