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TINA DICO

Bodenständig aufs Festland

Zehn Alben hatte Tina Dico bisher veröffentlicht. Zum zehnjährigen Jubiläum ihres subjektiv erfolgreichsten Werkes ´Count To Ten´ spielte sie 2017 diesbezüglich einige Konzerte, verfasste ihre Biographie. Nun kommt mit ´Fastland´ nicht nur ein neues Album, sondern die Zukunft für die Dänin zurück!

Tina Dico, dänische Sängerin mit Wohnsitz in Reykjavik, hat nach zehn Songsammlungen ihre Vergangenheit ad acta gelegt, um Innovationen wiederzubeleben.

„Mit dem neuen Album habe ich ein gutes Gefühl zurückbekommen. Weil ich vorab vieles hinter mir gelassen habe.“

Der Durchbrach gelang ihr 2007 mit dem dritten Longplayer ´Count To Ten´.

„Auch wenn ich ´In The Red´, das Album direkt vor ´Count To Ten´, als mein in Deutschland erfolgreichstes Album bezeichnen würde, weil es jenes war, dass im Radio am meisten beachtet wurde. `Count To Ten´ wurde dann durch ´Ina´s Nacht´ sehr bekannt, weil ich in der Sendung von Ina Müller den Titelsong performen durfte.“

Tina Dico war zweimal Gast in der o.g. Sendung. Und das in einer Zeit, wo Müller noch nicht richtig Englisch, Dico nicht Deutsch sprechen konnte. Daher war es seinerzeit schwierig, zusammen ein tiefergehendes Gespräch zu führen. Das hat sich mittlerweile geändert. Eine Woche nach dem Westzeit-Interview zu ´Fastlands´ besuchte Müller Dico in Reykjavik, um dort Aufnahmen für eine Weihnachts-Show zu realisieren.

„´Count To Ten´ war ein wirklich extrem wichtiges Werk für mich, auch daheim in Dänemark. Es war sogar so wichtig, dass ich darüber meine Autobiographie schrieb, die nun auch in deutscher Sprache erhältlich ist. Diese Bio dreht sich um das Album. Nachdem ich das Buch fertig geschrieben hatte, wurde mir bewusst, dass damit eine Ära endet. Ich fühlte mich frei, um Neues zu versuchen. Zwar hatte ich einige Ideen, doch als ich diese mit der Gitarre umsetzen wollte, passierte nichts…“

Also änderte Dico alles. Sie setzte sich ans Schlagzeug, trommelte. Sie versuchte, einem alten Keyboard die seltsamsten Sounds zu entlocken. Und sie schnallte sich einen Bass um, um neue Rhythmen zu erarbeiten. Dabei stand sie nicht unter Zeitdruck, denn sie hat zuhause mit ihrem Ehemann Helgi Jónsson ein eigenes Studio. Gleichzeitig ermöglichte dieses Studio, die Vertrautheit mit dem Partner, wirklich frei eine eigene musikalische Meinung zu äußern.

„Wenn ich mit Leuten im Studio arbeite, die mir nicht so nah sind, die ich nicht so gut kenne, mag ich meine musikalischen Gedanken nicht wirklich äußern, druckse eher verlegen herum.“

Doch keine Angst, die neue LP enthält weder Trommelsolos, noch Elektropop. Eher Folk Noir. Düster, klar, skandinavisch-nordisch, thront Dicos Stimme über der sparsamen Instrumentierung. Und ´People Are Strange´ hat in keiner Weise etwas mit dem gleichnamigen The Doors-Track zu tun.

„Der Songtitel `People Are Strange´ ist durch die Doors sehr bekannt. Ebenso durch die schwedische Sängerin Stina Nordenstam, die 1998 ein Album so betitelt hat. Natürlich wurde ich gefragt, ob ich wirklich auch noch einen Song so benennen wolle. Ich sagte, man kann doch eine Zeile wie ´People Are Strange´ nicht patentieren. Das Lied beschreibt bestmöglich die Essenz aller Probleme, die wir derzeit in der Welt, oder auf einer schmaleren Skala im eigenen Leben, haben. Alle Konflikte, die wir bemerken, betreffen uns auch selbst. Dieselben Kommunikationsprobleme, Konflikte, Eifersüchteleien, Eitelkeiten, Verunsicherung und Zweifel. Die Angst, etwas zu verlieren, oder verlassen zu werden. Ich versuche stets neu zu verstehen, was hier eigentlich passiert. Dann fällt mir als Resümee immer wieder ein Satz ein, `Jesus, people are strange! Also konnte der Titel nur so heißen!“

Als Albumtitel fand das dänische Wort ´Fastland´ Verwendung. Übersetzt bedeutet es soviel wie ´Festland´. Ihr eigenes Festland ist ihre Familie. Sie gibt ihr halt, wenn um sie herum der Ozean tobt. Oder, wenn demnächst der Blätterwald abermals zu rauschen beginnt.

Aktuelles Album: Fastland (CNTCT / BMG)

© 01. Oktober 2018  WESTZEIT ||| Autor: Ralf G. Poppe