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BAT FOR LASHES - Fluchtpunkt Hollywood/Lesbischer Vampir-Sex

Mit ´Lost Girls´ serviert Natasha Khan alias Bat For Lashes den Soundtrack zu einem imaginären Vampir-Film – voller 80s Anleihen, starken Metaphern und erotischen Fantasien. Ausdruck ihres neuen Lebens in Los Angeles, das scheinbar für einen enormen kreativen Kick sorgt.

In den 80ern war Natasha das aufgeweckte Kind eines pakistanischen Profi-Squash-Spielers, das vor den Toren Londons aufwuchs – mit MTV-Popstars und regelmäßigen Konzertbesuchen:

„Ich habe Michael Jacksons ´Bad´-Tour gesehen als ich neun war. Und bei uns zu Hause liefen ständig Madonna, Prince, Stevie Nicks oder George Michael. Diese kunterbunten Pop-Songs. ´Cruel Summer´ von Banarama ist bis heute mein absoluter Favorit. Er erinnert mich an eine tolle Kindheit.“

Also an ein Gefühl von Wärme und Harmonie, die die mittlerweile 39-jährige in der Gegenwart schmerzlich vermisst und durch gezielte Realitätsflucht zu kompensieren versucht. Sei es durchs Hören von Musik, die sie mit dieser Zeit assoziiert, oder durch Filme, die seit ihrer Kindheit liebt.

„Ich habe mir erst vor kurzem wieder ´E.T.´ angeschaut und er bewegt mich noch immer. Genau wie ´die Goonies´ oder ´Pretty In Pink´. Da wird man nicht mit einer Flut an Spezialeffekten bombardiert, sondern muss seine eigene Fantasie benutzen, weil da auch Raum für ruhige Momente und echte Gefühle ist. Es ist eine bessere Form der Unterhaltung als heute.“

Und eine, die sie mit ihrem neuen Album ´Lost Girls´ – eine Hommage an den ´87er Horrorfilm-Klassiker von Joel Schumacher – aufleben lässt. Denn seit ihrem Umzug von London nach Los Angeles, vor zweieinhalb Jahren, hat sich Natashas Leben komplett verändert – zum Positiven:

„Ich bin in einer tollen Beziehung und tue viele Dinge, für die ich lange zu busy war: Ich male, gebe Kunstunterricht, mache Yoga mit Ex-Sträflingen und habe einen größeren Freundeskreis als je zuvor. Ich musste fast 40 werden, um mich an all die Dinge zu erinnern, die wirklich wichtig sind. Und das schlägt sich auch in der Musik nieder. Sie ist farbenfroher und euphorischer als früher.“

Mit „früher“ meint Natasha ihre vier Alben von 2006-16, die beim britischen Major-Label Parlophone erschienen, zwar mit Auszeichnungen überhäuft wurden, ihr den Ruf einer „neuen Kate Bush“ bescherten und zu prestigeträchtigen Tourneen mit Coldplay oder Depeche Mode führten, aber mit denen sie im Nachhinein nur bedingt zufrieden ist.

„Ich würde lügen, wenn ich behaupte, da hätte es keinen Erfolgsdruck gegeben. Nur: Ich bin keine Mainstream-Künstlerin. Ich hatte lediglich einen Mini-Hit mit ´Daniel´. Und über die Jahre ist die Diskrepanz zwischen dem, was große Labels erwarten, und dem, was ich zu liefern vermag, immer klaffender geworden. Deshalb war es gut, dass wir uns 2017 getrennt haben. Jetzt habe ich endlich die Ruhe, die ich brauche.“

Für ´Lost Girls´ hat sie sich fast 18 Monate Zeit gelassen und ein komplexes Konzeptalbum entwickelt: Den Soundtrack zu einem imaginären Vampir-Film in ´Lost Boys´-Manier – allerdings mit vorwiegend weiblichen Protagonistinnen. Die Story, die sich dem Hörer nicht immer ganz erschließt, weil sie zig Nebenhandlungen aufweist, ist in etwa die: Ein Mädchen namens Nikki Pink lernt in einem Internet-Forum für paranormale Mysterien einen Jungen kennen, der sich – wie sie – für eine Gang von motorisierten, weiblichen Vampiren interessiert, die Hollywood terrorisieren. Was sie nicht ahnt: Das Ganze ist eine Falle und soll Nikki in die Arme der Blutsauger treiben. Was folgerichtig passiert, inklusive lesbischer Sex-Abenteuer, eines Mordes und eines offenen Endes.

„Es ist eine erotische, erwachsene, weibliche Version von ´Lost Boys´, die ich gerne cineastisch umsetzen würde“, so Natasha. „Das Album ist der Soundtrack dazu.“

Nämlich zehn Stücke, deren starke Bildersprache das Kopfkino zum Glühen bringen. Und die sich auch musikalisch an ´Lost Boys´ orientieren – den späten 80ern. Was Natasha und Produzent Charles Scott IV hier auftischen, ist Retro in Reinkultur: Synthie-Pop, schwelgerische Klanglandschaften, düstere Stimmungsbilder sowie ein bisschen Disco, Goth, Funk und Ethno. Der Kritiker spricht von Dream-Pop, inszeniert mit Vintage-Keyboards, Orgeln, fettem Bass, halligen Drums und einem Gesang, der zwischen romantisch-verträumt und grenzenlos euphorisch pendelt.

„Es ist ein Album für alle, die gerne tanzen und träumen. Die es lieben, der Realität zu entfliehen und dabei auf ihre Fantasie setzen.“

Unterhaltung mit Anspruch und Mission – so, wie sie sein sollte.

Aktuelles Album: Lost Girls (AWAL Recordings/ RTD) VÖ: 06.09.
© 01. September 2019  WESTZEIT ||| Text: Marcel Anders ||| Foto: Logan White ||| Datenschutz
September 2019


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