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TRAUMZEIT FESTIVAL 2017

Mehr Ruhrgebiet und Musik geht nicht

Die Zeiten, in denen tief im Westen die Sonne verstaubt, sind lange vorbei. Seit dem Rückzug der Montanindustrie aus dem Ruhrgebiet sind viele der einst riesigen Produktionsstätten aus dem Stadtbild verschwunden. Die wenigen noch erhaltenen sind heute einzigartige Orte, an denen Industriekultur und Natur sich ganz nahe sind. Einer davon ist das ehemalige Hüttenwerk in Duisburg-Meiderich, das seit inzwischen zwei Jahrzehnten dem Traumzeit Festival als imposante Kulisse für eine Wochenendsause dient, die ein betont breites Spektrum zeitgenössischer Musik abbildet. Dieses Jahr steigt es zwischen dem 16. und 18. Juni.

Heute heißt das rund 20 Hektar große Areal Landschaftspark Nord, und der Name unterstreicht bereits, dass hier die Industriekultur nicht allein wirkt. Inzwischen hat dieser Koloss aus Stahlkonstruktionen, Kesseln, Rohrleitungen und Schornsteinen auch etwas betont Urwüchsiges, denn die Natur hat hier längst begonnen, sich ihren alten Lebensraum zurückzuerobern. Wenn beim Traumzeit in den Abendstunden beeindruckende Lichtinszenierungen die alten Anlagen rund um die Hochöfen in eine geradezu futuristische Atmosphäre tauchen, dann ist klar: Hier ist auch der Ort ein Star. „Die umwerfende Kulisse macht natürlich einen erheblichen Teil der Veranstaltung aus“, ist auch Marcus Kalbitzer überzeugt, der seit 2009 für das Festival-Programm verantwortlich ist. „Mehr imposante Ruhrgebiets-Kulisse geht ja nicht!“

Die meisten Musiker kommen aus dem ehrfürchtigen Staunen gar nicht mehr heraus, wenn sie das alte Industriegelände zum ersten Mal in Augenschein nehmen.

„Ich mache dann gerne eine kleine Runde mit den Künstlern und erkläre ihnen, dass hier früher Roheisen erzeugt wurde“, verrät Kalbitzer. „In der Gießhalle, wo die Musiker mit dem Hochofen im Hintergrund spielen, sind die sogenannten Abstiche gemacht worden. Die Bands stehen dort an einer Stelle, an der früher ungefähr 1500 Grad heißes, flüssiges Roheisen entnommen wurde.“

Bei so mancher Band aus dem Norden Englands kommen da gleich Heimatgefühle auf, aber selbst sie kennen die Szenerie zumeist nur aus Erzählungen oder aus dem Fernsehen. Auch im Ruhrgebiet waren die Werksgelände früher, außer für die Arbeiter, verbotene Zonen. Erst die Stilllegung machte sie für die Öffentlichkeit zugänglich und viele Jahre später auch für Kunst und Kultur nutzbar. Beim Traumzeit Festival waren es anfangs vor allem die Kraftzentrale sowie die Gieß- und die Gebläsehalle, in der die Musik spielte. Inzwischen sind auch Bühnen am Gasometer und zwischen den Cowpertürmen hinzugekommen.

„Im letzten Jahr haben wir mit der großen Bühne am Cowperplatz das gesamte Festivalgelände neu definiert“, erklärt Kalbitzer. Ein Konzept, das voll aufgegangen ist, denn zwischen den riesigen Türmen mit ihren runden Köpfen, in denen einst der Heißwind für die Verarbeitung von Roheisen erzeugt wurde, ist das Industriekultur-Feeling für Publikum und Künstler gleichermaßen sichtbar.

„Die Cowper-Architektur wird dort gespiegelt, das heißt, sie ist sowohl beim Blick auf als auch von der Bühne sichtbar“, freut sich Kalbitzer über das einmalige Zusammenspiel von Kulisse und Musik.

Durch eine neue Wegführung zwischen Gießhalle und Cowper-Bühne konnte auch die Gastromeile mit handgemachtem, ausgesuchtem, persönlichem Catering durch einen neuen Standort aufgewertet werden.

„Im vergangenen Jahr konnten wir das Gelände so noch einmal besser bespielen“, erklärt Kalbitzer. „Das ist uns auch deshalb wichtig, weil das Gelände und die Gastronomie nach wie vor frei zugänglich sind. Tickets werden erst an den Spielorten selbst kontrolliert.“

Zudem gibt es in Zusammenarbeit mit dem Kulturbüro der Stadt Duisburg auf dem Platz vor dem Gasometer auch dieses Mal wieder eine frei zugängliche Bühne, auf der sich die lokale und regionale Musikszene präsentieren kann. Auch hier gibt es also genau die Art von Symbiose, die für das Traumzeit Festival so charakteristisch ist.

Doch auch sonst hebt sich die Location von vielen anderen Sommer-Festivals ab. So sind die meisten Spielorte wetterfest. Die unausweichlichen Matschbäder der einschlägigen Open Airs auf der grünen Wiese sind beim Traumzeit undenkbar. Auch die berüchtigten Dixi-Toiletten sucht man hier vergeblich. Stattdessen herrscht im Landschaftspark familienfreundliches, urbanes Feeling mit befestigten Wegen und vernünftigen sanitären Einrichtungen. An anderer Stelle war deshalb bereits von einem Festival für Festivalhasser die Rede. Vor allem aber steht beim Traumzeit die Musik im Vordergrund, nicht der Kirmescharakter.

„Hier geht es um Nähe, Persönlichkeit, Übersichtlichkeit, Barrierefreiheit, Rückzugsmöglichkeiten und darum, entspannte Tage auf einem sehr speziellen Festivalgelände zu verleben“, kennt Kalbitzer die Bedürfnisse des Publikums.

Zur relaxten Atmosphäre trägt auch das direkt hinter den Hochöfen gelegene Campinggelände bei, das sich inzwischen zu einem echten Geheimtipp gemausert hat.

„Dort gibt es Platz ohne Ende, zum Beispiel auch, um mit dem Wohnmobil zu campen. Wenn die Leute dort ihre Grills aufstellen, ist das eine Industrie-Idylle“, weiß Kalbitzer. Deshalb ist die Zahl derer, die über Nacht bleiben, in den vergangenen Jahren stetig gestiegen. So mancher Festivalbesucher der Vorjahre hofft sogar, dass sich das einmalige Übernachtungsangebot auf dem Steinhallenplatz nicht so rasch herumspricht, um die Ruhe genießen zu können.

Definitiv herumgesprochen hat sich allerdings, dass beim Traumzeit durch Mut zum Experiment Pop mit Köpfchen, klassischer Indierock, Singer/ Songwriter-Acts, Hip-Hop, Elektronik und improvisierte Klänge des Hier und Jetzt zusammenkommen. So begeistert das in den letzten Jahren behutsam verjüngte Traumzeit Festival auch 2017 mit bekannten Künstlern und aufregenden Shootingstars. Mit Headlinern wie dem britischen Pianisten Tom Odell, der gerne mit Jeff Buckley oder Chris Martin verglichen und als Elton John der Neuzeit verehrt wird, und dem Folktronica-Duo Milky Chance, das seit seinem Überhit ´Stolen Dance´ in aller Munde ist, kommen in diesem Jahr auch echte Chartstürmer nach Duisburg. Es sind allerdings solche, die durchaus ambitioniert zum Erfolg gekommen sind. Mit Amanda Palmer, die im Duo mit Edward Ka-Spel von den Legendary Pink Dots auftritt, bietet das Traumzeit zudem zwei Künstler mit über jeden Zweifel erhabenen musikalischen Qualitäten auf, die trotz eines geradezu avantgardistischen Ansatzes das Tor zum Mainstream aufstoßen.

„Natürlich wollen wir ein Programm bieten, das langjährige Traumzeit-Fans anspricht, gleichzeitig wollen wir aber auch ein Entdeckerfestival sein“, erläutert Kalbitzer. „Wir wollen Bands mit einer gewissen musikalischen Wertigkeit präsentieren und damit echte Musikliebhaber begeistern, die sich auch mal überraschen lassen möchten.“

Dazu bieten Künstler wie Flügel-Wizard Lubomyr Melnyk genauso Gelegenheit wie die Berliner Mädelsband Gurr mit ihrem mitreißenden First Wave Gurrlcore oder die aus dem Umfeld von GoGo Penguin stammenden Briten Mammal Hands, die zeigen, wie modern Jazz heute klingen kann. Und wer den herrlich apokalyptischen Indierock der englischen Slow Show noch nicht kennt, den abenteuerlichen Weltmusik-Mix der ehemaligen Kölner Straßenmusiker Bukahara oder den Gänsehaut-Electro-Folk des Australiers Ry X – das Traumzeit Festival schafft Abhilfe!

Dabei hatten die Macher des Festivals in den vergangenen Jahren immer ein gutes Näschen für kommende Stars. AnnenMayKantereit, Wanda oder Bilderbuch traten alle schon vor ihrem großen Durchbruch im Schatten des Hochofens auf. Auch dieses Mal stehen einige Künstler auf dem Programm, die kurz davor sind, ganz groß rauszukommen. Giant Rooks aus Hamm etwa, die den britischen Art-Pop brillant für hiesige Gefilde adaptiert haben und nun schon vor der Veröffentlichung ihrer ersten LP große Clubs füllen, oder der Italiener Fil Bo Riva, der mit seiner dynamischen Melange aus Folk, Soul und Zeitgeist-Pop gerade auf dem Sprung ist.

Sie alle werden dafür sorgen, dass das Traumzeit Festival auch 2017 wieder ein Pflichttermin für all diejenigen ist, denen statt Massenbeschallung die Liebe zum Detail wichtig ist. Denn auch wenn Booker Kalbitzer heimlich davon träumt, irgendwann einmal Kraftwerk vor der Duisburger Hochofenkulisse präsentieren zu können – wer braucht schon alte Helden, wenn man stattdessen neue Lieblingsbands finden kann? Das Traumzeit Festival ist dafür auch in diesem Jahr wieder genau der richtige Ort.

Traumzeit – Festival am Hochofen
16.-18.06.2017
Landschaftspark Duisburg-Nord
Emscherstraße 71, 47137 Duisburg
Weitere Infos unter:
www.traumzeit-festival.de
www.facebook.com/traumzeitfestival

© 03. Mai 2017  WESTZEIT ||| Autor: Carsten Wohlfeld