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PARKWAY DRIVE

Was wäre, wenn?

„Du bist die erste, mit der ich über das Album spreche, die nicht in der Band ist.“ – „Fragst du deine Familie und Freunde denn nicht nach Feedback?“ – „Doch, aber erst ganz zum Schluss und meistens höre ich auch dann nur Sachen, die ich mir ohnehin schon denken konnte. Ich bin gespannt, was du zu den Songs zu sagen hast.“ Oje, na super. Und dabei war bis gerade doch noch alles so entspannt. Wüsste man es nicht besser, könnte man denken, Parkway Drive gäbe es nicht schon seit 15 Jahren, sondern gerade mal seit drei. Pressetage am anderen Ende der Welt, in Europa, und Interviews in einem schicken Hotelzimmer – für Frontmann Winston McCall sind diese Dinge ganz eindeutig auch nach all der Zeit noch immer etwas Besonderes.

Wenn er dann noch von früher erzählt, von der Zeit, in der er zum ersten Mal mit der Art von Musik in Berührung gekommen ist, die er nun selber mit Parkway Drive macht, merkt man ihm seine Dankbarkeit für alles, was ihn dorthin gebracht hat, wo er nun ist, deutlich an. Als hätte er noch immer das starke Verlangen, sich zu kneifen, um zu wissen, dass es nicht doch bloß ein Traum ist.

„Neue Musik entdeckt man meistens im Auto von Freunden, oder? Man fährt bei anderen Leuten mit und sie machen etwas an, das man noch nie in seinem Leben gehört hat – so war es auch als ich zum ersten Mal diese Musik gehört habe. Ich wusste direkt, dass sie anders war, doch ich mochte sie und wollte mehr hören. Zu dem Zeitpunkt hätte ich aber nie gedacht, ich könnte sowas auch selber machen“, erinnert er sich und lacht. „Ich bin durch jeden Musikkurs in der Schule durchgefallen“, gesteht er, „ich wusste nichts über Musik und in der Band kann bis heute niemand Noten lesen. Ich habe erst mit „Ire“ angefangen, singen zu lernen, in den 13 Jahren davor hatte ich keine Ahnung, was ich eigentlich mache. Das war das erste Mal, dass ich überhaupt etwas über Musik gelernt habe. Es ist unglaublich, 15 Jahre dabei zu sein. Als wir die Band gegründet haben, hatten wir keine Vorstellung davon, wie sie klingen könnte. Wir haben einfach gemacht und uns vom Ergebnis überraschen lassen.“

„Wir haben die Band mit dem Gedanken gestartet, dass wir eine Handvoll Songs schreiben, damit uns unsere Freunde live sehen können“, berichtet er weiter. „Jetzt sind wir in der Lage zu allem, was wir uns vorstellen können, Musik zu schreiben, ins Studio zu gehen und es zu realisieren. Wir können Musik für eine Bühne schreiben, so groß, wie wir es uns nie gedacht hätten – und obendrein für mehrere tausend Menschen. Es ist, als würde dir jemand einen Zettel und Stifte in allen existierenden Farben geben und sagen „mal, was immer du möchtest“ – und glaub mir, das ist eine Menge!“.

In den vergangenen eineinhalb Dekaden sind die Australier zu einer der erfolgreichsten Metalcore-Bands des Globus‘ geworden. Millionen verkaufte Tonträger, weltweite Tourneen, ausverkaufte Konzerte und Headline-Slots bei den größten und gefragtesten Festivals – hätten sie ausschließlich auf ihren guten Instinkt und ihr natürliches Talent gesetzt, wären sie sicherlich nicht so weit gekommen. Harte Arbeit, Fleiß und Disziplin werden bei Parkway Drive dagegen großgeschrieben, wurden es schon immer.

„Jeden Tag wachen wir auf und fragen uns, wie wir es nur so weit schaffen konnten. Wenn man sich alles anschaut, was wir getan haben, und bedenkt, wie viel Arbeit wir hineingesteckt haben, macht es Sinn, aber es gibt so viele Momente, in denen wir uns anders hätten entscheiden können.“

Was wäre, wenn? Was wäre, wenn Parkway Drive damals ihren Schulabschluss gemacht hätten und vielleicht aufs College oder zur Uni gegangen wären? Was wäre, wenn sie sich für den „normalen“ Weg und eine Ausbildung entschieden hätten? Was wäre, wenn Winston McCall vor Jahren nicht in jenes Auto gestiegen wäre, in welchem er zum ersten Mal harte Musik gehört hat? Oder was wäre, wenn der „Ire“-Tourzyklus anders verlaufen wäre?

„Man sah es uns auf der Bühne nicht an, aber wir mussten in der Zeit viele tragische Dinge durchmachen“, sagt McCall mit leiser Stimme. Das stetige Lächeln verschwindet aus seinem Gesicht. „Freunde und Familienmitglieder von uns sind verstorben, bei Verwandten wurde Krebs diagnostiziert; ich weiß nicht, zu wie vielen Beerdigungen ich gegangen bin, es war schrecklich. Die schlimmste Zeit. Gleichzeitig haben wir aber auch unsere bislang besten Konzerte gespielt, was uns allerdings auch nicht aufbauen konnte, wenn am letzten Tourtag der Anruf kommt, jemand sei verstorben und wir müssten zur Beerdigung kommen.“

Er spricht von der Zeit, in welcher die Entstehung ihres neuen Albums ´Reverence´ ihren Anfang nahm.

„In den Texten spielt Aggression und Wut eine große Rolle, das ganze Album handelt allerdings davon, Ehrfurcht vor dem Leben zu haben – daher auch der Titel ´Reverence´. Es geht darum, dass man aus jedem noch zu kleinsten Bisschen das Größte herausholen sollte, aus allem, was man hat, das Beste machen sollte. Man sollte jeden Teil seines Lebens als etwas Besonderes ansehen, weil es immer Menschen geben wird, die nicht oder nicht mehr die Chance haben werden, dies genießen zu können.“

Auf ´Reverence´ treffen Wut, Frustration und Trauer aufeinander. Das Album ist dabei merklich aggressiver als sein Vorgänger „Ire“, doch es verfolgt ein ganz bestimmtes Konzept: Durch den ersten Song ´Wishing Wells´ und den letzten ´The Colour Of Leaving´ wird all die aufgestaute und nun freigelassene Aggression mit ruhigen, emotionalen Klängen zusammengehalten. Die beiden Songs wirken wie ein Rahmen, der alles umschließt, der die Songs zusammenbindet und sie zu einem richtigen Album formt und nicht nur zu einer bloßen Sammlung irgendwelcher Lieder.

„Das Album endet genauso wie es beginnt. Die Songs sind musikalisch verbunden und sehr persönlich. Sie beschreiben beide auf unterschiedliche Weisen das Thema Verlust“, erklärt der Sänger. „Nichts geht über persönliche Songs. In der Zeit kamen die Gefühle immer wieder, sind auf mich eingedroschen, haben mich heruntergedrückt – ich musste sie einfach niederschreiben. Ich hoffe, dass wir alles und jedem damit gerecht geworden sind. Dass es uns gelungen ist, ehrliche Gefühle zu vermitteln. Mir geht es nicht darum, perfekt zu schreien, ich finde es viel wichtiger, die Emotionen perfekt zu übermitteln. Trauer ist extrem machtvoll und ich habe noch nie etwas Vergleichbares gefühlt. Ich wusste nicht einmal, dass ich etwas Derartiges überhaupt empfinden kann.“

Allein durch den Aufbau ihres Albums haben Parkway Drive eine Metapher erschaffen, die die Komplexität und Vehemenz von diesem gewaltigen Gefühl nahezu perfekt darstellt. Mit der Trauer beginnt es und mit der Trauer endet es, denn wie viel Zeit nach einem Todesfall auch verstreichen mag, ganz verschwinden wird sie nie – und damit auch nicht die einhergehenden Emotionen, die von ihr umrahmt werden. Die Schuldgefühle und der Ärger.

„Ohne ´Ire´ wären wir niemals in der Lage gewesen, ´Reverence´ zu schreiben“, weiß McCall, doch damit bezieht er sich nicht nur auf die Tour, sondern auch auf das Album an sich.

„´Ire´ ist für mich der Sound, den wir erschaffen haben, ohne dass wir von seiner Existenz überhaupt eine Ahnung hatten. Das Album zeigt, wie wir die Band neu definieren. Wir wissen, dass wir jede Gelegenheit nutzen müssen, denn wo läge der Sinn darin, etwas zurückzuhalten? Wir machen einfach, gehen Risiken ein und wollen alles, was wir im Kopf haben, irgendwie umsetzen. Manche Songs entstehen dabei innerhalb kürzester Zeit, andere brauchen Monate. Ich träume davon, dass Parkway Drive zu der Band wird, wo nichts unmöglich ist.“

„Es ist unglaublich, 15 Jahre dabei zu sein und nicht nostalgisch auf das zurückzublicken, was man in der Zeit getan hat“, so der Frontmann weiter. „Ich bin mir sicher, dass jede Band sagt, ihr neuestes Album sei das, welches sie am meisten liebt und ihr bislang bestes ist – und für mich könnte darin nicht mehr Wahrheit stecken. Ich bin sehr froh, die schrecklichen Dinge überstanden und überlebt zu haben. Wenn ich mir „Reverence“ anhöre, kann ich noch immer nicht glauben, dass wir das gemacht haben. Parkway Drive gibt es nun 15 Jahre“, rekapituliert er, „wir dachten, die Band würde es höchstens fünf Jahre lang geben. Dass wir ein paar Shows spielen und einfach Spaß haben würden, aber bestimmt kein Album schreiben. Die Bandhistorie ist wie ein Baum, der immer größer und mit seinen vielen Ästen verzweigter wird. Parkway Drive hätte genauso gut auch als der Keim vom Anfang enden können, den wir vergessen zu bewässern und der deswegen stirbt – aber das ist nicht geschehen.“

Aktuelles Album: Reverence (Epitaph / Indigo) VÖ: 04.05.

© 03. Mai 2018  WESTZEIT ||| Autor: Leonie Wiethaup ||| Photograf: Kane Hibberd