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EMMA RUTH RUNDLE

Übers Glück gestolpert

Kaum zwei Jahre ist es her, dass Emma Ruth Rundle auf ihrem Album ´Marked For Death´ den LP-Titel mit elektrisierend intensiven Songs adäquat in niederschmetternde Töne verwandelte. Letztes Jahr stolperte sie dann praktisch über ihr Glück, und das kann man nun hören und sehen: Mit ihrem neuen Album ´On Dark Horses´ findet die ursprünglich aus Los Angeles stammende 34-Jährige den Weg aus der Dunkelheit, und auch beim Westzeit-Interview vor ihrem Konzert in Stuttgart wirkt sie merklich entspannter, ja glücklicher.

Auf der neuen Platte verarbeitet Emma textlich erneut zutiefst Persönliches, gleichzeitig lässt sie den Liedern im Dunstkreis von feingliedrigem Folk, experimentellem Ambient und handfestem Postrock aber mehr Raum zum Atmen als zuvor. Trotz angenehm düsterer Grundstimmung bleibt so am Ende immer ein Funken Hoffnung, wenn sie rohe Emotionen und fesselnde Ausdruckskraft über reine technische Perfektion und musiktheoretische Leitbilder stellt. Beim Vorgängerwerk schien es bisweilen so, als seien die Lieder einfach aus ihr herausgebrochen, als sie ganz tief unten war. Die neuen Songs dagegen wirken oft überlegter – Resultat eines künstlerischen Reifungsprozesses statt reiner Therapieersatz. Geschrieben und aufgenommen hat Emma die betont variantenreiche neue LP im Frühjahr direkt im Anschluss an eine lange Tournee zusammen mit Jaye Jayle. Dabei fand sie nicht nur die ideale Backingband, sondern in Frontmann Evan Patterson auch gleich noch den Mann fürs Leben: Die beiden sind seit Mai verheiratet.

„´Marked For Death´ auf die Bühne zu bringen, hat Großartiges bewirkt“, sagt Emma freudestrahlend über die Tournee, die ihr Leben verändert hat. „In vieler Hinsicht war es ein Happy End!“

Ihren urspürglichen Plan, als Nächstes ein reduziertes Solo-Akustik-Album aufzunehmen, stellte sie danach zurück. Stattdessen widmete sie sich einem spürbar kollaborativeren Werk, das klanglich ihr bisheriges Schaffen mit Marriages, The Nocturnes und als Solistin vereint und auf die besondere Chemie setzt, die sie und Jaye Jayle letztes Jahr gemeinsam entwickelt hatten. Allerdings war sie lange unsicher, ob ihr frisch angetrauter Ehemann an ´On Dark Horses´ mitwirken sollte.

„Ich sehe die Gefahr, dass die Leute vorschnell annehmen, dass ich die Songs nun nicht mehr allein schreibe und nur noch im stillen Kämmerlein singe, weil doch all die Shredding-Gitarrenparts ganz bestimmt von Evan sein müssen!“, sagt sie zerknirscht. „Dabei war es mir immer schon sehr wichtig herauszustellen, dass ich in erster Linie Gitarristin bin. Damit fühle ich mich viel wohler, als mich als Sängerin zu bezeichnen.“

Rückblickend ist sie allerdings dennoch sehr froh über Evans Beiträge und betrachtet die Sessions als Lernprozess. „Das war eine großartige Übung im Loslassen“, ist sie überzeugt.

„Letztlich habe ich die Platte das sein lassen, was sie ist: Sie fängt die Essenz all der Konzerte ein, die wir im vergangenen Jahr gemeinsam absolviert haben.“ Sie hält kurz inne und lacht. „Ich habe dennoch definitiv vor, mich mit der kommenden Solo-Akustik-Platte wieder reinzuwaschen!“

Entstanden ist ´On Dark Horses´ in Louisville, Kentucky, wo Emma seit anderthalb Jahren heimisch ist. Seitdem wird sie aber nicht nur von der Liebe der Einheimischen zu Bourbon und Pferderennen beeinflusst. Durch die aufblühende Freundschaft mit ihren Bandmitstreitern und die Familie ihres Mannes lernte sie auch abseits der Musik einen neuen Gemeinschaftssinn kennen.

„Durch Evan erlebe ich nun ein Gefühl von Familie, das ich vorher nicht kannte, auch wenn ich meiner Schwester sehr nahestehe“, verrät sie. „Wir sehen Evans Vater mindestens einmal die Woche, seinen Bruder sogar noch öfter.“

Doch Moment mal, hatte sich Emma nicht noch vor Jahresfrist als Einzelgängerin bezeichnet, und jetzt ist sie plötzlich verheiratet und Familienmensch? Sie lacht.

„Ich hatte einfach Glück“, sagt sie mit einem Schulterzucken. „Dafür bin ich sehr dankbar, denn es war echt nicht leicht, die zu sein, die ich zuvor war. Jetzt fühle ich mich, als hätte ich im Lotto gewonnen!“

Aktuelles Album: On Dark Horses (Sargent House / Cargo)

© 01. Oktober 2018  WESTZEIT ||| Autor: Carsten Wohlfeld ||| Photograf: Amelie Jouchoux