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KELE OKEREKE

Daddy Uncool

Eine kleine Lebensweisheit zum Aufwärmen: Lass dir mit 15 kein Tattoo stechen, das lautet „Ich werde niemals ein Sänger mit einer Akustikgitarre“! Niemals. Dann würdest du ziemlich albern aussehen, wenn du plötzlich doch ein Akustikalbum veröffentlichst. Kele Okereke, Sänger von Bloc Party und einstiger Held der Indie-Disco, macht Pause vom Dancefloor. Nach zwei Tanzalben bringt er jetzt mit ´Fatherland´ eine soulig muntere Folk-Platte heraus. Eine indirekte Hommage an seine große Stimme mit der wohligen Unaufgeregtheit, als würde man Sonntagmorgen im eigenen Garten sitzen, statt verkatert in der U-Bahn die Station zu verschlafen. Ach so, Kele ist übrigens Vater geworden. Das ändert vieles.

Kele Okereke trägt adidas Turnhosen, eine Art Hawaiihemd und einen sorgfältig arrangierten Rasterzopf. Die Goldkette mit Kreuzanhänger baumelt von seinem Hals, als er versucht, den Wust aus zerknüllten Zetteln auf der Couch neben sich zusammenzukratzen. Die meisten der Blätter sehen schwer mitgenommen aus. Es wird sich herausstellen, dass da schon das nächste Album neben ihm liegt. Kele, der zu diesem Tag bereits seit sieben Stunden über sich und seine neue Soloplatte redet, hält sich ungern im Hier und Jetzt auf.

„In Interviews über mich zu sprechen, hilft mir, das Geleistete zu verarbeiten. So kann ich mich zum nächsten Album weiterbewegen, einen Schlussstrich ziehen. In dem Moment, wo du das Album mit anderen teilst, gehört es dir nicht mehr. Ich denke, ich bin so produktiv, weil ich die Zeit mag, in der das entstehende Album nur meins ist. Dann liebe ich es. Diesen flüchtigen Zustand möchte ich immer schnell wieder herstellen. So bleibe ich kreativ und am Ball.“

Es wirkt fast ein wenig profan, komplett von der nächsten Ideen absorbiert zu sein, wenn man doch gerade sein aktuelles Werk bewirbt.

„In dieser Branche musst du einfach immer vorausdenken. Ich habe dieses Album gemacht, als ich mit Bloc Party zu unserer letzten Platte ´Hymns´ getourt bin. Hätte ich es heute aufgenommen, würde es ganz anders klingen. Es ist ein Zeitdokument.“

Aber wie klingt es denn nun? Wie wurde aus dem Londoner, der sehr viel Lebenszeit in Clubs verbrachte, ein introvertierter Singer/Songwriter – zumindest auf Zeit? „Ich habe so viel als DJ gearbeitet. Mir fehlte die Intimität einer ganz reinen, zerbrechlichen Art des Songschreibens. Mein 15-jähriges Ich hätte niemals ein Typ mit einer Akkustikgitarre werden wollen, der Leuten schöne Lieder vorsingt. Aber ich bin keine 15 mehr. Ich bin 35 und empfinde es als etwas sehr Kraftvolles, in einem Raum voller Leute zu singen, nur du und deine Gitarre.“

Kele wäre jedoch nicht Kele, wenn er tatsächlich nur mit der Gitarre ein paar Lieder runterspielen würde. Gemeinsam mit vielen talentierten Menschen, beispielsweise Sängerin Corinne Bailey Rae, hat er sich sein kleines Soundland geschaffen. Von seiner ursprünglichen Absicht, nur Gitarre und Gesang aufzunehmen, wich er ab. Er konnte sich bei dem Talent, das seine Unterstützer in den Aufnahmeprozess einbrachten, schlichtweg nicht bremsen und dachte: „Wieso nutze ich das nicht aus, um eine größere Bandbreite an Emotionen auszudrücken?!“

Ein für Kele sehr emotionales Thema ist die Vaterschaft. Seit neun Monaten sind er und sein Partner Eltern der kleinen Savannah. Nach anfänglichen Zweifeln, ob sein Lebensstil als Musiker mit all den Touren dieser Aufgabe gerecht werden würde, sagt er heute: „Vater zu sein, ist das Großartigste in meinem Leben. Meine Prioritäten haben sich verschoben. Ich möchte Zeit mit meiner Tochter verbringen und ihr die Werkzeuge mit auf den Weg geben, mit denen sie sich durch das Leben navigieren kann. Ich werde sie nicht vor allen Hässlichkeiten beschützen können, die auch auf dieser Welt existieren. Ich möchte einfach ein guter Vater sein und ihr zeigen, was ich von meinen Eltern gelernt habe.“

Ach, wie wunderbar bodenständig. Hello daddy uncool.

Aktuelles Album: Fatherland (BMG Rights) VÖ: 06.10.

© 01. Oktober 2017  WESTZEIT ||| Autor: Christine Stiller ||| Photograf: Rachael Wright