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SLEAFORD MODS

Working Class Hero

Mit Anlauf zum Erfolg. Gleich mehrere Alben mussten Sleaford Mods veröffentlichen, ehe sie außerhalb der britischen Heimat Publikum wie Kritiker erreichen konnten. Für das Duo kein Problem, denn besser spät als nie lautet ihre Devise: „Den Bekanntheitsgrad langsam aufzubauen hat sehr viele Vorteile - du wirst nicht überrumpelt und bekommst die Chance, deinen Sound ohne irgendwelchen Druck weiterzuentwickeln“, erklärt Sänger Jason Williamson und betont trotzdem, wie schön es wäre, bekäme das neue, neunte Studiowerk ´English Tapas´ dieselbe Aufmerksamkeit, die den Vorgängern entgegengebracht wurde. Was klappen könnte, aus einem ziemlich guten Grund.

Mit Mitte 40 steht bei den wenigsten Musikern beinharter Rock 'n' Roll auf der Tagesordnung. Immer öfter meldet sich der Rücken zu Wort, werden die Beine müde und die Nächte meist zum Schlafen genutzt. Klischees, über die Sleaford Mods Frontmann Jason Williamson nur schmunzeln kann:

„Auf Tour zu gehen ist natürlich kaum mit einem klassischen Job zu vergleichen - du musst mit Schlafentzug und einem gewissen Stress-Level zurechtkommen. Nach jedem Gig allerdings direkt ins Bett will man trotzdem nicht, so macht das keinen Spaß. Ab und an darf ein toller Abend auch gefeiert werden, nur nicht jedes Mal.“

Weiß ein Musiker zu berichten, der das Business längst verstanden hat und nicht wie manch Kollege Professionalität gegen puren Hedonismus tauscht. Schließlich fülle sich der Kühlschrank nicht von allein und die Miete bekäme niemand geschenkt - einer Berufung nachzugehen bedeute halt auch den damit verbundenen Beruf ernst zu nehmen.

Wobei die Karriere von Sleaford Mods beschwerlich begann. Die ersten fünf, sechs Alben konnten zwar in England für Furore sorgen - hierzulande startete das Zweiergespann erst vor einigen Jahren richtig durch. Was sich als Glücksfall erwies, da ein Publikum erreicht wurde, dass sich mehr als sonst üblich mit einer Band auseinandersetzt.

„Immer wieder kommen Leute nach Konzerten auf mich zu und meinen, unsere Songs seien der Inbegriff des englischen Mittelstands - mit all den Problemen und Wünschen zugleich. Ob das stimmt kann ich nicht beurteilen, das Kompliment kommt aber bei uns an. Egal wie abstrakt es wirken mag.“

In Schubladen lässt sich das neue Slea ford Mods Album ´English Tapas´ jedoch nur schwer stecken. Der wohlbekannte Post-Punk wird wie auf den Vorgänger erstaunlich minimal ausgesteuert, die Rap-Elemente sitzen erneut maßgeschneidert und wenn den beiden eines 2017 definitiv gelungen ist, dann noch mehr Perfektion ins Songwriting zu packen.

Ein Schulterzucken kommt als Reaktion darauf, denn sowohl Williamson als auch sein Kollege Andrew Fearn halten den Ball gerne flach - sollen die Kritiker Lob verteilen, sich selber klopft im Hause Sleaford Mods niemand auf die Schulter.

Besser mit beiden Beinen auf dem Boden der Tatsachen bleiben und Erfolge leise genießen: „Du kannst sowieso nicht beeinflussen ob die nächste Platte so gut wie die letzte ankommt. Sich dann hinzustellen und zu behaupten, man sei besser als der Rest, verschafft dir vielleicht Schlagzeilen, erhöht aber auch das Anspruchsdenken der Leute immens.“

So rau und ruppig Sleaford Mods in ihren Songs wirken, so freundlich geben sie sich im persönlichen Gespräch. Keine einzige Frage wird einsilbig beantwortet und ihr dezenter Charme macht die beiden nur noch sympathischer. Fast ist man überrascht, denn nichts scheint sie aus der Ruhe zu bringen.

Wobei - eine Sache ginge Williamson schon auf die Nerven, wie er abschließend zugibt – „wenn Musiker behaupten, ihr neues Album sei das beste was sie je gemacht haben. Ich verstehe wirklich nicht, was das heißen soll und warum zuvor alles schlecht war?! Keine Ahnung wie man solch einem Anspruch beim nächsten Mal gerecht werden soll?“

Sleaford Mods halten die Füße lieber still und lassen ´English Tapas´ für sich sprechen - mit Songs, die eine Menge zu sagen haben. Eine Menge Gutes, mitten in den Vierzigern.

Aktuelles Album: English Tapas (Rough Trade / Beggars / Indigo) Vö: 03.03.

© 01. März 2017  WESTZEIT ||| Autor: Marcus Willfroth ||| Photograf: Roger Sargent