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SLAVES

Ein Schlag ins Gesicht

Nach dem herrlich ausufernden Genre-Hopping auf seinem von Beastie Boy Mike D. produzierten Album ´Take Control´ vereint das explosive britische Garage-Rock-Duo Slaves auf dem Nachfolger ´Acts Of Fear And Love´ seine Punk-Vergangenheit mit bisweilen geradezu Stadion-tauglichen Melodien. Laurie Vincent (Gitarre, Bass, Gesang) und Isaac Holman (Gesang, Schlagzeug) sind auf dem Weg nach vorn. In den letzten Jahren rannten sie mit ihren umwerfenden Live-Shows und mitreißenden Fernsehauftritten allenthalben offene Türen ein.

Kommentare wie „Gegen Slaves sehen die White Stripes aus wie ein Kaffeekränzchen in der Kirchengemeinde“ oder „Beste Band des Jahrzehnts“ sind keine Seltenheit, wenn die Sprache auf das Duo aus Tunbridge Wells kommt. Nachdem Slaves in England längst in der ersten Liga spielen, wollen sie nun auch den Rest der Welt erobern.

„Bevor wir mit der Arbeit an der neuen Platte begonnen haben, setzten wir uns zusammen und fragten uns, ob wir mehr auf den Mainstream abzielen wollen“, erinnert sich Laurie im Gespräch mit Westzeit.

„Wir hatten zuletzt die Chance, auf immer größeren Bühnen und vor mehr Publikum zu spielen, und fanden Gefallen daran. Also sagten wir uns: Lasst uns versuchen, Songs zu machen, die auch in diesem größeren Umfeld gut klingen.“

Dass sich die Band mit ´Acts Of Fear And Love´ ein Stück weit von der rohen Urgewalt ihrer umjubelten Live-Konzerte absetzt – zuletzt standen sie sogar als Support für die Foo Fighters auf der Bühne – , ist für Laurie keine große Sache.

„Live sind wir weiter nur zu zweit unterwegs, dort ändert sich also nichts“, erklärt er. „Ein Album ist für mich aber eine ganz andere Kunstform, und wir wollten einfach sehen, wie wir die sich uns bietenden Möglichkeiten auf diesem Feld zu unserem Vorteil nutzen konnten. Gerade weil wir live nur zu zweit sind, haben wir auf der Bühne nicht viele Möglichkeiten zu experimentieren, deshalb ist es uns umso wichtiger, das im Studio zu tun.“

Die deutlich gesteigerte Eingängigkeit, die auf dem neuen Album unüberhörbar ist, kam natürlich nicht einfach aus dem Nichts. Sie spiegelt Lauries Beschäftigung mit der Musik von Johnny Marr und Nile Rodgers genauso wider wie den Wunsch, nach Green Day´schem Vorbild Punk-Ethos und einen großen Sound zu vereinen.

„Wir haben uns dieses Mal sehr viel mehr Gedanken gemacht, wie die Lieder klingen sollen, während wir zuvor zumeist gleich die erste Idee umgesetzt haben, die uns in den Sinn kam“, verrät er. „Wir haben viel harte Arbeit investiert, um uns selbst herauszufordern und die Songs immer wieder umzustrukturieren. Alter, Reife und Ambitionen – all das spielt da mit rein!“

Mit ´Acts Of Fear And Love´ geben Slaves ihre alten Ideale nicht auf, sie setzen sie aber, ohne zu viel Gedanken an enge Genregrenzen oder -konventionen zu verschwenden, bewusster in Szene.

„Die neuen Lieder sind strukturierter als unsere alten“, ist Laurie überzeugt. „Sie sind fast schon Popsongs. Zuvor sind wir eher zufällig über eingängige Elemente gestolpert, dieses Mal haben wir ausdrücklich mehr Wert auf Refrain, Hooks und Melodien gelegt. Unsere letzte Platte war eher mäandernd, sie war wie eine lange Reise. Die neue dagegen ist absichtlich kurz und bündig, wie ein Schlag ins Gesicht.“

Textlich fiel Slaves die Inspiration praktisch in den Schoß. Das politische Klima in Großbritannien und dem Rest der Welt, die ökologischen Probleme rund um den Globus, die technologische Revolution und der immer diffizilere Umgang mit Social Media haben auf ´Acts Of Fear And Love´ ihre Spuren hinterlassen.

„Der ganze Mist, der derzeit überall in der Welt passiert, ist ganz schön inspirierend“, bestätigt Laurie lachend. Doch auch wenn Slaves bei ihrer Kritik kein Blatt vor den Mund nehmen und ihre Sicht der Dinge laut herausschreien, ist es ihnen auch wichtig zu betonen, dass sie selbst nicht glauben, über den Dingen zu stehen.

„Letztlich kritisieren wir uns selbst genauso wie die Welt um uns herum“, erklärt Laurie. „Die Triebfeder ist, dass du dich selbst dabei erwischst, die Dinge zu tun, die dir auf die Nerven gehen!“

Aktuelles Album: Acts Of Fear And Love (Universal) VÖ: 17.08.

© 01. August 2018  WESTZEIT ||| Autor: Carsten Wohlfeld