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ANNA VON HAUSSWOLFF

Musiktherapie

Wer sich auf die Musik der Schwedin Anna von Hausswolff einlässt, der tut das ja nicht nur zum Spaß. Auf ihrem Longplayer ´Ceremony´ verarbeitete Anna z.B. den Tod des Großvaters, auf ´The Miraculous´ durchwanderte sie mystische Schattenwelten und auf dem neuen Album beklagt sie den Tod der Magie als „Ende vom Ende“ und dem „Anfang des Anfangs“.

Wenn man dann noch weiß, dass Anna ihre epischen Klanglandschaften um den Sound verschiedener Kirchenorgeln herum aufbaut, dann lässt sich auch erahnen, dass Anna selbst ihre Kunst nicht unbedingt nur als einen unterhaltsamen Zeitvertreib betrachtet; sondern als eine Art von Autotherapie, mit der sie sich – sozusagen am eigenen Zopf – aus angeschrägten Lebenslagen befreit. Tatsächlich geht Anna sogar offenherzig noch einen Schritt weiter, wenn es darum geht, den Zweck ihrer Kunst zu beschreiben:

„Ich bin eine sehr komplizierte Person“, räumt Anna nämlich unumwunden ein, „in meinem alltäglichen Lebens adaptiere ich mich zwar an meine Umgebung, versuche mich entsprechend der Konventionen zu benehmen, freundlich zu anderen zu sein und mich den Regeln der Gesellschaft anzupassen. So fühlt sich das jedenfalls für mich an. Aber in der Musik gibt es diese Regeln nicht. Ich bin total frei, kann mich ausdrücken wie ich will, kann machen was ich will.“

Geht es also darum, mit den Mitteln der Musik eigene Regeln aufzustellen?

„Genau“, pflichtet Anna bei, „ich kann mich mit der Musik in Bereiche bewegen, die schmutzig, hässlich, schändlich oder verboten sind, und diese erforschen. Es fühlt sich für mich dann natürlich und positiv an, dass ich solche Bereiche aufsuchen kann. Das ist selbstredend auch eine Art von Therapie – aber für mich ist es vor allem einfach eine Möglichkeit, ein freieres Leben führen zu können. Ich habe zumindest das Gefühl, ich selbst sein zu können und meine eigenen Regeln machen zu können. Das ist der anarchistischste Lebensstil, den ich mir vorstellen kann.“

Und es bedeutet ja auch, dass Anna alle negativen Aspekte in ihrer Musik verarbeiten kann – was das alltägliche, ´echte´ Leben dann auch wieder erträglicher machen dürfte. Das konkretisiert sich an dem Thema der ´toten Magie´. Dieses Konzept entwickelte sie nämlich, als sie an einer kreativen Blockade und Selbstzweifeln litt - sozusagen keine kreative Magie mehr verspürte - und dann mittels des Musizierens wieder aus diesem Tief heraus fand. Womit wir wieder bei der Therapie wären.

„Ja, denn als ich diesen Zeit-raum später aus der Distanz beobachtete, als ich mich wieder gut fühlte, und meine kreative Ader wiedergefunden hatte, versuchte ich, das Ganze irgendwie zu erklären. Für mich ist das aber eine ganz schön verschwommene Periode und es ist schwer, genau zu sagen, was da eigentlich abging. ´Dead Magic´ ist also meine Interpretation dieser Phase. Das Konzept entwickelte ich aber erst, nachdem ich die Musik fertig gestellt hatte.“

Was hält eigentlich jemand, der sich dermaßen intensiv und ernsthaft mit der Musik auseinandersetzt, von Pop-Musik?

„Ich liebe Pop-Musik“, meint Anna erstaunlicherweise, „was ich an der Popmusik mag ist, dass diese für viele Leute so zugänglich ist. Es ist eine sehr universelle Art von Musik. Man kann damit größere Schichten erreichen. Das ist sehr interessant. Was ich aber auch denke ist, dass wir alle unterschiedlich auf bestimmte Akkordfolgen und Harmonien reagieren. Je nachdem, wie man die Akkorde anordnet, kann man also verschiedene Gefühle auslösen. In einem guten Popsong braucht es ja nicht viele Akkordfolgen – es kann aber dennoch ein komplexer Song sein, mit dem man viele Leute erreichen kann. Und das finde ich spannend.“

Bis Anna von Hausswolff allerdings selbst ein Mal Pop-Musik macht, wird es aber wohl noch eine Weile dauern. Bis dahin gibt es noch jede Menge Magie zu entzaubern - bzw. wiederzubeleben …

Aktuelles Album: Dead Magic (City Slang / Universal)

© 01. März 2018  WESTZEIT ||| Autor: Ullrich Maurer