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ROOSEVELT

Digital Native trifft Welt

Eigentlich war er gar nicht verwundert, dass sein erstes Album international eine ebenso große Aufmerksamkeit gefunden hat wie Zuhause. „Ich würde schon sagen, dass ich ein Digital Native bin, ich weiß, wenn etwas im Internet ist, dann ist es weltweit verfügbar“, erklärt Marius Lauber aka Roosevelt. „Das war jetzt nie ein Wunder für mich.“ Aber Wissen und Erleben sind zwei ganz verschiedene Dinge. „Vor Ort zu sein, und Leute zu erleben, die mitsingen, die die Texte kennen – das war dann doch überraschend.“

Ende 2016 waren er und seine Band für ihre erste zusammenhängende Tour in Amerika und „früher war das alles mehr ein Hallo-Sagen auf Showcase-Events oder auf Support-Tour, aber da sind die Menschen jetzt wirklich wegen mir zur Show gekommen. Wie in San Francisco – 900 zahlende Fans, ausverkauft!“

Vor seinen Bildschirm zu sitzen und Streamingzahlen und Kommentare, Likes und Posts zu sehen, ist eben nicht damit zu vergleichen, unterwegs zu sein. Wenn man 15 Stunden geflogen ist, in einer fremden Stadt ankommt, in einem Hotel wohnt, an einem unbekannten Venue auftritt – dann spürt man wieder die Distanz, die das Netz zum Verschwinden brachte.

„Genau. So lange in irgendeine Richtung unterwegs zu sein – und dann kennen die Leute einen! Da kann man Zuhause noch so lässig damit umgehen, irgendwo auf der Welt Erfolg zu haben – es ist dann krass, wenn man es in echt erlebt.“

Roosevelts selbstbetiteltes Debüt, mit dicken Synthieschichten, kraftvollen Beats und harmonischen Melodien, klang aber auch schon ausgesprochen international, nichts ließ vermuten, dass diese Musik aus Köln kommt. Es war Pop, wie ihn M83 seit einigen Alben perfektioniert hat, man konnte da auch an Empire Of The Sun denken. Und auch das neue Album ´Young Romance´ ist wieder kristallklar bis hin zur Perfektion produziert, eine Erfahrung wie eine nagelneue, leere Autobahn, die sich endlos zum Horizont zieht und auf der man in die Ferne fährt. Es klingt nach Freiheit und Selbstbewusstsein. Marius ist mit Roosevelt bei sich angekommen. Und wenn es für Album Nummer zwei einen Plan gab, dann „den Sound noch zu perfektionieren“.

Dafür hat er nur zwei Jahre gebraucht, eine zügige Arbeitsweise.

„Ich war selber von mir überrascht. Ich war sieben Monate im Studio und das hat sich ewig angefühlt, weil ich auch nichts anderes machte, als jeden Tag ins Studio zu gehen.“

Was kein Problem ist, wenn man nur sich selbst verantwortlich ist.

„Das war von Anfang an der Gedanke: ,Was passiert, wenn ich alles allein einspiele?‘ Es hat seine Grenzen, ich bin an keinem Instrument virtuos – aber es ist ganz mein Produkt. Das wird sich auch beim nächsten Album nicht ändern.“

Die Schwierigkeit dabei ist, die Balance zu finden zwischen manischem Songwriter und Songtüftler, und nüchternem Produzent, der alles arrangiert.

„Ich mache das manchmal tageweise. Ich nehme mir ein Wochenende lang vor, nur zu schreiben und roughe Demos aufzunehmen, und wenn ich Montag ins Studio gehe, das auszuproduzieren. Die beiden Rollen muss man einnehmen. Oft gehen die ineinander über.“

Es ist natürlich ein Luxus, so arbeiten zu können, das ist ihm auch klar.

„Total! Es war aber auch das erste Mal, dass ich das wirklich so machen konnte. Ich habe mir letzten Sommer mein erstes eigenes Studio gebaut. Endlich habe ich meine Ruhe. Und kann konzentrierter arbeiten als je vorher.“

Die Höhepunkte von ´Young Romance´ sind dabei interessanterweise die Tracks, die neue Wege gehen, wie ´Gateaway´, der auf eine traditionelle Singstruktur verzichtet.

„Es hat etwas, keinen Twist zu offenbaren, sondern von Anfang an mit offenen Karten zu spielen und die Spannung über fünf Minuten einfach aufzubauen.“

Und dann ist da noch das ätherische ´Better Days´, fast eine Ballade und pure Schönheit.

„Da habe ich mich getraut, vom Roosevelt-Sound loszulassen. Man erkennt, dass es von mir ist, aber ich habe auf dem ersten Album immer gedacht, dass es ohne Vierviertelkick und Discobassline nicht funktioniert. Davon habe ich mich allgemein gelöst – und auf diesem Track besonders.“

Diese Lieder öffnen Räume für Roosevelt und zeigen, was im Rahmen dieses Projektes noch alles möglich sein wird. Die Zukunft sieht rosig aus für Marius.

Aktuelles Album: Young Romance (City Slang / Universal)

© 01. Oktober 2018  WESTZEIT ||| Autor: Christian K L Fischer ||| Photograf: David East