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BENNE

Eine leise Kulturrevolution

Ein Künstler, der in jungen Jahren in einem Waisenhaus in Südamerika gearbeitet hat, der durch Argentinien, Bolivien, Chile, Europa sowie Indonesien gereist ist, der eine Zeitlang in Dublin lebte, der seine Kindheit in der Natur verbrachte, und sich zudem viel mit Buddhismus beschäftigte, der sollte das Leben kennen. Die Bilder eben dieser, seiner Erfahrungen hat Benne nun leise lautmalerisch zu einem ´Fotoalbum´ aus Musik werden lassen, in dem er den Hörer tief in seine Seele blicken lässt. „Sich selbst zu sehen und zu spüren, im Großen und Ganzen, das ist ein roter Faden auf dem Album. Ich will aus früheren Fehlern mehr lernen als nur spätere zu vertuschen.“

Frühere Fehler scheinen sich jedoch in Grenzen zu halten, selbst, wenn sie grenzüberschreitend gemacht worden waren.

„Reisen haben mich immer geprägt. Sie waren der erste Schritt aus meinem Zuhause heraus. Auch die Arbeit im Waisenhaus hat etwas mit mir gemacht. Ich habe das Gefühl, das Leben hat mich immer belohnt, wenn ich etwas Neues gewagt habe“, sagt Benne. Er scheint über die eine besondere Gabe zu verfügen, um seine Stärken zu formen. In Heilbronn geboren, mittlerweile fast 29 Jahre alt, in Berlin lebend, erscheint der junge Liedermacher subjektiv durch und durch als positiv denkender Mensch. Was vielleicht auch an einem guten Start ins Leben liegen mag. „Ich bin am Rande eines kleinen Dorfes aufgewachsen.“

In seinem Elternhaus liefen die Platten der Beatles, Pink Floyd und Bob Dylan. Benne selbst hörte (als Fan) früher gerne die Musik von Rage Against The Machine und System Of A Down. Nun (als Künstler) sieht er sich eher in der Tradition von Songwritern wie Ben Howard.

„In meiner Kindheit war ich viel angeln, und ich mag es, in der Natur zu sein. Mittlerweile bin ich jedoch Vegetarier, deshalb angle ich nicht mehr.“

Als aufmerksamer, reflektierender Beobachter lebt er ein bewusstes Leben, in dem er nicht nur im Einfachen, sondern gerade in seinen Fehlschlägen zu sich und der Welt findet.

Die ersten richtig großen Benne-Konzerte gab es bereits im April 2014, im Verlaufe einer gemeinsamen Tour mit Adel Tawil (Ex-Ich & Ich) durch Deutschland, Österreich und die Schweiz.

„Es war wirklich krass. Kurz zuvor hatte ich noch in Cafés gespielt, oder mit Band vor fünfzig Leuten. Dann spielte ich plötzlich in der Berliner 02-Arena vor 17.000 Menschen… Zustande gekommen waren die Konzerte über meinen damaligen Produzenten, der mit Annette Humpe zusammen Ich & Ich produziert hatte. Mit Adel haben wir ein paar Mal in Bars und Kneipen etwas getrunken, sogar privat gemeinsam etwas unternommen. Adel fand meine damaligen Songs super und meinte dann, dass er Bock hätte, mich mitzunehmen auf seiner Tournee.“

Im Januar 2015 war der Titelsong des im März desselben Jahres veröffentlichten Debutalbums ´Nie mehr wie immer´ als Titelsong eines ebenfalls so benannten ARD-Spielfilms mit Edgar Selge und Franziska Walser zu hören. Im Sommer 2015 spielte Benne vier oder fünf Sommershows mit Revolverheld. Auch diese Kooperation wurde auf dem kurzen Dienstweg realisiert. Denn zu Beginn von Bennes Karriere hat Chris Rodriguez auf einigen Konzerten Bass gespielt - Rodriguez ist fest als Tourbassist von Revolverheld engagiert. Für Glasperlenspiel eröffnete Benne später gar 22 Konzerte! Im August 2016 wurde mit ´Alles auf dem Weg´ die erste Arbeit mit dem jetzigen Benne-Produzenten veröffentlicht. Der damalige Gitarrist ist jedoch mittlerweile nicht mehr involviert.

Damit befinden wir uns nun in der Gegenwart: Das dritte Werk ´Im Großen und Ganzen´ führt die Sichtweise der ersten Alben fort. Nur eben in einer direkteren Weise.

Benne: „Es ist ein sehr lebensbejahendes Album. Obwohl es keinesfalls die Augen vor negativen Sachen verschließt. Man muss sich von Dingen nicht immer abwenden, nur weil sie nicht gleich so laufen, wie man es gerne möchte.“

In seiner Profession als Musiker möchte Benne nah am Leben, dabei authentisch sein. Seine Einstellung ist dabei sehr einfach:

„Ich möchte am Leben wachsen, nicht daran kaputt gehen.“

Gerade auch seine Fehlschläge bringen ihn zu sich selbst, bzw. der Welt näher. Im hier und jetzt, bekennt Benne sich zu seinen verschiedenartigen Interessen, um dabei sozusagen Gemälde aus Musik zu malen.

„´Im Großen und Ganzen´ ist der Gegenentwurf zu einer lauten Zeit, die gefüllt ist mit Meinungen, die vorschnell Recht haben wollen und die die Stärke und die Zärtlichkeit der Ellbogen als gangbares Mittel auserkoren hat. Es geht auch anders.“

Benne revolutioniert auf sanfte Weise, um mit einem klaren, mutigen Blick festzustellen, dass Träume nicht kleiner werden, wenn man größer wird. Subjektiv betrachtet, werden sie machbar. Das beweisen Songs wie ´3000 Umwege´, ´Was zu träumen´ und die Single ´Licht in uns´. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen.

„Vom ersten Song, der es auf das Album geschafft hat, bis zur endgültigen Fertigstellung, hat `Im Großen und Ganzen´ ein Jahr in Anspruch genommen – auch wenn ich natürlich nicht jeden Tag daran gearbeitet habe. Insgesamt hat der Prozess gar eineinhalb Jahre gedauert. Viele Ideen habe ich auch wieder verworfen, weil sie noch nicht genau dort waren, wo ich sie hinhaben wollte. Als die Songs dann jedoch fertig waren, ging alles relativ geschmeidig und stimmig vonstatten.“

Für seine erste Studio-Liedsammlung ´Nie mehr wie immer´ hatte Benne seinerzeit extrem viel allein geschrieben. Ein Jahr später befreite er sich vom Debut, um ´Alles auf dem Weg´ organisch umzusetzen. Nun, für ´Im Großen und Ganzen´ hat Benne im „stillen Kämmerchen“ viel experimentiert.

„In jedem Song stecken verschiedene Teile von mir. In den tiefergehenden Stücken, die mehr weh tun, wie z.B. ´Bis zum tiefsten Punkt´, sind natürlich mehr Emotionen drin. Aber in jedem Lied ist ein Teil von mir! Man kann sich auch hinter Authentizität, und dem, was das bedeuten soll, verstecken. Das fühlt sich für mich und meinen Weg oft nicht mehr stimmig an. Ich möchte Gefühlen Platz geben, um sich so zu zeigen, wie sie wirklich sind“

Die Intimität in manchen der Tracks ist gar „erschreckend“. Sie berührt. Wenn sie keinen Notausgang mehr kennt, wenn sie verbindlicher wird. Doch genau darum geht es: Was passiert, wenn wir weitergehen? Über die Grenze von Zurückweisung und bisherigen Enttäuschungen hinaus und uns ergänzen lassen. Von Erlebnissen. Von der Welt. Vom Gegenüber. Was passiert, wenn wir die dicken Wände einreißen, die mit Fassade verputzt sind? Darüber hinaus hat Benne sich erstmals dafür geöffnet, mit anderen Textern zusammen zu schreiben. So wurden verschiedene Themen und/oder Ideen anders beleuchtet.

„Sieben, acht Songs habe ich mit einem Mittexter und mittlerweile guten Freund geschrieben, mit dem ich mir sehr schön im übertragenem Sinne ´die Bälle zuspielen´ konnte.“

Als die Ergebnisse dieses Arbeitsprozesses im Studio aufgenommen wurden, hat Benne nicht nur die besprochenen Lyrics eingesungen, sondern gar alle akustischen Gitarren, Klaviere, und Keyboards selbst eingespielt. Arrangiert hat Benne die Songs zusammen mit seinem Produzenten.

„Es gab auch Sessions mit einem Schlagzeuger, andere Sounds wiederum wurden gesamplet oder programmiert.“

Auf die Bühne wird Benne seine neuen Stücke im November bringen, wenn die Gastspiele in Leipzig, Hamburg, Hannover, Köln, München und Berlin anstehen. Dann wird er mit drei „Jungs, die ich alle noch aus dem Studium kenne“ in Quartettform auf der Bühne stehen.

„Ich singe, spiele akustische Gitarre und Klavier. Wobei ich mich am Klavier mit dem Gitarristen (der u.a. auch bereits mit Culcha Candela auf Tour war) abwechsle. Dazu kommen noch Bass und Schlagzeug.“

Fazit?

„Ich will mich aufmachen, ohne mich dabei vor der Welt zu verschließen. Viele Musiker sprechen davon, dass Musik ihr Leben sei. Ich kann da nicht mitgehen. Musik muss für mich immer aus dem Leben heraus entstehen und nicht umgekehrt. Und genau das macht Musik für mich so schön. Dass sie eben mit viel, viel größeren Dingen verbunden ist als nur mit sich selbst.“

Aktuelles Album: Im Großen und Ganzen (Ferryhouse / Warner) VÖ: 03.08.

© 03. August 2018  WESTZEIT ||| Autor: Ralf G. Poppe ||| Photograf: Felix Wittich