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ICEAGE

Musik als Notwendigkeit

„Wir haben nie hinterfragt, warum wir Musik machen oder wo sie uns hinführen wird“, sagt Elias Bender Rønnenfelt im Westzeit-Interview über die Herangehensweise seiner Band Iceage. „Das Ganze ist eine fortwährende Entdeckungsreise.“ Mit seinem neuen Album ´Beyondless´ setzt die dänische Institution für finster-fiesen Post-Punk diese Reise nun fort und findet jenseits seiner Hardcore-Wurzeln zwischen Sludge-Folk und Space-Rock ihren Weg.

Mit ihrer vierten LP entfernen sich Iceage weiter von dem herrlich wilden Chaos, das sie zu Beginn ihrer Karriere mit ihren oft in atonalem Exzess endenden Live-Konzerten entfacht haben. Nun beschwört das Quartett aus Kopenhagen das Gefühl von Dringlichkeit und Intensität auch mit bedrohlich anschwellenden Streichern und Blechbläsern herauf statt allein mit ungestümer Punkrock-Wucht. Rønnenfelt sieht seine Band damit auf einem guten Weg.

„Ich finde, es wird immer interessanter“, sagt er. „Durch das Trial-and-error-Verfahren wirst du ständig besser und bist in der Lage, deine Träume in die Tat umzusetzen. Das Ganze ist wie von selbst gewachsen.“

Seit dem ruppigen Erstling ´New Brigade´, den Iceage 2010 noch im Teenageralter aufnahmen, mag das Interesse der vier an Melodien und ausgetüftelten Arrangements gestiegen und dem Gesang mehr Bedeutung zugekommen sein, dennoch stützt sich ´Beyondless´ auf die gleichen Grundpfeiler wie die Vorgänger.

„Wir betrachten das Songwriting als Handwerk, ein Handwerk, das wir unglaublich ernst nehmen“, erklärt Rønnenfelt. „Dabei ist es wichtig, dass du dir eine gewisse Naivität bewahrst, um dir das Geheimnisvolle zu erhalten. Letztlich versuchen wir, uns bei der Arbeit nicht zu viele Gedanken zu machen und uns vom Bauchgefühl leiten zu lassen.“

Das gilt für die Musik genauso wie für die Texte. Bisweilen bemerkt Rønnenfelt erst in der Rückschau, wie sehr bestimmte Zeilen sein eigenes Leben widerspiegeln, ohne dass er das beabsichtigt hatte.

„Es kommt vor, dass du einen Text in die Tonne haust, aber einen Monat später, wenn dir das zerknitterte Papier vielleicht noch einmal in die Hände fällt, stellst du fest, dass du unterbewusst Wahrheiten angesprochen hast, die du im ersten Moment einfach nicht sehen wolltest,“ verrät er.

Das Feedback auf die Texte war und ist immens, ganz besonders, wenn man bedenkt, dass Englisch nicht Rønnenfelts Muttersprache ist. Zuletzt reihte sich sogar der New Yorker Punk-Held und Autor Richard Hell in den Chor derer ein, die das anspruchsvolle Vokabular loben, mit dem der Iceage-Frontmann menschliche Emotionen in allen Facetten beschreibt. Als Literatur im engeren Sinne will Rønnenfelt seine Texte aber dennoch nicht verstanden wissen.

„Ich bin mir sehr bewusst, dass ich keine Poesie, sondern Liedtexte verfasse“, betont er. „Sie sind darauf ausgelegt, in dieses bestimmte Format zu passen. Natürlich hat es immer wieder Songtexte gegeben, die sehr poetisch waren, aber letzten Endes waren sie doch in erster Linie für Lieder bestimmt.“

Dem positiven Echo zum Trotz steht für ihn deshalb derzeit nicht zur Debatte, sich außerhalb der Band als Dichter oder Schriftseller zu versuchen. „Dazu nutze ich das Songformat zu gern zum Schreiben“, gesteht er.

Denn auch wenn die Musik von Iceage auf ´Beyondless´ weniger brachial ist als in den frühesten Tagen der Band – die Leidenschaft fürs Musikmachen brennt weiter hell in Rønnenfelt und den Seinen.

„Musik zu machen ist für uns eine Notwendigkeit“, sagt er bestimmt. „Wenn wir dieses Gefühl jemals verlieren, wirst du auch nichts mehr von uns hören!“

Aktuelles Album: Beyondless (Matador / Beggars / Indigo)

© 01. Mai 2018  WESTZEIT ||| Autor: Carsten Wohlfeld ||| Photograf: Steve Gullick