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GLORIA

Erste Wahl gegen Rechts!

Das dritte Studioalbum von Klaas Heufer-Umlauf und Mark Tavassol ist ´Da´. An den neun neuen Songs gibt es kaum etwas zu bemängeln... außer, dass sie vor der Bundestagswahl noch nicht erhältlich waren. Sonst wäre unser Land jetzt vielleicht ein klein wenig anders. Wahrscheinlich schöner. Doch sonst lässt Gloria niemanden im Regen stehen. Als im Sommer 2016 die Gastspiele sowohl beim Hurricane als auch beim Southside-Festival den sich permanent öffnenden Schleusen des Himmelstores zum Opfer fielen, einigte man sich darauf, die vereinbarten Gigs bei besagten großen Events in diesem Sommer nachzuholen.

So spielte man z.B. in Scheeßel in einem proppevollen Zelt, performte die besten Tracks der ersten beiden Alben ´Gloria´ und ´Geister´. Die Band überzeugte mit Glanz und Gloria, die Festival-Besucher waren begeistert. Dabei erwähnten die Musiker mit keinem Wort, dass sie mitten in den Aufnahmen zum dritten Album stecken.

Heufer-Umlauf: „Wir sind 2016 für die geplanten Festival-Shows wirklich quer durch Deutschland gefahren, und dann sind beide Konzerte kurzfristig abgesagt worden. Die nun nachgeholten Gigs waren sozusagen der Abschluss der `alten Phase´. Alles war echt. Hat Bock gemacht!“

Tavassol: „Vor einem Jahr waren die besagten Shows ja bereits als Abschluss gedacht. Jetzt, ein Jahr später, ohne aktuelle Platte, war das Hurricane-Zelt dennoch voll. Ein Highlight, einer unserer besten Momente! Wir standen quasi wieder am Anfang, konnten jedoch nicht sagen, `eine neue Platte kommt raus´...“

Die Zeit um die Auftritte herum wurde ´Da´ in Tavassols Studio in Hamburg-Eimsbüttel finalisiert.

Tavassol: „Die Aufnahmen waren bereits vorbei, wir haben vorher und nachher geschraubt. Damit ich nicht permanent wieder etwas abändere, habe ich mir den Satz `Ich würde es so lassen´ auf den Monitor meines Computers geklebt.“

Heufer-Umlauf: „Auf unserer Prioritätenliste kommen zwar die Worte, dass, was wir aussagen wollen, zuerst, doch der Song steht noch über Worten. Wenn alles klar ist, sozusagen in Stein gemeißelt, dann kommt der `Rest´ mit voller Aufnahmequalität.“

Und das passiert immer noch in jenem Raum, wo die beiden vor zehn Jahren angefangen haben, gemeinsam Musik zu machen.

Ganz oben in der Beliebtheitsskala des Interviewers als auch der Musiker ist der Titelsong, „Immer noch da“.

Tavassol: „Das ist der Song, der uns sehr wichtig ist. Man kann sagen, `Ja, klar, ihr wollt damit ins Radio, ihr tut nur so´. Dabei wird andersherum ein Schuh daraus. Der Text ist aus der Sichtweise eines Ausgegrenzten gegen seine Ausgrenzer geschrieben. Er passt jetzt gut in die Zeit. Die Zeit der Geflüchteten. Es geht um den unterschiedlichen Umgang mit ihnen. Um unterschiedliche Auffassungen. Wir sind von Haus aus wesentlich toleranter geprägt als z.B. viele Leute aus den neuen Bundesländern. Der Song könnte eine gute Single werden. Nicht unbedingt eine gute kommerzielle Single, weil das Thema doch zu sperrig ist. Sondern, weil man es damit geschafft hat, dass über Themen wie Ausgrenzung gesprochen wird. Aus einer derartigen Perspektive betrachten wir unsere Single-Auskopplungen. Wir singen am liebsten über Themen, die uns tatsächlich wütend machen. Oder uns bewegen. Wir nutzen das Vehikel, und es fährt dann aufgezäumt mit einem wichtigen Thema als Song ins Radio. Dieselbe Triebfeder beantwortet Fragen wie `Wie soll das Album heißen?´ oder `Welcher Song repräsentiert uns inhaltlich am besten?´. Wenn ein solcher Titel im Radio läuft, und er gibt auch noch einen guten Albumtitel her... Warum nicht?“

Im Text geht es auch um die ´Rechten Winkel´.

Heufer-Umlauf: „Quadrate. Kreuze. Sie sind gar nicht so schwer zu dechiffrieren. Sie sollten es auch nicht sein. Es gibt Songs, da höre ich nicht sofort auf den Text, wenn er mich stimmungsmäßig aufnimmt. Wenn man sie dann abermals anhört, versteht man sie auch ohne Beipackzettel.“

Klaas Heufer-Umlauf und Mark Tavassol malen das Bild im Track ´Erste Wahl´ politisch noch weiter aus.

Tavassol: „Hier geht es um Demagogie, um die Verbreitung von `bösem Blut´.“

Zitat: „Unsere Lügen sind die erste Wahl“.

Heufer-Umlauf: „Die Probleme hier sind ähnlich denen in den USA. Sachverhalte werden aus dem Kontext gerissen. Wie wird wo was gekürzt. Es geht um gewisse Defizite, die man hat in der Information, im Grundgefühl, in der Entstehung. Das wird ausgenutzt. Es wird aus einer gewissen Perspektive erzählt, um Gefühle zu triggern. Daraus kann man Fake ableiten. Das heißt, aus Emotionen werden vermeintliche Fakten abgeleitet. Eben andere Fakten, als sie es eigentlich sein müssten, um damit die gesamte Sachlage richtig zu verstehen. Leute werden zu etwas gemacht, was sie sonst vielleicht nie wären!

Ein Wahl-O-Mat macht z.B. noch eine andere Sache, die ich ein bisschen schwierig finde. Denn der Wahl-O-Mat fragt Ideale oder perfekte Zustände ab. Er hinterfragt die Umsetzbarkeit nicht. Völlig unabhängig davon, wer was macht, oder mit wem jemand etwas macht. Oder ist `das´ überhaupt möglich? Ist dieses Ideal, das der Wahl-O-Mat abfragt, realistisch? Fragen werden idealistisch beantwortet. Nicht danach, ob sie umsetzbar sind. Es werden perfekte Lösungen vorgegeben. Auch die Identität eines Parteiengefüges kann man in so ein Programm nicht einsetzen! Das ist ein Riesenpunkt! Es gibt Programme, die einfach einmal alles machen, in denen Prioritäten anders gelagert sind. Wenn man ein Wahlprogramm einer Partei durchliest, weiß man noch nicht, wie das Parteiengefüge, die Stimmung innerhalb der Partei ist. Denken wirklich alles dasselbe, oder gibt es eventuell drei Punkte, von denen ich weiß, dass diesbezüglich nach der Wahl in den Ausschüssen der Streit losgeht. Solche Dinge kannst du nicht in ein Programm mit einrechnen. Ist eine Partei z.B. in der Rentensache zerstritten, steht es `dort´ nicht drin.“

Tavassol: „Ein Wahl-O-Mat dient auf spielerische Weise dazu, Leute heranzuführen. Er macht den Leuten gesund bewusst, dass sich nicht alle Parteiprogramme unterscheiden müssen. Das es Übereinstimmungen auch mit anderen gibt. Man muss sich nicht darüber aufregen, dass es nicht mehr eine so starke Konfrontation unter den großen Parteien gibt. In einer Gesellschaft, die in den letzten 500 Jahren total zivilisiert geworden ist, die Leute nicht mehr ausgrenzt, in der alle Menschen vernünftig geworden sind, da ist es doch ein Symptom, das sich die Parteien nicht mehr bis aufs Blut streiten müssen. Weil generelle Erfahrungswerte vorhanden sind. Stets zu erwarten, das Streitigkeiten ein Ausdruck unserer gesellschaftlichen Sortierung sind, ist nicht richtig. Man muss nicht immer beißen. Warum kann man nicht einfach konstruktiv diskutieren?“

Parteien wie die AfD nutzen Defizite an politischer Bildung aus, verbreiten so ´böses Blut´. Wie Gloria, ist auch ein solches Thema „immer noch da“. Und ebenso zeitlos obendrein. Denn ´Da´ wird man auch in einigen Jahren noch gut anhören können. Auch wird es (hoffentlich!) in unserer Demokratie immer Wahlen geben. Wenngleich in der Politik wie auch in der Musik die einzige Konstante der Wechsel ist. Es wird neue Grupp(ierung)en geben, die Aufsehen erregen, gegen den Strom schwimmen, oder die ein ganzes System neu erfinden möchten. An die AfD wird man sich irgendwann erinnern, wie an die PRO um Ronald Schill, die 2001 im Wohnort der meisten Gloria-Musiker (rechnet man neben Tavassol noch die Musiker der Live-Besetzung, Gitarrist Deniz Erarslan, Drummer Tim Schierenbeck, und auch Gitarrist Marcus Schneider dazu; Heufer-Umlauf lebt in Berlin) einmal 19,4 % der Stimmen erhielt, und danach innerlich zerstritten in der Versenkung verschwand, um sich 2007 ganz aufzulösen. Die großen, sogenannten ´Volksparteien´ werden weiterexistieren, wie die Musik von Gloria, oder vor allem die der Beatles. Siehe den ´Da´-Song ´Einer von den anderen´.

Tavassol: „Bei diesem Lied wurde zweimal alles über den Haufen geworfen. Die Rettung war das willkürliche Dogma, beim dritten Anlauf mit einem Instrument zu beginnen, was auf der Platte noch keine Verwendung gefunden hatte: ein alter, so genannter `Beatles Bass´ meines Studionachbarn Michel van Dyke.“

Insgesamt dominieren ´Da´ nicht primär die Gitarren, sondern es kommen vermehrt auch Synthesizer, Pianos und Streicher zum Einsatz. Manchmal sind eben auch Streich-Einheiten wichtig!

Aktuelles Album: Da (Grönland / Rough Trade)

© 03. November 2017  WESTZEIT ||| Autor: Ralf G. Poppe ||| Photograf: Pater Kaaden