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CHILDHOOD

Die Kraft der Subtilität

Bei manchen Bands gehen Jahrzehnte ins Land, bis sie sich erfolgreich neu erfinden, manchen gelingt es nie. Die Briten Childhood dagegen stellen sich gleich mit ihrem nun erscheinenden zweiten Album, ´Universal High´, vollkommen neu auf. Vergessen sind die psychedelisch umspülten Indierock-Nummern ihres Erstlings ´Lacuna´, jetzt regiert schnittig groovender Soul ohne Retro-Muff. Vor dem Auftritt seiner Band beim spanischen Benicassim-Festival erklärte uns Mastermind Ben Romans-Hopcraft, wie es dazu kam.

Für den Frontmann von Childhood ist das neue Album seiner Band ein großer Schritt in die richtige Richtung, den er auf der Bühne in großer Besetzung mit Bläsern und Backing sängerinnen und einem ausgeprägten Party-Vibe zelebriert. Doch auch wenn viele Elemente des Childhood-Debütalbums inzwischen über Bord gegangen sind, bedeutet das nicht, dass der 27-Jährige ´Lacuna´ heute verleugnet.

„Die Platte klingt nach einer Band, die sich gerade entwickelt, fast schon wie ein Mixtape“, glaubt er. „Ich denke, die Emotionen und die Geisteshaltung stimmen, genauso wie der Wille, etwas Interessantes zu erschaffen, aber nichts davon war damals bereits voll ausgeprägt.“

Nun machen Childhood mit ´Universal High´ einen gehörigen Satz nach vorn, doch erst einmal war für Romans-Hopcraft ein Schritt zurück notwendig, um neue Inspiration zu finden.

„Die Tatsache, dass ich nach dem letzten Album wieder im Haus meiner Mutter eingezogen bin, hat eine Menge verändert“, erklärt er. „Plötzlich hörte ich wieder Platten aus meiner Jugend, die ich eigentlich längst hinter mir gelassen hatte, Platten mit Groove und Emotionen ähnlich denen, die ich sonst mochte, aber mit einer anderen Art der Präsentation. Mir wurde bewusst, dass sie Art von Ehrlichkeit reflektierten, die ich nicht ignorieren konnte. Besonders durch ´Quiet Storm´ von Smokey Robinson und ´Inspiration Information´ von Shuggie Otis hat sich eine Menge für mich verändert.“

Hatte die Band – und als solche sieht Romans-Hopcraft Childhood, auch wenn er ohne Frage der kreative und visuelle Mittelpunkt ist – ihre erste LP noch daheim in England aufgenommen, fanden die Aufnahmen für das neue Werk gemeinsam mit Produzent Ben H. Allen (Gnarls Bark ley, Animal Collective, Deerhunter) in Atlanta, Georgia, statt. Eine Tatsache, die laut Romans-Hopcraft auch auf den Sound abgefärbt hat.

„Gleich im ersten Song geht es darum, wie ähnlich sich die benachteiligten Stadtviertel weltweit sind“, erklärt er. „Die Menschen dort sprechen in ihrem Kampf alle die gleiche Sprache. Ich fühlte diese große Synergie zwischen dem, woher ich komme, und dem, was ich in Atlanta sah. Das gab mir das Selbstvertrauen, eine Synthese zu schaffen aus amerikanischem Soul und meiner britischen Sichtweise.“

Nicht zuletzt aus Budgetgründen wurde das Album schnell eingespielt, und die Aufgabe von Produzent Allen war es nicht zuletzt, dafür zu sorgen, dass die Musiker fokussiert blieben.

„Das Wichtigste war jedoch, dass wir auf keinen Fall eine Platte machen wollten, die wie eine Persiflage klingt“, unterstreicht Romans-Hopcraft. „Uns schwebte etwas vor, das Referenzen hat, aber in seiner Präsentation trotzdem gegenwärtig sein sollte.“

Mit dem Sound haben sich auch Romans-Hopcrafts Ziele beim Songwriting etwas verschoben.

„Zuvor habe ich nach großen Soundscapes gesucht, nach großen Refrains und nach hochfliegenden Klängen“, erinnert er sich. „Jetzt ist alles viel weiter entwickelt. Es geht mir jetzt mehr um den Groove, die Aussage der Texte und gesangliche Nuancen. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich mag die großen Refrains immer noch, aber inzwischen bin ich mir der Kraft der Subtilität in der Musik viel bewusster.“

Aktuelles Album: Universal High (Marathon / Kobalt / Rough Trade)

© 01. August 2017  WESTZEIT ||| Autor: Carsten Wohlfeld