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DIE REGIERUNG

Wieder da draußen

"Diese Regierung ist 'ne Diktatur", sang die Regierung auf ihrem Debüt ´Supermüll´ vor mehr als 30 Jahren – und ein bisschen war da durchaus etwas dran. Denn auch wenn die Essener Band, die mit für die Initialzündung des deutschen Indierock verantwortlich zeichnete, nie explizit politisch war – das Mandat des Volkes fehlte Tilman Rossmy und den Seinen lange Zeit. Jetzt, mehr als 20 Jahre später, beim Comeback mit der allenthalben in den höchsten Tönen gelobten LP ´Raus´, ist das anders.

Dabei hatte es lange so ausgesehen, als spielte die Musik nur noch eine kleine Nebenrolle im Leben von Tilman Rossmy. Seine junge Familie, die Arbeit, das waren seine Prioritäten. Als Frontmann der Regierung hatte er 1994 mit ´Unten´ ein bis heute unerreichtes Meisterwerk des deutschen Indiepop abgeliefert, doch die Band war kurz darauf Geschichte, und selbst die Platten und Konzerte des Tilman Rossmy Quartetts, mit dem er seine zuletzt immer spiritueller werdenden Songs in Americana-Seligkeit getaucht hatte, wurden immer seltener. Als vor zwei Jahren ein angedachter Auftritt des Quartetts in Essen platzte, stand Rossmy plötzlich mit seinen alten Mitstreitern Robert Lipinski und Thomas Geier auf der Bühne – und Die Regierung feierte ein umjubeltes Comeback. Die Idee für ein neues Album reifte dann auf der kleinen Tournee, die sechs Monate später folgte. Unterwegs spielte Rossmy seinen alten, neuen Mitstreitern eine Handvoll Songs vor, die er eigentlich gar nicht unbedingt mit der Regierung im Hinterkopf geschrieben hatte. Das positive Feedback der anderen zwei zerstreute allerdings schnell seine Zweifel über die Regierungstauglichkeit der Stücke.

Darüber, wie die Lieder auf Platte klingen sollten, herrschte aber zunächst noch keine Einigkeit, denn Geier schwebte eine möglichst reduzierte Platte im Geiste des verlorenen Lo-fi-Klassikers ´So allein´ von 1990 vor. „Ich hatte allerdings kein großes Interesse daran, dass meine Gitarre die Platte prägt“, erinnert sich Rossmy. „Mir schwebte eher vor, statt einer Leadgitarre Geräusche zu haben. Also haben wir uns darauf geeinigt, dass wir etwas machen wollen wie früher Neu! oder Michael Rother, aber eben mit Songs.“

Deshalb sorgen nun spacige Key- board-Sounds auf ´Raus´ für frischen Wind im minimalistisch-eindringlichen Post-Punk-Rumpelsound, während Rossmy auch nach all den Jahren wie kein Zweiter Persönliches in Allgemeingültiges verwandelt, wenngleich die ultramegazugeknallte Hoffnungslosigkeit der frühen Tage inzwischen einer stärker beobachtenden Scharfsinnigkeit gewichen ist.

Doch der Vibe der frühen Jahre ist immer noch spürbar.

„Du kannst den Jungen aus Essen rausholen, aber nicht Essen aus dem Jungen“, lacht Rossmy. „Ich bin mit 32 aus Essen weg, die ganzen intensiven Jahre habe ich also dort verbracht, außer dem einen Jahr in den USA mit 16,17, das war natürlich auch sehr prägend. In Essen aufgewachsen zu sein, ist immer in mir drin – und nicht nur immer positiv.“

Deshalb suchte er sich Anfang der 90er im Umfeld der Hamburger Schule eine neue Bleibe:

„Es war notwendig für mich, aus Essen wegzugehen, und Hamburg war schon eine ganz andere Stadt. Da kommst du an und alle freuen sich, dass du da bist.“

Im Ruhrgebiet hatte sich Rossmy in den 80ern immer ein bisschen isoliert gefühlt, doch auch in Hamburg passte er nicht hundertprozentig rein.

„Die Sache mit der Hamburger Schule, das war schon ein kleines Missverständnis“, erklärt er. „Da kam der ganze Respekt her, aber es war auch klar, dass ich da nicht wirklich dazugehörte.“

Statt in den intellektuellen Zirkeln um Tobias Levin, Jochen Distelmeyer oder Carsten Hellberg war Rossmy eher in einer Szene unterwegs, die er als hedonistisch beschreibt:

„Wir sind jeden Tag bis 5.00 Uhr morgens ausgegangen, um 6.00 Uhr ins Bett gestolpert, haben bis nachmittags geschlafen und dann das alles noch mal gemacht. Das war nicht besonders intellektuell, das muss ich echt sagen!“

Aktuelles Album: Raus (Staatsakt / Caroline International)

© 01. Mai 2017  WESTZEIT ||| Autor: Carsten Wohlfeld ||| Photograf: Christoph Voy