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SLIME

“Heute werden wir besser behandelt.”

Zurück, zum Glück. Nach über zwanzig Jahren veröffentlichen Slime mit ´Hier Und Jetzt´ erstmals wieder ein Album mit komplett neuen Songs. Womit viele fast nicht mehr rechneten, tourt die Band seit Jahren schon gemeinsam durch die Hallen der Republik: „Wir wollten die positiven Erfahrungen von der Bühne mit ins Studio nehmen und uns keinen zeitlichen Druck auferlegen“, erklärt Gitarrist und Gründungsmitglied Michael „Elf“ Mayer den etwas verlängerten Anlauf zur nun vorliegenden Comeback-Platte.

Stress ist bekanntlich selten ein guter Ratgeber und so überlegte sich die Hamburger Punk-Institution genau, was nach all der Zeit musikalisch wie auch inhaltlich von ihnen erwartet bzw. kommen soll. Zufrieden mit dem Ergebnis, gibt es anno 2017 trotzdem einige Dinge, über die es sich aufzuregen lohnt.

Einst geächtet, versammeln sich am Interviewtag jede Menge Pressevertreter vor dem Tiki Heart Café im Herzen von Berlin-Kreuzberg. Es soll standesgemäß zur Album-Rückkehr von Slime zugehen und so ist nicht nur die Location bewusst gewählt, auch das erste Kaltgetränk kommt nachmittags auf den Tisch.

„Als wir uns Ende 1994 zum zweiten Mal trennten, hatte ich schon das Gefühl eine Lücke zu hinterlassen“, erinnert sich Sänger Dirk „Dicken“ Jora und betont, dass die Band heute endlich den Respekt bekäme, der früher oftmals fehlte. Nicht nur Medien-seitig, auch in Teilen der Musikszene habe sich das geändert.

Wobei Respekt nie das eigentliche Problem darstellte. Vielmehr war es innerhalb der Band stets eine Herausforderung Songs zu veröffentlichen, mit denen alle Beteiligten zufrieden waren. Wie man liest, mussten sie ebenso lernen kommerzielle Erfolge nicht automatisch als Establishment fehlzuinterpretieren.

Immerhin sprechen wir hier von einer der wichtigsten deutschsprachigen Punkbands des Landes und unzählige Newcomer berufen sich heute noch auf das 1981 veröffentlichte Debüt ´Slime I´ sowie die im Jahresrhythmus nachgelegten ´Yankees raus´ (1982) und ´Alle gegen Alle´ (1983).

Zeitlose Klassiker, weil die verhandelten Themen an Aktualität kaum eingebüßt haben:

„Es ist in der Tat übel, dass sich in vielen Bereichen der Gesellschaft wenig verändert hat und das rassistische Potential weiterhin vorhanden ist. Gerade wenn man die Wahlergebnisse der AfD in den letzten Jahren sieht.“

Obwohl diese Ergebnisse zugleich eine Angriffsfläche bieten, der sich Slime bedienen können, erwidert man und bekommt von Mayers Kollegen an der Gitarre, Christian Mevs ein Schulter-zuckendes Kopfnicken: „Enttäuschend sind solche Dinge trotzdem, auch wenn wir sie für unsere Texte nutzen können.“

Womit die Band sogleich ein Stichwort liefert. Mehrere Magazine behaupteten zuletzt, Slime würden ohne den 1994 abgewanderten Hauptsongschreiber Stephan Mahler keine eigenen Texte auf die Reihe bekommen. Was nicht nur ungerecht den verbliebenen Mitgliedern gegenüber ist, sondern auch falsch, wie Jora betont:

„Dieses Gerücht hält sich hartnäckig und deswegen möchte ich noch einmal erwähnen, dass damals nicht alles von einem allein ausging. Keine Ahnung warum das so oft erwähnt wird, aber unser neues Album wird hoffentlich diese oder ähnliche Diskussionen beenden, wer wann wieviel geschrieben hat.“

´Hier Und Jetzt´ lautet der Titel des neuen, siebenten Release einer Combo, die sich nicht verfrüht zu einer Studiorück-kehr hat überreden lassen, sondern genauso lange abwartete, bis alles zusammenpasste: Musik, Text und die dazugehörige Haltung – miteinander und ineinander verzahnt.

„Wir haben über die Songs viel diskutiert, klar. Als es aber konkret wurde, ging’s ziemlich schnell und innerhalb weniger Wochen war das Ganze im Kasten“, erinnert sich Christian Mevs und freut sich wie der Rest seiner mitgereisten Kollegen über das finale Resultat.

Die Frage sei allerdings gestattet: Wie relevant ist Punk heute generell noch?

Dirk „Dicken“ Jora überlegt kurz ehe er antwortet: „Zu den Anfangszeiten von Slime war ich mir sicher, man könne die Gesellschaft komplett umkrempeln und hatte genaue Ideen wie das zu bewältigen ist. Wobei das mit einer Punk-Szene weniger zu tun hat als es vielmehr aus meiner politischen Überzeugung herauskam.“

„Die eine Punk-Szene gibt es gar nicht“, stellt Mayer klar und weist daraufhin, dass es sicherlich ´sehr engagierte linke Szenen´ gäbe, die gerne Punk hören. Am Beispiel von Die Toten Hosen merke man indes, dass nicht jeder ihrer Fans automatisch politisch-engagiert sei, obwohl die Medien sie oft als Punkurgesteine verhandeln.

Obendrein vielleicht eines der größten linkspolitischen Diskussionsthemen: Die Deutungshoheit darüber, wer was für sich beansprucht und welche Haltung dabei die richtige ist. Was Jora sein Glas abstellen lässt.

„Das kennt man und es ist richtig sich über Standpunkte zu unterhalten. Am Ende gibt es aber immer einen gemeinsamen Nenner auf den sich jeder einigen kann: Rechtem Gedankengut und Rassismus gemeinsam entgegenzutreten.“

Wie sieht das Leben für Slime jedoch abseits des Studios aus, sobald es wieder auf Tour geht – bekanntlich sind ihre Gigs keine beschaulichen Klavierkonzerte und fordern jede Menge Energie, Abend für Abend dem fortschreitenden Alter zum Trotz. Die Befragten lächeln allesamt.

„Heute werden wir besser behandelt. Gaben wir früher ein Konzert, standen Backstage zwei Töpfe voller Nudeln und zwei Flaschen mit Tomaten-Ketchup daneben. Was prinzipiell nicht schlimm ist, nur jeden Abend solches Zeug zu essen macht dir irgendwann keinen Spaß mehr.“

Ein bisschen Establishment ist dann vielleicht doch nicht verkehrt, will man kurzerhand einwerfen. Lässt den Scherz aber beiseite, denn natürlich spielt auf ´Hier Und Jetzt´ keinerlei Fun-Punk eine entscheidende Rolle und wer glaubt, Slime seien Die Ärzte, befindet sich sowieso auf dem Holzweg.

Humor besitzen sie dennoch und antworten ihrem Gegenüber stets mit dem nötigen Respekt. Sogar wenn derjenige nicht ganz das Alter besitzt bei den ersten Alben schon jubelnd an der Bühne gestanden zu haben.

Die Generationen an Bands, die sich durch das Hamburger Fünfergespann beeinflussen ließen, sind schließlich auch innerhalb der Fankurve präsent. Wie Slime lachend betonen, dass ihr Publikum keinesfalls nur aus alten Menschen bestehe, sondern immer wieder junge Leute vor der Bühne selbstredend auch die frühen Sachen mitgrölen.

´Hier Und Jetzt´ liefert neuen Stoff für die anstehenden Termine und dürfte zudem die Erwartungen an einen neuen Longplayer komplett erfüllen: Keine halben Sachen wollten Slime im Studio aufnehmen und genau das ist ihnen mit den Tracks gelungen. 16 nagelneue Protestlieder, die kein Blatt vor den Mund nehmen.

Jora behält mit seiner Aussage also recht: „Wir können mit erhobenem Kopf sagen: das ist ein richtig gutes und frisches Album – und nicht Musik von ein paar alten Säcken, die noch mal auf Tournee gehen wollen.“



Dabei ist es egal, ob inzwischen Hip-Hop den Punk als Jugendkultur überholt hat, finden die Gefragten. So lange beide Genres eine vernünftige Message transportieren, sei es egal von wem sie den Kids nahegebracht wird.

Je nach zählweise feiern Slime demnächst ihr 30stes Gründungsjubiläum und können auf eine beeindruckende Laufbahn zurückblicken.

Die Anfangs eine Platte nach der nächsten hervorbrachte, Trennungen genauso und nun die vollständige Rückkehr als Band mit neuen Songs und anstehender Konzertrundreise.

Der lange Anlauf zurück zum Glück, gelungen wie erwartet.

Aktuelles Album: Hier und Jetzt (People Like You / Sony)

© 03. Oktober 2017  WESTZEIT ||| Autor: Marcus Willfroth ||| Photograf: Viktor Schanz