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ELIF

Eine Welt, (k)ein Doppelleben!

Es ist außergewöhnlich, dass eine Künstlerin, noch bevor sie selbst richtig bekannt wird, anderen Interpreten zu einem Karriere-Start verhilft. Und dass das dann auch noch indirekt geschieht...Elif Demirezer ist eine deutsche Sängerin, mit türkischen Wurzeln. In Berlin-Moabit aufgewachsen, durfte sie als deutsche Staatsbürgerin kürzlich keine Stimme zum türkischen Referendum abgeben. Schade eigentlich, denn wenn sie ihre Stimme erhebt, bzw. erklingen lässt, geschehen ungewöhnlich positive Dinge.

2009 startete Elif mit knapp 17 Jahren bei der neunten Staffel der ProSieben-Show ´Popstars´, belegte gemeinsam mit ihrem Partner Niklas Dennin den zweiten Platz im Finale. Den ´Recall´ hatte sie überspringen dürfen, da ihr Kate Hall im Casting das Goldene Mikrophon für die beste gesangliche Leistung überreicht hatte. Elif stellte fortan ihre eigenen Lieder bei YouTube und Facebook vor, betätigte sich als Bloggerin. Im November 2011 trat sie in der Show ´Inas Nacht´ auf. Wer Ina Müller kennt, weiß, wie schwer es ist, dort einen Slot zu bekommen. Anschließend nahm Tim Bendzko sie als Support mit auf Tour. Im März 2013 erschien Elifs erste Universal-Single ´Unter meiner Haut´, das Debutalbum gleichen Namens folgte gut fünf Monate später. Von nun an ging es Schlag auf Schlag. Im April/Mai 2013 trat Elif im Vorprogramm von Axel Bosse auf. Mit ihm schrieb sie auch Stücke für besagtes Debutalbum.

Elif: „Im Berliner Hotelzimmer von Bosse sind zwei Lieder der ersten Platte entstanden. Mir ging es damals nicht gut. Ich hatte Liebeskummer, kam mit total schwarz gefärbten Haaren bei ihm an, weil ich die Tönung viel zu lange hatte einwirken lassen. Axel sagte, ´Komm, ´nichts tut für immer weh´, wir schreiben einen Song. Der war dann auch in zwei Stunden fertig.“

´Unter meiner Haut´ stieg bis auf Platz 23 der deutschen Album-Charts.

2015 wurde die gleichnamige Single vom deutschen DJ-Duo Gestört aber Geil gemeinsam mit Koby Funk und Wincent Weiss geremixt.

Elif: „Mit dem Wincent habe ich gar nichts zu tun. Außer, dass wir uns gern mögen. Bei ihm ging es mit `Unter meiner Haut´ los. Ich freue mich für ihn. Als seine Coverversion von meinem Song herauskam, wusste ich nichts davon. Die Version wurde einfach veröffentlicht. Ein Freund hat mich dann angerufen, mir erzählt, dass es diese Version bei iTunes gäbe. Ich habe sofort die Plattenfirma angerufen, doch auch dort wusste man von nichts. In Deutschland darf man ja ohne Frage um Erlaubnis alles neu interpretieren, wenn man nur das Original ohne Änderungen covert. Also habe ich mich mit Andreas Bourani darüber unterhalten. Er hat etwas ganz tolles gesagt. `Elif, Du bist doch Texterin, möchtest, dass Deine Texte gehört werden. Die Leute mögen den Song. Lass es doch einfach so´. Ich habe das Ganze erst einmal sacken lassen, dann entschieden, den Leuten nichts weg zu nehmen, was sie hören wollen. Sonst hätten sie es sich eh so, illegal, geholt. Gestört aber Geil haben auch ihren Weg gemacht. Die haben `Unter meiner Haut´ abgewandelt zusammengesetzt. Sie sind Fans.“

Elifs Lied ´Unter meiner Haut´ hatte somit ein „´Doppelleben´ – wie die Künstlerin selbst auch.

Elif: „Der Titeltrack des neuen Albums ist keine Aufarbeitung meiner Wurzeln. Er ist vielmehr ein Song, der sagen will, `ich glaube, wir könnten viel mehr sein, als das, was wir sind´. Es gab in meiner Jugend oft Momente, in denen wir alle nicht richtig offen waren. Mein Bruder und ich hatten so viele Themen, über die wir mit unseren Eltern nie gesprochen haben. Wahrscheinlich war das auch normal, weil sie es nicht anders gelernt hatten. Ich wollte kein Anschweigen mehr, wollte ehrlich sein. Ich bin zu jedem offen, kann jedem von mir erzählen. Nur bei denen, die mir am liebsten sind, bei meinen Eltern, ging das nicht. Ich musste den Kreis durchbrechen, wollte kein Doppelleben mehr. Nicht eins für draußen, eins für drinnen. Es gab die Angst, nicht gemocht zu werden, wenn man etwas preisgibt. Die Kluft wurde immer größer. Ich musste Verständnis entwickeln, musste auch die Lage meiner Eltern sehen. Sie sind mit ganz anderen Werten aufgewachsen, in der Türkei, im Deutschland der `1960er Jahre´. Ich bin ein Kind der 1990er, in Berlin mit einer ganz anderen Mentalität aufgewachsen. Ich habe zwar nicht viele türkische Freunde, aber von denen, die ich habe, durfte ich mitbekommen, dass es überhaupt nicht geht, vor den Eltern zu rauchen. Ich habe mir auch schon einmal eine Fluppe angesteckt. Aber nie vor meinem Vater! Das ist ein absolutes NoGo! Vor den Eltern raucht man nicht! Da fängt es schon an... das Doppelleben! Es offenbart Reibungspunkte. Der Song zeigt nicht mit dem Zeigefinger, sondern soll dazu motivieren, keine Angst mehr zu haben, sich zu zeigen. Freunde kann man sich aussuchen, Familie nicht. Deshalb sollte man gerade seine Familienmitglieder richtig gut kennenlernen!“

Zu Elifs Freunden zählt der Hamburger Musiker Fayzen, der exakt zwei Wochen vor der VÖ von Elifs ´Doppelleben´ sein Werk ´Gerne Allein´ herausbrachte. Elif lächelt beim Gedanken an die Arbeit mit ihrem Kumpel Fayzen. „Wir sind seit langem befreundet, haben über ein Jahr lang versucht, etwas zusammen zuschreiben. Doch die Situation musste sich erst ergeben, weil wir beide sehr beschäftigt waren. Irgendwann waren wir dann am Timmendorfer Strand in der Wohnung seiner Eltern. Dort haben wir uns eingeschlossen, saßen vier Tage herum. Dann hat es `klick´ gemacht. Ab diesem Zeitpunkt hat die Zusammenarbeit geklappt.“

Fayzen und Elif hatten bereits 2014 gegenseitig jeweils eines ihrer Lieder gecovert, als Single veröffentlicht.

„Wir mussten unseren künstlerischen Ansatz checken, auf einen Nenner kommen. Fayzen arbeitet lieber nachts, ich bin Frühaufsteherin.“

Wenn die Berlinerin und der Hamburger beim jeweils Anderen in der Stadt weilen, übernachten sie auch gegenseitig in ihren Wohnungen.

„Ich habe zuhause ein tolles Sofa, da pennt er meistens drauf.“

Fünf gemeinsame Lieder schafften es schließlich ins ´Doppelleben´. ´Anlauf nehmen´, ´Schön, dass es Dich gibt´, ´Wo bist Du?´, ´High 5´ und ´Du hast einen Platz´.

Elif: „Wir haben aber viel mehr Songs zusammen erarbeitet. Das schöne daran, wenn ich die gemeinsamen Titel aufsage, ist, dass ich dann stets ganz genau weiß, wo wir sie geschrieben haben. `Du hast einen Platz´ z.B. ist als letzter Song für das neue Album entstanden. Wir sind hinausgefahren nach St. Peter Ording, haben uns mit einer kleinen Gruppe in eine kleine Hütte einquartiert. Wir wurden inspiriert von der Großmutter, der das Haus gehört. Es ist sogar in einem Video von Fayzen zu sehen...“

Überhaupt fällt es im Gespräch mit Elif auf, das sie gerne ihre Leute ´preist´. Voll des Lobes erzählt sie auch von ihrer Erinnerung an den instrumentalen Opener ´Duduk´:

„Ich habe Karola Elßner auf der Bühne gesehen, sie sofort eingeladen - `Du musst zu mir ins Studio kommen, das ist das Intro für mein Album!´. Man hört das Duduk, sowie eine Bassklarinette. Carola ist die Katzenlady, die die Blasinstrumente spielt. Ich bin sehr froh, dass ich sie dabei hatte.“

Warum klingt das Lied ´So Leicht´ so schwermütig?

„Ich habe es in Relation gesetzt. Einerseits hat meine Mutter mich stets gebeten, nicht immer alles so schwer zu nehmen. Dann habe ich auf einer Grillparty einen Großvater getroffen, der bestimmt schon über 90 Jahre alt war. Wir hingen an seinen Lippen, als er davon erzählte, wie er im Krieg aus Frankreich geflüchtet ist. Seine Kinder hatten die Geschichte bereits oft gehört, mich hat sie sehr berührt. Anschließend bemerkte er noch, `Wir fühlen uns immer noch unsterblich, als könnte dieses Glück nie enden´. Als dritte Inspiration hatte ich auf Netflix eine wissenschaftliche Serie gesehen, die sich mit dem Kosmos beschäftigte. Der Konsens war, dass, wenn man die ganzen Jahre, die es die Welt gibt, komprimierte, gäbe es uns nicht mal einen Wimpernschlag lang...“

Leider gibt es das Leben nicht doppelt. Aber es gibt das ´Doppelleben´, und darin viele bewegende Momente!

Aktuelles Album: Doppelleben (Universal / Vertigo) VÖ: 26.05.

© 03. Juni 2017  WESTZEIT ||| Autor: Ralf G. Poppe ||| Photograf: Christoph Köstlin