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THE WEATHER STATION

Kreativität statt Perfektion

Tamara Lindeman ist angekommen. Mit ihrer sagenhaften vierten, selbstbetitelten LP unter dem Namen The Weather Station hat sich die im kanadischen Toronto beheimatete Singer/Songwriterin gewissermaßen auf die Suche nach sich selbst gemacht und stellt sich nun ohne Scheu ins Rampenlicht, auch wenn das bedeutet, dass sie den fragilen Laurel-Canyon-Folk ihrer vorherigen Gänsehaut-Platten ´All Of It Was Mine´ und ´Loyalty´ ein Stück weit hinter sich lässt.

Selbstsicherer, risikofreudiger sind Lindemans Arrangements auf der neuen Platte, die Melodien sind weiter gefasst, Streicher und sogar Bläser ergänzen bei einer ganzen Reihe Songs das bekannte Instrumentarium, und auch textlich stürzt sich Lindeman wortreich in neue Zusammenhänge, ohne dass ihr dabei ihre beeindruckende Präzision verloren geht. Natürlich fehlen die stillen, ja fast ein wenig verhuschten Folk-Momente auch hier nicht vollends, im Mittelpunkt aber stehen Songs, die merklich rauer klingen. Bisweilen könnte man meinen, dass Patti Smith und Jim Carroll bei den Aufnahmen Pate gestanden hätten.

Die musikalische Evolution fällt zuerst ins Auge, aber auch im persönlichen Gespräch wirkt die liebenswerte 33-jährige Kanadierin nun gefestigter und entspannter als zuvor.

„Ich habe mir dieses Mal zugestanden, Fehler zu machen und freier an das Schreiben und das Arrangieren der Lieder heranzugehen und einfach den Geist des Kreativseins zu genießen, anstatt Perfektion anzustreben“, sagt sie im Westzeit-Interview bestimmt. Dabei entstanden Lieder, die Lindeman so nicht erwartet hätte. „Um ganz ehrlich zu sein, haben mich eigentlich alle Songs überrascht. Ich fragte mich ständig: ´Was sind das denn für Lieder, wo kommen sie plötzlich her?´ Ich fand sie allesamt etwas furchteinflößend!“, gesteht sie lachend.

Viele Nummern sind klanglich ungezügelter als die oft nur dahingehauchten Stücke auf ´Loyalty´, aber auch textlich gestand sich Lindeman mehr Freiräume zu, nachdem sie ihre Texte zuvor in einem langwierigen Prozess gekürzt und editiert hatte.

„Als ich anfing, die neuen Songs zu schreiben, kam mir die Idee, mich mal am Langform-Songwriting zu versuchen“, verrät sie. „Ich sagte mir: ´Warum sparsam sein?´ Schließlich ist es ein Riesenspaß, eine Menge Worte in einem Song zu verwenden. Wenn du nicht so fokussiert arbeitest wie ich zuvor, kannst du ja das große Ganze in den Blick nehmen.“

Der Blick auf das große Ganze schlug sich auch klanglich nieder. Obwohl Lindeman die Platte selbst produzierte und erstmals die Zügel selbst in der Hand hielt, tritt sie jetzt öfter mal einen Schritt zurück und überlässt den Streichern und dem Klavier die Führungsrolle, während ihre Songs in der Vergangenheit fast immer ganz auf ihre Stimme und ihre Gitarre konzentriert gewesen waren.

„Beide Partner, die ich bei den vorangegangenen Alben hatte, besaßen einen ausgeprägten Beschützerinstinkt und haben peinlich genau darauf geachtet, dass ich stets im Zentrum stand“, erklärt sie. „Jetzt, da ich selbst das Sagen hatte, war ich stärker daran interessiert, auch all die anderen Dinge nach vorn zu kehren, damit man sie hören kann. Weil ich dieses Mal alle Arrangements selbst gemacht habe, fühlten sich aber auch die Parts, die ich nicht selbst eingespielt habe, wie ein Teil meines künstlerischen Ausdrucks an.“

Der Mut, sich dieses Mal ein wenig mehr künstlerisch auszutoben, resultiert nicht zuletzt aus der Erkenntnis, dass Lindeman mit The Weather Station eine Duftmarke hinterlassen hat und auf ein kleines, aber stetig wachsendes Publikum zählen kann.

„Ich habe das Gefühl, viel mehr Freiheit zu haben, mehr ich selbst sein zu können und sozusagen meine Flügel ein wenig mehr ausbreiten zu können“, sagt sie. Das englische Uncut-Magazin zählt ´The Weather Station´ zu den fünf besten Platten des Jahres 2017 – und wir schließen uns da gerne an!

Aktuelles Album: The Weather Station (Paradise Of Bachelors / Cargo)

© 01. Dezember 2017  WESTZEIT ||| Autor: Carsten Wohlfeld ||| Photograf: Shervin Lainez