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BROKEN SOCIAL SCENE

Tage des Donners

Freiräume waren ihnen immer wichtig. Broken Social Scene haben nie einen Hehl daraus gemacht und veröffentlichen nach sieben Jahre Albumpause ´Hug Of Thunder´ – ein gefühltes Comeback und doch passt eine solche Zuschreibung nur bedingt, denn Kontinuität spielte im Release-Zyklus der Band nie eine Rolle. Verglichen mit dem unbedingten Willen, Kreativität und Persönlichkeit durch das gemeinsame Projekt zum Ausdruck zu bringen.

„Alles klingt wie immer, wir sind bloß älter geworden“, erklärt Frontmann Kevin Drew überraschend einsilbig und stellt klar, dass damit nicht die neuen Songs gemeint wären. Eher eine Hoffnung auf Routine – inmitten einer Welt, die immer rasanter, undurchsichtiger und komplizierter wird. Selbst im Privaten fühle sich der sonst Freiheitsliebende Bandchef momentan „ziemlich oft überfordert“.

Wie programmiert man den Fernseher zum Aufzeichnen noch mal: rote Taste und Play-Button gemeinsam oder nacheinander drücken? Kevin Drew gehört mit 40 Lebensjahren längst nicht zum ‚alten Eisen’ und will keinesfalls wie ein verklärter Nostalgiker rüberkommen.

Viel wichtiger sei ihm eine Balance zwischen Gegenwart und Zukunft: „Es passiert gerade so viel, dass unsere Gehirne all die Informationen nicht mehr verarbeiten können“, stellt Drew fest und blickt zugleich voraus, „letztendlich müssen wir diesem Informationsüberfluss entgegentreten und sich jeder mit dem Konsum auseinandersetzen.“

Das neue Studiowerk ´Hug Of Thunder´ unternimmt diesen Versuch: Sich herauszuziehen und trotzdem keinem Eskapismus anheimzufallen.

„Jeder Mensch sollte das für sich entscheiden und überlegen, ob sein Smartphone nicht wenigstens einmal am Tag ausgeschaltet bleiben kann.“

Womit Kevin Drew auch Selbstkritik übt: „Ich bin mittlerweile abhängig. Von meinem Mobiltelefon und dadurch dem Prozess der permanenten Vernetzung längst auf den Leim gegangen. Aus Angst etwas verpassen zu können, das meine Zukunft beeinflusst – ohne zu merken, wie solche Verhaltensweisen isolieren können.“

Immerhin gibt es nach sieben Jahren Veröffentlichungspause mehr als nur einen Grund sich anderen Dingen zu widmen. Schon vor den gemeinsamen Sessions zog es Broken Social Scene im Sommer 2015 zurück auf die Bühne und genau dort, bei einem Festival in der Nähe Torontos, nahm die Rückkehr ins Studio ihren Anfang.

Gitarrist Brendan Canning machte plötzlich Druck, wollte ins Studio und proben: „Ganz ehrlich: Ich hatte anfangs Bedenken“, erinnert sich Drew, „Brendans Hartnäckigkeit und sein Talent, Dinge zu organisieren, führten allerdings dazu, dass wir wieder zusammenfanden.“

Mit sprichwörtlich Pauken und Trompeten: ´Hug Of Thunder´ ist ein anderes Album als der Vorgänger ´Forgiveness Rock Record´ und sucht mit jedem Track das Experiment zwischen Indie-Sounds, Post-Rock Momenten und eklektischen Pop-Gitarren. Broken Social Scene verstecken sich keine Sekunde und bitten zum großen Bahnhof.

Als habe es die Pause nie gegeben, zeigen die Kanadier eine Spielfreude, die Drew sofort in Euphorie versetzt: „Wir hatten so viel Spaß! Nach all diesen Jahren können wir uns absolut aufeinander verlassen und harmonieren melodisch wirklich unglaublich gut. Es ist super leicht miteinander Musik zu machen.“

Aber was genau hat es mit der ´Umarmung des Donners´ auf sich, den Albumtitel einfach mal frei übersetzt? „Wir haben versucht die Gefühle der Angst für die Menschen da draußen in wunderschöne Komposition zu überführen.“

Erklärt ein Kevin Drew, der in Musik längst die schönste Kunstform überhaupt sieht und dankbar ist, seit knapp 20 Jahren ein Publikum zu haben, das genau diesen Ansatz versteht, teilt und Broken Social Scene nie aus den Augen verloren hat.

´Hug Of Thunder´ kann dabei als wertkonservativ gedeutet werden – weil es sich seiner Zeit entziehen will. Doch ebenso als Ausdruck eines Kollektivs, das sich die Freiheit nimmt, auf Release-Zyklen und Zwänge nonchalant zu pfeifen.

Mit 40 zurück in die Zukunft, Kevin Drew wagt den Switch-off.

Aktuelles Album: Hug Of Thunder (City Slang/Universal)

© 01. Juli 2017  WESTZEIT ||| Autor: Marcus Willfroth ||| Photograf: Norman Wong