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KOPFECHO

Girls up front!

So offen sich die Punkrock-Szene auch gibt, es lässt sich nicht abstreiten, dass das weibliche Geschlecht hier in der Unterzahl ist – sei es bei Veranstaltern, Promotern, Journalisten oder vor allem innerhalb der Bands selber. Auch im 21. Jahrhundert ist es noch immer etwas Besonderes, wenn Frauen auf der Bühne stehen und sich so wild zeigen wie man es sonst nur von Männern gewohnt ist. Ist das richtig? Nein. Sollte es mehr Menschen geben, die Frauen in diesem Bereich unterstützen? Zweifellos.

Doch glücklicherweise hat sich in den letzten Jahren schon so viel getan, dass man zumindest nicht mehr allzu lange nachdenken muss, um eine Handvoll Gruppen aufzählen zu können, in denen zumindest eine Frau vertreten ist: Petrol Girls, Mobina Galore, Spanish Love Songs, RVIVR und Muncie Girls gehören beispielsweise zu den Exoten. Ebenso wie Kopfecho aus Düsseldorf, die Dank Frontfrau Amy aus dem großen Pool der deutschsprachigen Alternative-Bands hervorzustechen wissen.

„Ich habe zwar schon immer gesungen, an dem Unterricht, den ich als Teenager bekommen habe, hatte ich allerdings nach einem Jahr kein Interesse mehr. Es ging immer um die richtige Technik, es war langweilig und es hat sich wie alle anderen angehört. Doch so wie die Jungs gesungen haben, mit dem Rauen in der Stimme, das fand ich total toll – also habe ich mir das auch angeeignet.“

Inzwischen kann die Frontfrau den Schreihälsen von KMPFSPRT oder Rogers locker Konkurrenz machen. Sie singt und kreischt, als hätte sie in ihrem Leben nie etwas anderes gemacht, als wäre sie immun gegen Halsschmerzen, ihre Stimmbänder aus Titan und ihr Selbstbewusstsein unüberwindbar.

„Durch die Band und die Zeit auf der Bühne bin ich viel tougher geworden“, bestätigt die Sängerin auf Nachfrage. „Noch vor ein paar Jahren war ich schüchtern und habe mich klein gemacht. Das mache ich zwar auch heute gerne noch, aber ich merke selber, wie viel besser es geworden ist. Wie jeder andere auch erlebe ich im Leben immer wieder Rückschläge, aber ich weiß, ich komme da wieder raus – gerade, wenn ich meine Freunde im Rücken habe.“

Eine offensichtlich tiefe Freundschaft verbunden mit Kreativität und einer starken, kräftigen Singstimme – kein Wunder, dass Kopfecho im vergangenen Januar sogar Massendefekt und die Verantwortlichen des bandeigenen Labels MD Records in Windeseile von sich überzeugen konnten – so schnell, dass sie sie vom Fleck weg engagieren wollten.

„Passend zu unserem Konzert mit den Broilers haben wir ´Sehen/Hören/Fühlen´bereits im November 2017 aus eigener Tasche veröffentlicht. Die Songs waren fertig und wir wussten, wir tun uns selber einen Gefallen, wenn wir dann schon ein Album haben. Die offizielle Releaseshow fand zwei Monate später statt. Sebi von Massendefekt und Flo von MD Records waren auch da und sind direkt nach der Show zu uns gekommen. Sie sagten, sie wollten das Ganze gerne nochmal pushen und uns als kleine Band unter die Arme greifen, ob wir darauf Lust hätten – ja, natürlich!“ Was für eine Frage.

Und was für ein Kompliment. Immerhin gehört es nicht zur Norm, dass sich Bands mit eigenem Label auch noch um die Verbreitung der Songs anderer Musiker kümmern. Kopfecho haben nun mit ihnen ein Zuhause gefunden, wo sie verstanden werden und wo jeder genau weiß, was für die Band am besten ist. Vielleicht auch, weil ihre Themen keineswegs neu sind und auch Massendefekt das ein oder andere bereits abgefrühstückt haben.

„Wenn man in einer Band ist, muss meine seine Meinung äußern – gerade, wenn es zu Missständen kommt und Ungerechtigkeit geschieht. Gegen Rassismus und Faschismus zu sein hat für mich nichts mit Politik zu tun, sondern mit gesundem Menschenverstand“, so die Kopfecho-Chefin. „Das Thema ist immer aktuell. Man kann es immer wieder aufgreifen, weil es immer wieder Diskussionen geben wird – sei es um Geflüchtete oder um Rechts. Das Album kommt direkt aus unseren Herzen; es sind unsere Gefühle, Gedanken und alles, was wir in den letzten zwei Jahren durchgemacht und beobachtet haben. Ich denke nicht, dass wir unsere Vorbilder kopieren, sondern sie eher bestärken.“

Aktuelles Album: Sehen/Hören/Fühlen (MD Records / ) VÖ: 10.08.

© 01. August 2018  WESTZEIT ||| Autor: Leonie Wiethaup ||| Photograf: Kay Özdemir