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FAYZEN

Biographie mit viel Elb-Harmonie

Künstler veröffentlichen oft nach der Karriere eine Biographie. Fayzen beschreitet einen anderen Weg. Seine Geschichte ist (in) seine(r) Musik. Stück für Stück erzählen seine Töne sein Leben! Farsad Zoroofchi, aka Fayzen, hat einen starken Hamburger Akzent. Er ist in der Hansestadt geboren, aufgewachsen. Besonders, wenn man ihn von seiner „Mudder“ sprechen hört, kann man kaum glauben, dass er iranische Wurzeln hat – und deshalb z.B. nicht immer in die USA einreisen darf.

Die aktuellen Einreisebestimmungen von Donald Trump kennt er jedoch nicht. Er bestimmt sein Leben selbst. Es ist in Hamburg zuhause, in einem alten Haus in der Nähe eines großen Tierparks. Es gehört seiner Freundin Lina, einer Tierschützerin, die es von ihrer Großmutter geerbt hat. Dieses Haus ist wie das Happy End in Fayzens neuem, zweitem Album ´Gerne Allein´. Direkt vor dem Outro erklingt dort der Track ´Lina´.

Fayzen: „Lina mag das Stück. Es ist auch über ihr Hexenhaus. Wenn sie nach Hause kommt, ist es still. Der Stress von draußen, der ganze Krieg kann hier nicht hinein. Es ist ein sehr altes Häuschen, hier hat ihre Oma früher gelebt, zeitweilig auch Linas Eltern mit ihr. Das Haus ist noch eingerichtet wie früher, es ist krumm, schräg, es hat Risse...“

Familie ist wichtig. Auch für seinen Vater hat Fayzen einen Song komponiert.

„Über das Lied haben wir nie gesprochen, wir sind uns nie auf Augenhöhe begegnet. Er plaudert selten aus dem Nähkästchen. Das Lied habe ich geschrieben, als ich ihn das erste Mal hab´ heulen sehen. Er hat geweint, als sein Papa gestorben ist. Auf einmal waren wir beide Menschen auf Augenhöhe, nicht Vater und Sohn.“

Die musikalischen Wurzeln von Fayzen liegen im HipHop, obwohl ihm mittlerweile Reinhard Mey, Gisbert zu Knyphausen oder Wir sind Helden mehr bedeuten. „Deren Lieder haben mich total inspiriert. Ich habe daraus mein Ding gemacht. Ich komme zwar aus dem Hiphop, hatte in der Schule eine Freestyle-Crew. Wir haben im Kinderzimmer am Plattenspieler improvisiert. Doch irgendwann habe ich einen Multiinstrumentalisten kennen gelernt, der flashige Instrumentale gebaut hat. Den Ami-Rap mit Goldkettchen fanden wir nicht real, nicht echt. Den HipHop-Gedanken habe ich eh nie verstanden, deshalb aufgegeben. Weil ich bemerkt habe, dass jeder nur an seinen eigenen Arsch denkt. Es hat sich herauskristallisiert, das es zu 80% um Angeberei, Style, Cool sein geht. Es gibt Ausnahmen, doch keiner glaubt wirklich an die Community.“

Hamburgs HipHop-Helden, die Beginner, haben auf ihrem aktuellen Album einen Song namens ´Meine Posse´. „Posse“ bedeutet nichts anderes als Clique, ist im HipHop eine Bezeichnung für Zusammenschlüsse oder Freundeskreise.

„Das Wort haben wir früher nicht benutzt. Ich kannte es aber bereits, bevor der Beginner-Song herauskam. Es gab eine Freestyle-Clique in Hamburg-Schnelsen. In der 10/11 Schulklasse, bis zum Abi, war das total unser Ding. Wir sind herumgelatscht, haben gesprüht und herum philosophiert. Wir haben viel Conscious-Rap mit Aussage gehört.“

Doch das Leben geht weiter.

„Mein erstes Album `Meer´ drehte sich 2013 um Joya. Sie war die Frau, die ich als Heilige angesehen habe. `Gerne Allein´ beginnt dort, wo Joya abgehauen ist. Das Album ist eine Reise, beginnend, als meine kleine Welt zusammen brach. Alles ist chronologisch aufgebaut. Nach dem Intro (in dem sich Joya verabschiedet, ihm aber die Katze da lässt) startet das Album mit ´Mond verlassen´, einem Song, der davon handelt, dass ich den Glauben an die Liebe verloren hatte. Joya wohnte an der U-Bahn-Haltestelle ´Baumwall´ (Titel von Song 4; heute Haltestelle der Elbphilharmonie).“

Auf ´Gerne Allein´ geht es um das Wiederfinden der Liebe, trotz der Ungerechtigkeit der Welt und persönlichen Ereignissen wie Abtreibung.

„Ich spreche selten darüber. Seit ich 18 bin, mache ich nur persönliche, autobiographische Musik. Allerdings habe ich für Privates eine Grenze.“

Auch wenn Musik grenzenlos schön ist, muss Abgrenzung manchmal sein. Ausnahmen bestätigen die Regel: Kennen Joya und Lina sich?

„Nein, sie sind einander nie begegnet. Ich habe vor vier Jahren begonnen, dieses Album zu schreiben. Nun bin ich mit Lina zwei Jahre zusammen. Es ist schön, wenn eine Platte mit einem Happy End aufhört.“

Aktuelles Album: Gerne Allein (Universal) VÖ: 12.05.

© 01. Mai 2017  WESTZEIT ||| Autor: Ralf G. Poppe ||| Photograf: Caren Detje