www.westzeit.de

AARON BROOKS

„Ich dachte, ich drehe durch!“

Als Aaron Brooks vor rund zwei Jahren die Psychedelic-Rocker Simeon Soul Charger verließ, war er ganz tief unten und wollte mit Musik nie wieder etwas zu tun haben. Inzwischen haben sich die dunklen Wolken über seinem Kopf zum Glück verzogen, sodass der in Deutschland heimische Amerikaner mit seinem ambitionierten Solo-Erstling ´Homunculus´ selbstbewusst nach vorn schauen kann.

„Ich musste einfach den Stecker ziehen“, sagt Aaron Brooks über den Ausstieg aus seiner Band, als wir ihn daheim bei seinem Kumpel und Pianisten Beni Wiedemann in der bayerischen Pampa erwischen. „Ich hatte zwar auch schon Jahre zuvor unter Depressionen gelitten, aber nicht in diesem Ausmaß. Ich hatte regelmäßig Panikattacken und gelegentlich Halluzinationen. Ich dachte, ich drehe durch! Ganze Tage verbrachte ich im Bett, in einem wechselnden Zustand aus Angst, Paranoia, Leere, Selbsthass oder, wenn ich Glück hatte, tiefer Traurigkeit. Traurigkeit fühlt sich allerdings zumindest kathartisch an, und es ist besser, irgendetwas zu fühlen als gar nichts.“

Die schier ausweglose Situation bewegte ihn zu einem drastischen Schritt.

„Ich zog nach Berlin und lebte in einem Obdachlosenheim für mental angeschlagene Menschen, die in der Gesellschaft nicht mehr zurechtkommen – zumeist Schizophrene, die bisweilen nachts unsichtbare Feinde anbrüllten“, verrät er. Sechs Monate verbrachte Brooks dort, bis seine kreativen Sinne wieder erwachten. „Ich befreite mich langsam aus der Depression und meine Antidepressiva stürzten mich in eine manische Phase“, erinnert er sich. „Der erste Song, den ich schrieb, war ´I´m Afraid´ – in dem Bett, in dem ich so viel Zeit verbracht hatte. Danach folgten viele andere Lieder, die mir halfen, die Depression zu überwinden. Ich verließ die Unterkunft, trampte zurück nach Bayern und fragte mein altes Label, ob ich eine weitere Platte machen könnte.“

Ohne den vorgegebenen Rahmen des Bandgefüges hatte Brooks für sein Solodebüt eine weiße Leinwand vor sich, aber das schreckte ihn nicht.

„Für gewöhnlich weiß ich genau, was ich will, und das macht den Prozess schnell und effizient. Gleichzeitig mag ich es, Raum für Experimente zu lassen, denn es ist immer noch möglich, etwas Neues zu lernen“, ist er überzeugt. „Platten aufzunehmen ist für mich ähnlich aufregend wie Weihnachten als Fünfjähriger!“

Auf ´Homunculus´ deckt Brooks musikalisch ein breites Spektrum ab, das von fast schon traditionalistischen Psychedelic-Rock-Momenten bis zu abgedreht-progressiven Nummern reicht und nicht nahtlos, aber doch spürbar an die letzten Werke seiner Band anschließt. Ehrlichkeit, Authentizität, Originalität und Melodienreichtum waren dabei stets wichtige Stichworte.

„Ich versuche, mich nie zu wiederholen”, erklärt er. „Zudem reflektiert die Varianz der Lieder meine Persönlichkeit und mein emotionales Spektrum zwischen Manie und Depression.“

Trotz der Erfahrungen der letzten Jahre fühlt sich Brooks nicht niedergeschlagen oder gar mutlos, wenn er das Chaos des aktuellen Weltgeschehens betrachtet.

„Auch wenn meine Texte oft zynisch oder kritisch daherkommen, habe ich doch eine zumeist positive Sicht auf das Leben und die Menschheit“, unterstreicht er. „In der derzeitigen, zunehmend polarisierenden und tribalistischen Phase finde ich es sehr wichtig, dass wir die bewusste Entscheidung treffen, miteinander zu reden und uns auf die Gemeinsamkeiten anstatt auf die Unterschiede zu konzentrieren, denn ich bin überzeugt, dass wir gerade den letzten Atemzug eines sterbenden Systems erleben, und ich sage: ´Und tschüss!´“

Aktuelles Album: Homunculus (Gentle Art Of Music / Soulfood)

© 01. Oktober 2018  WESTZEIT ||| Autor: Carsten Wohlfeld ||| Photograf: Alexey Testov