www.westzeit.de

2raumwohnung

Das Leben als Film in Eigenregie

Wer will fleißige Musiker sehen? Was Inga Humpe und Tommi Eckart innerhalb des letzten Jahres auf die Beine gestellt haben, mutet fast schon als ungesunde Arbeitssucht an: nach ihrem Debüt mit "Kommt zusammen", dem Remix-Album und zahlreichen Touren setzen uns die beiden schon den nächsten Longplayer nebst kompletter filmischer Umsetzung vor die Nase, respektive Augen und Ohren. Ein Zustand, von dem vor nicht allzu langer Zeit noch niemand zu träumen gewagt hätte.

Rufen wir uns in Erinnerung: Das Projekt 2raumwohnung wurde als solches überhaupt erst ins Leben gerufen, weil ein Song für Zigarettenwerbung erstaunlich hohen Zuspruch erhielt. "Kommt zusammen" war kurze Zeit später die Antwort auf die wachsenden Forderungen nach mehr. Ein erster Gehversuch, der glückte. „Wie man wahrscheinlich auch an der neuen Platte hört, hat sich unser Selbstverständnis verändert. Beim ersten Album haben wir eher rumexperimentiert ohne zu wissen, ob es jemandem gefällt. Wir mußten ja damals beim ersten Album noch so ein Zwischenstück bauen von dem "Garten" zu unserer ganzen Clubidee. Das war die eigentliche Arbeit. Als das Feld dann abgesteckt war, haben wir gemerkt, dass wir musikalisch ein noch weiteres Feld nutzen können, wir haben jetzt z.B. auch ein paar Stücke, die einen R‘n‘B-Ansatz haben.“ Die Gestaltung von "In Wirklich" verlief konzentrierter als vorher und durch die gewonnene Routine öffnete sich der Blick auch zu anderen Seiten. „Beim Entwickeln von Stücken merkst du schneller, wann der Weg in eine Sackgasse führt. Es ist eine Art Selbstreflektion entstanden. Außerdem ist eine neue Ebene hinzugekommen, die sich so ausdrückt, dass wir Filmer gebeten haben, neun Stücke filmisch umzusetzen, vom Bildschirmschoner bis zum Kurzfilm, allerdings ohne Vorgabe und auf Low-Budget-Niveau, also nur mit DV-Kamera.“ Die Idee mit den Videos fügt sich dem thematischen Kontext der Platte fast nahtlos an. „Es ging uns darum, dass die eigene Wirklichkeit für jemand anders immer wie eine Geschichte ist, dass jeder interessant ist, auch wenns im ersten Augenblick vielleicht nicht so erscheint. Wir haben unser Jahr dort dargestellt, was wir erlebt oder gefühlt haben. Und wenn du die Videos siehst, erkennst du die ganzen verschiedenen Wirklichkeiten der Filmer. Diese Filme sollen auch so eine Art Gegenpol darstellen zu MTV und VIVA, denen man sonst seine zwei, drei Videos abgibt und die dann eventuell gar nicht erst gespielt werden. Wir wollten uns davon unabhängig machen.“ Interessant, dass sich die Popularität der 2raumwohnung besonders über die visuellen Medien entwickelt hat: in Filmen und nicht zuletzt über das Werbefernsehen... „Die Werbegeschichte ist so: man kann grundsätzlich sagen: Ich mach Werbung oder ich mach keine Werbung. Aber die Werbeprojekte werden so gut bezahlt, dass sie erlauben, andere Projekte zu finanzieren und aufzubauen. Darauf können wir gar nicht verzichten. Trotzdem muß man irgendwann mal ne Pause machen damit. Man macht sich bei dem Werbeding natürlich Gedanken, ob es verwerflich ist, für Suchtmittel zu werben. Andererseits gehören Alkohol und Zigaretten aber auch zum Leben dazu. Man kann natürlich auch Werbung für Autos machen, aber dann kann es sein, dass der Konzern z.B. Waffenhandel unterstützt. Du kannst unser Dasein nicht wirklich dadurch steuern, indem du an der Stelle eingreifst.“ Und Wahlwerbung? „Haben wir überlegt, machen wir nicht. Es gibt zwar eine Partei, die wir gut finden, aber wir haben trotzdem gedacht, dass sich das jeder selbst überlegen muß. Seine Wahl sollte man doch an politischen Gesichtspunkten festmachen und nicht daran, dass die Partei einen netten Song hat. Man kann den Leuten immer nur raten: Geht wählen! Aber was sie wählen, das sollen sie bitte selber entscheiden.“

Aktuelles Album & lim. DVD-Edition: In Wirklich (Goldrush/BMG) VÖ.: 2.9.

© 09. September 2002  WESTZEIT ||| Autor: Brigitte Ruban ||| Photograf: Bodo Vitus