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REX ORANGE COUNTY

Die sanfte Revolte

Alexander O´Connor alias Rex Orange County ist erst 20 Jahre alt, doch in seiner britischen Heimat liegt ihm das Publikum bereits seit geraumer Zeit zu Füßen: Er ist der König des ´Schmaltzcore´, der dynamisch und verletzlich zugleich mit einem smoothen Sound zwischen Pop und Neo-Soul der Anführer der sanften Revolte ist. Jetzt erscheint sein neues Album ´Apricot Princess´ auch in Deutschland.

Früher war es ganz einfach: Entweder man war als Musiker indie, veröffentlichte auf Kleinstlabels und brüllte zum Sound von lauten Gitarren seine ganze Wut geradewegs heraus, oder man setzte, mit der ganzen Macht der alteingesessenen Major-Plattenindustrie hinter sich, die Segel in Richtung Pop. Rex Orange County dagegen fühlt sich dort am wohlsten, wo die Grenzen zwischen den beiden Extremen verschwimmen: Im Geiste alter Independent-Künstler veröffentlichte er sein im eigenen Kinderzimmer selbstproduziertes Mixtape ´Bcos U Will Never B Free´ im Jahre 2015 im Alleingang über Soundcloud, die folgenden Kollaborationen an der Seite von Schwergewichten wie Tyler, The Creator (den er für zwei Songs auf dem Grammy-nominierten Album ´Flower Boy´ unterstützte) und prestigeträchtige Auftritte zusammen mit Frank Ocean unterstrichen allerdings gleichzeitig, dass Rex Orange County den Pop-Thron fest im Blick hat. Zuletzt machte er sogar gemeinansame Sache mit dem mehrfach Oscar- und Grammy-prämierten Songwriter-Altmeister Randy Newman bei ´You´ve Got A Friend In Me´.

Daheim in Großbritannien katapultierte sein erstes Album O´Connor bereits an die Spitze einer ganz neuen Songwriterbewegung – gar nicht so schlecht für einen Typen mit Boy-next-door-Charme aus dem eine Stunde von London entfernten Nest Haslemere, der lange gar nicht danach strebte, im Rampenlicht zu stehen!

„Die Vorstellung, der Anführer sein zu können, war etwas völlig Neues für mich”, gesteht er. „Als ich aufwuchs, liebte ich Bands wie Green Day und Weezer, das war ganz schön cool. Dann wurde mir allerdings klar, dass ich keine Band gründen musste, dass ich der Typ sein konnte, der all die Musik allein macht! Mir wurde bewusst, dass man viel mehr erreichen kann, wenn man in der Bühnenmitte steht, seine Musik selbst in die Hand nimmt und ein bisschen eigennütziger an die Sache herangeht.“

Im dieses Ziel zu erreichen, besuchte O´Connor die renommierte BRIT School im Süden von London, eine weiterführende Schule für darstellende Künste und Technologie, in der kreative Talente fit gemacht werden für einen Platz auf der Sonnenseite. Adele ist ebenso eine Absolventin der Institution wie Multitalent King Krule. Aufgenommen wurde O´Connor an der BRIT School als Schlagzeug-Hoffnung, doch umringt von vielen anderen Wunderkindern und sonstigen Überfliegern entdeckte er schon bald sein Talent als Sänger, erlernte Gitarre und Piano. Rückblickend scheint es O´Connor fast ein wenig peinlich zu sein, mit 16 diesen Weg eingeschlagen zu haben, gleichzeitig sagt er aber auch:

„Wenn ich ehrlich bin: Ich würde nicht da sein, wo ich heute bin, wenn ich die Schule nicht besucht hätte.“

In der Tat, denn seine Musik ist gleichermaßen das Ergebnis von viel Talent und kluger Planung. Wie seine quietschbunten, quicklebendigen Liveshows, ist auch sein neues Album vollgestopft mit fantasievoll ausstaffierten Songs voller Positivität, mit denen O´Connor die alltägliche Realität des Teenager-Lebens und seine Träume mit jazzigen Piano-Klängen und einem eingängigen, aber nie faden Blue-Eyed-Soul-Sound einrahmt, der in voller Bandbesetzung samt Blechbläsern genauso funktioniert wie bei zurückgenommenen Liebesballaden. Dabei ist O´Connor selbst ein wenig überrascht, wie sehr er mit ´Apricot Princess´ die emotionale Stimmung des Hier und Jetzt eingefangen hat.

„Erst als ich meine Musik veröffentlicht habe, wurde mir bewusst, wie viele Leute genauso fühlen wie ich”, erklärt er. „Einige Leute haben sogar bei meinen Shows geweint. Das ist doch verrückt!”

Aktuelles Album: Apricot Princess (Awal Recs. / Kobalt)

© 01. August 2018  WESTZEIT ||| Autor: Carsten Wohlfeld ||| Photograf: Jürgen Teller