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NAHKO

Das Intro seiner Musik

Nahko ist seit Jahren eines der Gesichter der Weltmusik. Mit seiner 2008 gegründeten Band Nahko And Medicine For The People kombiniert er Musikarten diverser und sehr unterschiedlicher Kulturen, die er auf seinen vielen Reisen selber kennenlernen konnte. Drei Alben haben sie veröffentlicht, etliche Touren gefahren, viele Festivals bespielt, doch eine Sache blieb immer unerzählt: Die Zeit vor der Band. Am 20. Oktober veröffentlicht Nahko mit „I Am Bear“ sein Solodebüt und widmet sich darauf genau diesem Thema – und präsentiert Songs, die er teilweise schon als Teenager geschrieben hat.

„Als ich 17 Jahre alt war, bin ich von Zuhause weggegangen, um herauszufinden, was die Welt zu bieten hatte. Ich habe mich verloren und einsam gefühlt und versucht, meinen Platz zu finden. Ich wollte wissen, wozu ich bestimmt war“ – wenn man Nahko Bear so zuhört, könnte man leicht glauben, seine Person sei einem kitschigen, vorhersehbaren Film entsprungen. Kaum dem Erwachsenenalter nahegekommen, losziehen und die Welt entdecken. Songs schreiben, Menschen begegnen, Kulturen kennenlernen, spirituell sein – eben genau das, wofür der Medicine For The People-Chef seit Jahren berühmt ist. Auf ´I Am Bear´ lernt man Nahko allerdings von einer ganz anderen Seite neu kennen.

„Die Songs hatte ich schon lange, ich hatte nur nie die Zeit sie aufzunehmen, weil ich immer mit anderen Projekten beschäftigt war – vor allem mit Nahko And Medicine For The People natürlich. Zwei Jahre nach unserem letzten Album ´HOKA´ schien für mich allerdings die Zeit gekommen, mit den Tracks ins Studio zu gehen und ´My Name Is Bear´ einzuspielen. Theoretisch ist es aber gar kein Soloalbum“, fügt er lachend hinzu. „Hierauf spielt dieselbe Band, die außerdem auch noch mit auf Tour kommen wird. Es ist allerdings eine andere Geschichte, es wird von einer anderen Zeit erzählt. Von der Zeit vor Medicine And The People.“

Insofern hebt es sich natürlich klar von allem ab, was die Band in ihrem fast zehnjährigen Bestehen an die Öffentlichkeit getragen hat.

Nahkos Leben wurde schon früh von so einschneidenden Erlebnissen geprägt wie sie manche in ihrem Leben nie durchmachen müssen. Umso beeindruckender, dass er nicht an ihnen zerbrochen ist, sondern immer stärker wurde – und dabei wäre es Ersteres nicht einmal verwerflich. Ganze drei Medicine For The People-Alben hat es bislang gebraucht, um zu verarbeiten, wie er im Alter von 21 Jahren zum ersten Mal seine biologische Mutter getroffen hat. Vor Jahren hat er außerdem ausgerechnet dem Mann einen Song gewidmet, der seinen Vater ermordet hat und dem er dennoch verzeihen konnte. „Familiäre Identität ist mir sehr wichtig. Mir ist es wichtig, über den Gefängnisbesuch zu sprechen, darüber, wie ich vergeben konnte“, gibt er im Gespräch zu Protokoll und wählt offensichtlich jedes einzelne Wort ganz genau und sorgfältig aus.

„´My Name Is Bear´ fühlt sich für mich wie eine Entlastung dieser Dinge an, wie ein Bruch. Das Album behandelt eine Zeit, bevor ich irgendwas über meine biologische Mutter, meinen Vater, die Familie meines Vaters oder über seinen Mörder wusste. Die Zeit an sich war ganz bestimmt leichter und vielleicht auch glück-licher, allerdings hat sich mich gleichzeitig auf alles Kommende vorbereitet.“

´My Name Is Bear´ ist das Stück Musik, das den bereits bekannten Musiker nun endlich in seinem vollen Dasein darstellt. Es ist wie das Intro eines Buches, das noch gefehlt hat, um die Geschichte in voller Gänze zu verstehen. Das Album ist die musikalische Untermalung der Reise, die Nahko mit 17 Jahren auf sich genommen hat und die ihn für immer geprägt hat. Eben das, was ihn auf das vorbereitet hat, was kurze Zeit später sein Leben völlig auf den Kopf stellte.

„Ich glaube, die Zeit, bevor zu 20 Jahre alt wirst, formt dich. Sie bereitet dich auf die nächsten zehn Jahre vor – oder sogar auf den Rest deines Lebens. ´My Name Is Bear´ ist für mich wie eine Zeitkapsel. Eine Erinnerung an das, wie ich aus der Kindheit herausgewachsen bin und zum jungen Mann wurde.“

Aktuelles Album: My Name Is Bear (Side One Dummy / Cargo)

© 01. November 2017  WESTZEIT ||| Autor: Leonie Wiethaup ||| Photograf: Josue Rivas