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MUDHONEY

„Wir hätten lieber eine andere Platte gemacht!“

Sie sind die vielleicht beste Feierabendband der Welt: Genau 30 Jahre nach ihrem bahnbrechenden Debüt ´Superfuzz Bigmuff´ ist die Musik für Mudhoney im Grunde wieder ein schönes Hobby geworden. Trotzdem sind die Grunge-Pioniere aus Seattle auch nach all der Zeit kein bisschen leise. Im November kommen sie mit ihrem herrlich aufrührerischen neuen Album ´Digital Garbage´ auf Deutsgchland-Tournee.

Als einer der Auslöser des Seattle-Fiebers in den späten 80ern und frühen 90ern widerstanden Mudhoney lange der Versuchung des großen Geldes, gaben selbst für ihre drei Majorlabel-Werke ab 1992 ihren DIY-Ansatz nie auf und arbeiteten lieber zu ihren eigenen Bedingungen, anstatt sich dem Mainstream an den Hals zu werfen. Seit der Jahrtausendwende sind sie wieder bei ihrer alten Plattenfirma Sub Pop heimisch und haben sich seitdem zu einer der wildesten (und besten) Psych-Rock-Bands Amerikas gemausert. Das unterstreicht auch das neue Album eindrucksvoll.

Textlich dreht sich ´Digital Garbage´ derweil um die hässliche Fratze des modernen Amerikas. Mit gehörigem Zynismus und rabenschwarzem Humor nehmen Mudhoney sich den Social-Media- Wahn, die Neuen Rechten und natürlich Präsident Trump zur Brust.

„Eigentlich hätten wir lieber eine andere Platte gemacht!“, scherzt Mudhoney-Sprachrohr Mark Arm im Westzeit-Interview lachend. „Vor der Präsidentschaftswahl 2016 haben wir unsere Arbeit auf Eis gelegt, und ich konnte es kaum erwarten, dass Hillary Clinton Präsidentin ist und ich mich Sachen zuwenden kann, die nicht so politisch aufgeheizt sind. Nicht, dass das unser Ding wäre, aber lieber hätte ich Lieder über Mädchen und Autos geschrieben!“

Es kam anders und ´Digital Garbage´ nahm einen ganz anderen Weg als gedacht.

„Die ersten Songs nach Trumps Amtseinführung entstanden in einem Klima der Angst“, erklärt Arm, der für rechtes Gedankengut besonders sensibilisiert ist, wuchs seine Mutter doch im Frankfurt der 30er-Jahre auf. Auf ´Digital Garbage´ dreht sich deshalb vieles um Heuchelei, falsche Propaganda oder die irrsinnigen Ideen der Schusswaffen-Lobby.

Klare Worte von einer Band, die nicht aus Angst vor sinkenden Verkaufszahlen auf Kuschelkurs gehen muss.

„Dadurch, dass wir kein Geld mit der Band verdienen müssen, sind wir viel freier in unserer Herangehensweise“, ist Arm sicher. „Wir machen genau das, was wir am liebsten machen wollen.“

Doch auch wenn er und seine Mitstreiter allesamt Jobs abseits der Band haben, sieht sich der als Warehouse Manager von Sub Pop beschäftigte Gitarrist und Sänger in einem immerwährenden Prozess des Erwachsenwerdens gefangen.

„Natürlich bin ich heute reifer als früher und froh, nicht mehr so verwirrt zu sein wie die meisten mit 20, aber dennoch bin ich ein 56-jähriger Mann, der immerzu Jeans, T-Shirt und Turnschuhe trägt“, sagt er lachend. Vielleicht auch deshalb merkt man Mudhoney den Veteranenstatus auf ´Digital Garbage´ kaum bis gar nicht an.

Außerdem griffen Arm und der zweite Gitarrist und Sänger Steve Turner dieses Mal vermehrt auf die Ideen der Rhythmusgruppe zurück.

„Eine ganze Reihe Songs basieren auf Riffs, die unser Bassist Guy Maddison angeschleppt hat, und sogar unser Drummer Dan Peters hat zum ersten Mal eine Nummer eingebracht. ´Messiah´s Lament´ ist praktisch komplett von ihm!“, verrät Arm und erklärt auch gleich, wie das klanglich auch für ihn zu einer neuen Perspektive führte. „Er spielt ganz anders Gitarre als Steve oder ich, und es war richtig cool, mir seinen Stil anzueignen!“, freut er sich.

Alle diese Faktoren führten dazu, dass ´Digital Garbage´ hitzig und druckvoll ist und zwar den klanglich offeneren Ansatz der letzten Werke weiterverfolgt, in erster Linie aber vor jugendlicher Energie übersprüht.

„Ein Grund dafür ist sicher, dass wir bei unseren Aufnahmen in der Regel auf unsere erste Eingebung vertrauen und versuchen, nicht alles zu oft zu überdenken“, ist Arm überzeugt. Er hält kurz inne und lacht. „Wir machen ja schließlich keinen Prog-Rock, sondern Rock´n´Roll!“

Aktuelles Album: Digital Garbage (Sub Pop / Cargo)

© 01. November 2018  WESTZEIT ||| Autor: Carsten Wohlfeld ||| Photograf: Emily Rieman