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ROGERS

"Es ist wie ein Knastbesuch."

Guter Punkrock made in Germany ist keine Seltenheit, guter deutschsprachiger Punkrock allerdings umso mehr. Rogers stellen sich seit Jahren erfolgreich dieser Herausforderung. Sie beobachten, erklären, kreiden an – ganz getreu dem Titel ihres neuen Albums führen die Düsseldorfer dies auch mit ´Augen auf´ weiter fort und machen dabei keinen Halt vor ernsten und unangenehmen Themen.

Wie leicht ist es doch, seine Augen vor den Dingen zu verschließen, um die man sich nicht kümmern möchte? In seiner gemütlichen Blase zu leben und sich stattdessen viel lieber über Triviales zu beschweren und am besten auch noch anderen vorzuschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben? Etwas, das auch schon die Düsseldorfer Punkrock-Band Rogers beobachten konnte – an der konservativen, festgefahrenen Gesellschaft, als deren Teil sie sich schon lange nicht mehr sehen.

„Wir haben viele Freunde, die montags bis freitags arbeiten gehen, heiraten, Bürostress – wir kennen das nicht. Zum Teil gucken wir uns das wie durch eine Scheibe an“, so Gitarrist Nico Feelisch. Bandkollege Artur Freund fügt hinzu:

„Es hört sich so an, als würde uns das einen Scheiß interessieren, aber das ist nicht so. Es ist wie ein Knastbesuch: Machen wir regelmäßig, wir gucken uns alles an.“

Da bliebe nur noch zu überlegen, wer auf welcher Seite der Gitterstäbe steht, wie Sänger Chri Hoffmeier lachend zu Denken gibt.

Zwei Jahre nach dem Release von ´Nichts zu Verlieren´ haben Rogers ihr drittes Album ´Augen auf´ in der Tasche. Songs mit der gewohnten Portion Interpretationsfreiheit, aber mit ebenso ausgeprägter erbarmungsloser Ehrlichkeit.

„Das habe ich alles schon mal erlebt, das hat mich bis heute verfolgt. Das darf niemals unser Erbe sein“, heißt es in ´Unter Tränen´. Es ist der Blick einer alten Dame auf die Welt. Sie ist Weltkriegszeitzeugin, hat Dinge gesehen, die man sich nicht vorstellen kann und eigentlich auch nicht möchte. Doch selbst der Zweite Weltkrieg ist inzwischen über siebzig Jahre her und man fragt sich: Was passiert, wenn die Leute versterben, deren Erfahrungen so wichtig für die Zukunft kommender Generationen sind? Viele sind sich ihrer Verantwortung bewusst – Fehler wiederholen sich trotzdem. Für Rogers genug, um ihre Protagonistin zum Schluss Suizid begehen zu lassen. Die Dame kann es schlicht nicht mehr ertragen, wie sich alles vor ihren Augen entwickelt.

Es ist dabei nicht die einzige Stelle des neuen Rogers-Albums, an der man sich über ihre Direktheit wundert. Und dabei waren es die Düsseldorfer schon immer. Es war ihnen stets egal, was andere über sie denken – zumindest bis auf ihre Freunde und Familie.

„Sie sind nicht Fan von deiner Band. Sie sagen nichts, um dir zu gefallen, sind aber trotzdem nahe genug dran, um gute Kritik zu äußern“, so Artur und Nico fügt lachend hinzu:

„Wenn Mama sagt, es sei ihr zu wild und Chri schreie zu sehr, dann sage ich dem Chri, er soll nicht so viel schreien.“

Doch manchmal muss einfach geschrien werden. Muss alles noch aggressiver sein als es ohnehin schon ist.

Plakatives ist der größte Feind jeder Band, die sich traut, in ihrer Muttersprache zu schreiben und vor allem bei politischen Texten ist der Grad zwischen „gut“ und „plakativ“ äußerst schmal. Trotz etlichen intelligenten Zeilen haben Rogers dennoch diesen Grad auf ihrem neuen Album überschritten – und herausgekommen ist einer ihrer bislang besten Songs! ´Nie euer Land´, ihre Antwort auf die erstarkende Rechte in Europa. Wütend und wie ein Schlag ins Gesicht. „Ihr seid sowas von 1933, die alte Kacke unter’m Schuh, die wieder stinkt“, singen sie. Kann man in andere Texte sehr viel hineininterpretieren und sie damit sogar in eine teils komplett andere Richtung lenken, braucht man hier schon reichlich Fantasie, um vom Thema abzuweichen.

„Es ist eine Momentaufnahme, als wir alle mal sehr sauer waren“, erinnert sich Nico. „Irgendwer meinte auch, dass wir das so nicht aufnehmen könnten, es sei viel zu hart. Aber es ist ja so. Genau deswegen musste der Song genau so auf die Platte – das kannst du nicht anders in Worte fassen. Wie soll man das verniedlichen? Da muss man den Mund aufmachen!“

Spielend leicht wurde ´Augen auf´ so zu ihrem bis dato politischsten Album. Dachte man, die Band sei bei ihrem Vorgängerwerk ´Nichts zu Verlieren´ mit ´Zugvögel´ schon weit gegangen, schienen sie sich nun vorgenommen zu haben, noch weniger durch die Blume zu reden. Doch genau das sollte es auch sein, erzählen die Düsseldorfer direkt. Es sei das kleine Konzept gewesen.

„Wir wollten eine Platte machen, auf der wir direkter und bewusster politisch Themen ansprechen“, berichtet Nico. Eine bloße Ansammlung von lyrischen Wutausbrüchen und Plattitüden ist ´Augen auf´ aber mitnichten. Rogers missbrauchen ihren dritten Longplayer freilich nicht als Boxsack, sondern greifen verschiedenste Aspekte auf. Emotionales ist dabei, aber auch Dinge, über die selbst scheinbar gänzlich Gleichgesinnte stundenlang diskutieren könnten. Ein Beispiel: Das Abhören des eigenen Telefons und der demit einhergehende Datenmissbrauch – „Sie hören zu“.

Dermaßen überspitzt getextet, doch nicht weniger ernst vorgetragen, kann der gemeine Hörer bis zum Schluss nicht mit Sicherheit sagen, welche Meinung hier eingenommen wird.

„Weil die Wahrheit dich verschreckt, hast du beschlossen, einfach wegzusehen. Aber es gibt kein Entkommen, sie kriegen dich auf jeden Fall, überwachen jeden deiner Schritte mit Satelliten aus dem All.“

Glauben Rogers wirklich selber, was sie gerade von sich geben oder machen sie sich tatsächlich darüber lustig?

„Das haben wir mit Absicht offengelassen, damit sich jeder seinen Teil denken kann“, erklärt Nico ernst. „Eigentlich ist der Song aus der Sicht einer Person geschrieben, die das alles erzählt. Es war wichtig, das Thema einmal direkt anzusprechen.“

Dinge offen lassen, Raum für Interpretationen geben. Genau das, was Rogers seit Anbeginn interessant macht und wofür nicht wenige die Punkrocker schätzen – aber auch eines der Dinge, die beim neuen Album anders gemacht werden sollten.

„Wir haben ziemlich viele Sachen genauso angesprochen, wie wir sie ansprechen wollten – sowohl die politischen Songs, als auch die scheiß Nachbarn von oben“, so Bassist Artur. Vielleicht mitunter der Grund, warum ´Augen auf´ sich von den ersten beiden Alben abhebt. In einem Entstehungszeitraum von etwa zwei Jahren scheint Chri, Nico, Artur und Dominic der Geduldsfaden gerissen zu sein und ihre Wut und Frustration fand mit der Musik und dem Schreiben eines neuen Werkes ein Ventil. Sie haben sich vorab mit Anderen über Themen ausgetauscht, diskutiert, ließen mehr Input von außenstehenden Personen einfließen.

Ist die Musik von ´Vorbei´ so mit „einem ganzen Bus voll Menschen“ im Studio entstanden, wie sich Nico schmunzelnd erinnert, hat auch Madsen-Sänger und -Gitarrist Sebastian aktiv seinen Teil zu ´Helden sein´ beigetragen. Sein Feature als Mitschreiber und Gastsänger sticht dabei so stark hervor, dass man sich schon vergewissern muss, ob dies überhaupt noch Rogers sind. Punkrock untermalt mit Rock und Indie, aber dennoch an die Toten Hosen erinnernd. Anders als alles, was die Vier jemals veröffentlicht haben, und trotzdem nichts, was zumindest nach mehreren Durchgängen nicht zur Band passen würde.

„Als wir wussten, was auf das Album draufkommt, haben wir auch bemerkt, dass es viel abwechslungsreicher und anders ist als die Platten davor“, so Nico. „Deswegen haben wir gesagt, dass wir es auch so featuren lassen sollten. Einfach mal Sachen anders machen. Wir waren teilweise mit anderen Leuten im Studio, wir wollten andere dazu holen, die uns noch nicht so lange kennen. Die draufgucken und sagen können: ´Es ist cool, dass ihr das seit sechs Jahren macht, aber wollt ihr das nicht mal so machen?´. Perfektion von allen Seiten.“

Perfekt ist das Album zwar nicht – genauso wenig wie die Welt, in der es geschrieben wurde – aber wahrscheinlich ihr authentischstes. Es ist kritisch und ehrlich. Jeder kann sich darin wiederfinden. Sei es als derjenige, der selber kurz vor dem Verzweifeln steht, oder vielleicht sogar als jemand, der sich um seine unmittelbare Umwelt mehr kümmern könnte. „Augen zu und durch“ ist das Motto vieler, wenn sie mit etwas Unangenehmen konfrontiert werden – der Düsseldorfer Punkrock-Band Rogers zufolge aber genau die falsche Einstellung.

„Es klingt als würde man ´resignieren, aber trotzdem´. Wir wollen ´nicht resignieren und trotzdem´“, sagt Sänger Chri voller Überzeugung.

Aktuelles Album: Augen auf (People Like You / Sony) VÖ: 08.09.

© 03. September 2017  WESTZEIT ||| Autor: Leonie Wiethaup ||| Photograf: Kay Özdemir