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EMMA RUTH RUNDLE

Ganz tief unten

Auch wenn viele den Namen Emma Ruth Rundle nun zum ersten Mal hören, eine Newcomerin ist die 33-jährige Kalifornierin nicht. Sie spielte bei den Post-Rock-Experimentalisten Red Sparowes, war Frontfrau bei deren Ableger Marriages, ließ vor drei Jahren mit ihrem Solodebüt ´Some Heavy Oceans´ aufhorchen und schaffte sich als bildende Künstlerin ein zweites Standbein. Der Quantensprung, den sie nun mit ´Marked For Death´ gemacht hat, kam dennoch überraschend – nicht zuletzt für sie selbst.

„Ich bin total überrascht von den positiven Reaktionen“, gesteht sie im Westzeit-Interview. „Ich hatte keine Ahnung, wie die Platte ankommen würde, keinen Schimmer, ob irgendjemand davon Notiz nehmen würde.“

Schonungslos offen und ohne Selbstzweifel legte sie all ihren Schmerz, ihre Trauer und ihren Zorn in die ungeheuer intensiven Songs, um so die Düsterkeit in ihrem Leben zu begraben.

„Ich wollte ein Album machen, das so ehrlich, rein und wirkungsvoll wie möglich sein würde, und habe dafür alles getan, was nötig war. Ich saß vollkommen allein in der Wüste, hab total viel gesoffen und Gitarre gespielt“, erinnert sie sich. Dass sie die dabei entstandenen Runterbringer-Songs nun monatelang allabendlich auf der Bühne spielen muss, war für sie kein Hinderungsgrund.

„Mir kam durchaus zwischendurch mal der Gedanke, dass ich mir mit dieser Marschrichtung irgendwann in der Zukunft mal selbst Steine in den Weg legen könnte, aber um die Platte fertig zu kriegen, musste ich mich ganz auf die Songs konzentrieren, die sich für mich zu dem Zeitpunkt ehrlich anfühlten“, verrät sie.

Doch das ist nicht das Einzige, das ´Marked For Death´ aus der Masse der vielen guten Singer/Songwriter-Veröffentlichungen herausstechen lässt. Statt auf karge Akustiknummern wie ´Real Big Sky´ auf dem Album oder ´Hand Of God´ auf der neuen Split-EP mit ihrem Tourkumpel Jaye Jayle setzte sie bei den Sessions in erster Linie auf einen tonnenschweren Bandsound mit Gothic-Blues-Anstrich in bester PJ-Harvey-Manier, der gewissermaßen erst da anfängt, wo der Indie-Folk-Horizont für die meisten ähnlich veranlagten Künstlerinnen bereits endet. Doch so wohlüberlegt Rundle auch an ihre Songs herangeht – zu ihren ungemein persönlich gefärbten Texten möchte sie sich lieber nicht konkret äußern. Zu oft war sie ist sie selbst enttäuscht, wenn andere Musiker ihre Inspirationen verrieten. „Wenn ich ein Stück für das tollste Liebeslied aller Zeiten hielt und dann hörte, dass es von vom Lieblingssandwich des Künstlers oder seiner Katze handelt, dann hat mir das natürlich das Herz gebrochen!“, sagt sie lachend.

Überhaupt wirkt Rundle im persönlichen Gespräch viel fröhlicher als auf ihren jüngsten Veröffentlichungen. Selbst der unheilvollen politischen Lage in den USA kann sie noch etwas Positives abgewinnen.

„Ich denke, dass vielleicht alles einfach richtig schlimm werden muss, damit die Leute echte, bedeutungsvolle Aktionen starten und die Dinge besser laufen“, sinniert sie. Als Flucht vor der Situation daheim möchte sie ihre sechswöchige Europatour deshalb explizit nicht verstanden wissen.

„Ich würde eher sagen, ich arbeite trotz allem unbeirrt weiter!“, stellt sie lachend klar.

„Zu flüchten ist verführerisch, aber hier in den Staaten nicht gerne gesehen. Viele sind der Meinung, dass man bleiben und die Probleme angehen sollte.“

Wie man ausweglose Situationen in etwas Erhebendes verwandelt, darin hat Emma Ruth Rundle inzwischen ja Erfahrung!

Aktuelles Album: The Time Between Us - Split EP (Cargo)

© 01. Mai 2017  WESTZEIT ||| Autor: Carsten Wohlfeld ||| Photograf: Cargo