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AMBER RUBARTH

Pure Freude

Schon seit über zehn Jahren lässt Amber Rubarth die ungebremste Begeisterung und geradezu kindliche Neugier, mit der sie durchs Leben geht, in einzigartige Songs im Americana-Dunstkreis fließen. Ihr unbestrittenes Meisterwerk veröffentlicht die Amerikanerin aber erst jetzt: ´Wildflowers In The Graveyard´ ist unverfälscht, feingliedrig, poetisch – und ohne jeden Zweifel die schönste, nein, die beste Folk-Platte des Jahres.

Die Wildblumen auf dem Friedhof, die Amber Rubarths neuer LP den Namen geben, waren gleichzeitig auch ein Quell der Inspiration.

„Es ging mir ziemlich mies, als ich anfing, die Songs zu schreiben, weil mich ein schwerer Autounfall lange außer Gefecht gesetzt und zu vielen offenen Fragen in meinem Leben geführt hat“, erzählt uns die heute in Nashville heimische 36-Jährige beim mitternächtlichen Plausch in Köln. „Ich musste mich von einigen Dingen trennen und wandte mich der Natur zu, weil sie besser als jeder Mensch weiß, wie man würdevoll loslässt.“

Die Friedfertigkeit der Natur findet auch in den oft simpel anmutenden Arrangements der Songs über den Kreislauf von Leben, Tod und Erneuerung ihre Entsprechung. Geplant war das allerdings nicht.

„Die Platte wollte ganz von selbst ruhig werden“, erklärt Amber lachend. „Es schien mir einfach richtig, etwas zu tun, das sich ursprünglich anfühlt und auf Subtilität konzentriert ist.“



Obwohl es oft die Tiefschläge des Lebens sind, die Amber den Anstoß geben, blickt sie in ihren Songs stets auf das Positive und vertont so auch die pure Freude am eigenen Tun. Ihre detailverliebten Lieder sind deshalb bei aller unterschwelligen Traurigkeit ungemein aufmunternd, erhebend, ja geradezu fröhlich. Zudem gelingt es ihr immer wieder, ungewohnte Blickwinkel zu finden und so der Singer/Songwriter-Konkurrenz eine Nasenlänge voraus zu sein. Dabei war Musik für sie anfangs nicht mehr als Therapieersatz.

„Als ich aufwuchs, hatte ich es nicht leicht, weil ich extrem, wirklich extrem schüchtern war“, verrät sie. „Ich habe mich der Musik nur zugewandt, weil es mir schwerfiel, auf Menschen zuzugehen. Deshalb bin ich unglaublich dankbar für meine Verbindung zur Musik und die Beziehungen, die ich dadurch zu anderen Menschen aufbauen kann. Ich mag es, wenn meine Songs zu Allgemeingut werden und sie nicht mehr nur mir allein gehören.“

Klavier spielte Amber schon als Kind, doch erst mit 21 tauschte die gebürtige Kalifornierin eine Lehrstelle in Nevada, bei der sie mit der Motorsäge Kunst aus Holz fertigte, gegen die Gitarre: Ihr Ausbilder hatte ihr geraten, das zu tun, was sie am meisten liebt. Seitdem ist sie Musikerin mit Leib und Seele, war zuletzt sogar in Südafrika unterwegs und machte mit Emily Barker und Amy Speace als Applewood Road gemeinsame Sache. Im vergangenen Jahr schauspielerte sie zudem an der Seite von Joe Purdy in dem sehenswerten Indie-Film ´American Folk´ – natürlich ein Road-Movie mit den Songs der Protagonisten.

Trotz der damit verbundenen Strapazen liebt Amber es, auf der Bühne zu stehen, und das kann man auch bei ihrem hinreißenden Auftritt in der Kölner Lichtung am ominösen Elften im Elften spüren, dem im Februar weitere Deutschland-Konzerte folgen. Nach wenigen Songs stellt sie das Mikro beiseite, stöpselt ihre altmodische halbakustische Gitarre aus und singt mit natürlich-echter Stimme ganz nah beim Publikum knapp zwei Stunden lang herzergreifend schöne Songs, die von zerbrechlichem Fingerpicking-Folk über lupenreinen Country und eingängigen Soft-Pop bis hin zu Swing-Jazz eine beachtliche Bandbreite abdecken, macht sich leidenschaftlich Songs von R.E.M., Tom Paxton und Tom Waits zu eigen, erfüllt Publikumswünsche und begeistert mit ihrer Musik und ihren unverblümten, anrührenden und oft auch herrlich humorvollen Ansagen genauso wie mit dem wunderbar inspirierenden inneren Leuchten, das ihr ein ständiger Begleiter ist. Dabei ist ihr Erfolgsgeheimnis denkbar einfach.

„Ich kann mir nicht helfen, aber ich tue das, was ich mache, einfach unglaublich gerne“, sagt sie – und strahlt.

Aktuelles Album: Wildflowers In The Graveyard (Make My Day Records / Indigo)

© 01. Dezember 2018  WESTZEIT ||| Autor: Carsten Wohlfeld ||| Photograf: Anna Webber