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WELSHLY ARMS

Die Band aus der Bierwerbung

Wenn man 2017 nicht gerade in einer Höhle oder auf einer einsamen Insel ohne Zugang zu Zivilisation und digitaler Infrastruktur verbracht hat, ist man an ´Legendary´ wohl kaum vorbeigekommen. Als kleine Erinnerungshilfe: Dröhnender Bass, intensive, elektronische Beats und markiger, männlicher Gesang obenauf, langsam, hymnisch und mächtig in der Aufmachung. Insgesamt so einprägsam, dass er für Werbespots wie gemacht zu sein scheint – was die Marketingabteilung einer bekannten Bremer Brauerei auch gleich erkannt hat. ´Legendary´ gehört zu den Songs, die man kennt, ohne dass man auf dem Schirm hat, welche Band überhaupt dafür verantwortlich ist.

Seit ihrer Gründung 2012 haben sich Welshly Arms in den Vereinigten Staaten bereits einen Namen gemacht und wurden sogar Teil des Soundtracks der umjubelten TV-Serie ´This Is Us´. Nun möchten sie auch ganz besonders Deutschland von sich überzeugen – und wenn die Deutschen schon jetzt ihr liebstes alkoholisches Getränk mit ihrer Musik in Verbindung bringen, stehen die Chancen dafür doch auch nicht einmal schlecht.

Bereits im vergangenen Jahr hat die Band um Sänger Sam Getz ´Legendary´ als Titeltrack ihrer aktuellen EP veröffentlicht, nun macht die Formation ihn zusätzlich zum Teil ihres neuen Albums ´No Place Is Home´. Die allzu berechtigte Frage ist jetzt: Aus welchem Grund macht man so etwas? Warum veröffentlicht eine Band denselben Song auf mehreren Tonträgern? Ein reines Ausnutzen des Erfolges? Vielleicht ein bisschen, wie Getz gesteht:

„Als wir bei Universal Germany unterschrieben haben, hatten sie nur diese Single von uns und nicht auch die Platte dazu. Doch da uns der Song gerade in Deutschland ein so großes Publikum verschaffen konnte, musste er einfach auch auf das Album. Denn selbst wenn viele Leute bis dato nur dieses eine Lied von uns kennen, wird es für manche vielleicht Ansporn genug sein, sich auch an ´No Place Is Home´ zu versuchen und es in Gänze anzuhören.“

Wenn man den jungen Mann so reden hört, lässt sich der Stolz um die Performance ihres Songs auf einem der größten Musikmärkte der Welt kaum leugnen. Doch Lieder, die durch Werbespots erfolgreich wurden, gibt es viele. Ebenso wie Bands, die dadurch für kurze Zeit den Ruhm gewittert haben und trotzdem alsbald wieder spurlos von der Bildfläche verschwunden sind. Das Schicksal des One-Hit-Wonders ruft doch schneller als gedacht – was dem Frontmann sehr wohl bewusst ist.

„Natürlich haben wir vor Auge, dass uns genau das passieren könnte und – zugegeben – der Gedanke daran macht uns Angst. Es war aufregend, als unsere Musik plötzlich diese Aufmerksamkeit und den Zuspruch bekommen hat, wir haben uns davon als Band jedoch nicht beeinflussen lassen – auch nicht bei den Aufnahmen für ´No Place Is Home´. Wir wollten einfach ein schönes und stimmiges Album zusammenstellen“, erklärt Getz. „Es ist unser zweiter Longplayer, auf eine Art aber auch der zweite erste, da seit 2015 und der Veröffentlichung von ´Welshly Arms´ so viele Dinge passiert sind, dass wir zu einer ganz neuen Band geworden sind. Wir haben zwei neue Mitglieder gewonnen und waren obendrein sehr viel auf Tour. Das ständige Reisen hat uns geprägt und verändert und schließlich sogar dem Album seinen Namen gegeben.“

Monatelang war die Truppe aus Ohio unterwegs; so intensiv, dass sich zu guter Letzt selbst die Heimatstadt nicht mehr wie ein Zuhause angefühlt hat und lediglich der Tourbus dieser Beschreibung noch nahe kam. Die Entwurzelung ging zugleich Hand in Hand mit dem Gefühl, verloren zu sein, allein, die anderen Bandmitglieder mussten als Familien- und Heimatersatz herhalten. Irgendwann hätten sie jedoch erkannt, dass ein „Zuhause“ kein physischer Ort sein muss, sondern auch ein Gefühl sein kann, erinnert sich der Sänger. Mit diesem Wissen wurden alle einhergehenden Emotionen eingefangen, niedergeschrieben und zum Thema ihres zweiten ersten Albums ausgearbeitet. „No place is home but times they are changing”, heißt es dazu passenderweise im indirekten Titeltrack ´Sanctuary´. Welshly Arms wollen eine neue Ära einläuten, alles soll anders werden. Doch ist es das nicht schon längst?

Flashback.

„Als Kleinkind habe ich immer mit einer Plastikgitarre gespielt und als ich fünf Jahre alt war, hat mir mein Cousin seine alte geschenkt. Meine erste eigene bekam ich mit acht. Mein Vater war außerdem in diversen Bands Schlagzeuger, hat mich mit seiner unglaublichen, wundervollen Sammlung aus Rock’n’Roll-, Classic Rock- und 60er Jahre Blues-Alben erzogen und mit mir sogar meine erste Band gegründet. Durch ihn bin ich mit Musik aufgewachsen und habe sie lieben gelernt.“

Jahre später kann Sam Getz von seiner Musik leben, man könnte also annehmen, diese Heldenverehrung wäre mittlerweile auf ein Minimum begrenzt – doch von wegen! Der Welshly Arms-Sänger hat zwar viel erlebt und gesehen, seine Inspirationsquelle hat sich deswegen trotzdem nicht verändert.

„Ich finde es großartig, dass er auch selber immer noch Musik macht“, so der Nachwuchs. „Von meiner ist er bis heute kein Fan – dafür ist er einfach viel zu kritisch – aber seine Meinung ist mir wichtig. Er ist mein größter Supporter.“

Nun sei die Zeit für den nächsten Schritt gekommen: Mit ihrem neuen Album wollen Welshly Arms demonstrieren, dass sie ihr Pulver nicht bereits bei ´Legendary´ komplett verschossen haben. Denn immerhin kann ihr internationaler Karrierehöhepunkt doch nicht in einer Bierwerbung liegen. Oder?

Aktuelles Album: No Place Is Home (Universal) Vö: 08.06.

© 02. Juni 2018  WESTZEIT ||| Autor: Leonie Wiethaup ||| Photograf: Peter Larson