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JOAN SHELLEY - Mit dem Herzen dabei

Bezaubernde Melodien, anrührende Texte, eine glockenhelle Stimme und eine Akustikgitarre: Joan Shelley braucht kaum mehr, um aus der grauen Masse der von der Liebe zum 60s-Folk geküssten Singer/Songwriterinnen herauszustechen. Ihr hinreißendes neues Album ´Like The River Loves The Sea´ nahm die Amerikanerin in Island auf – und fand dort nicht zuletzt in wunderbar dezenter Streicherbegleitung neue Inspiration für ihre minimalistisch-intime Poesie voller Tiefgründigkeit.

Joan Shelley selbst beschreibt ihre neue Platte als Oase, einen metaphorischen Rückzugsort, der Schutz bietet und die Möglichkeit zur Reflexion, um sich in einer immer turbulenteren Welt zurechtzufinden. Der Weg dorthin war allerdings ein kleines Abenteuer mit vielen Unbekannten. Fasziniert von Lee Hazelwoods herrlich surrealem Aussteiger-Album ´Cowboy In Sweden´, neugierig auf den Effekt, den die einzigartige Landschaft auf die Musik haben würde, und letztlich überzeugt durch die billigen Flüge nach Reykjavik, entstand ´Like The River Loves The Sea´ dort unterstützt von alten Wegbegleitern wie Produzent James Elkington, Gitarrist Nathan Salsburg und Gastvokalist Will Oldham und neuen lokalen Mitstreitern wie Tontechniker Albert Finnbogason oder den Schwestern Sigrún Kristbjörg und Thórdís Gerdur Jónsdóttir, die Violine, Viola und Cello zu den Songs beisteuerten, die Shelley daheim, vor den Toren von Louisville, Kentucky, verfasst hatte.

„Ich mag es nicht, im Studio in Routine zu verfallen“, erklärt sie im Westzeit-Interview.

„Ich möchte den gleichen Weg nicht zweimal beschreiten. Mir gefällt es, in einen neuen Raum zu kommen und herauszufinden, wie die Leute dort die Dinge angehen. Ich mag es, meine Freunde aus ihrem heimischen Trott herauszureißen, sie von allen häuslichen Pflichten loszulösen und so eine ganz neue Dynamik zu erzeugen. Die Musik, die dabei entsteht, ist einfach besser, weil mehr Spielfreudigkeit in ihr steckt.“

In der Tat hat Island seine Spuren auf ´Like The River Loves The Sea´ hinterlassen, wenngleich auf eine etwas andere Weise, als Shelley das im Vorfeld erwartet hatte.

„Ich hatte gehofft, dass die Landschaft dort unser Tun durchtränken würde“, gesteht sie. „Letztendlich haben aber für die tiefsten Spuren nicht das Vulkangestein und die Szenerie gesorgt, sondern die Menschen dort, die von der Landschaft ihr ganzes Leben lang geprägt worden sind.“

Besonders akzentuiert werden Shelleys federleichte Kompositionen zwischen Melancholie und Verträumtheit dieses Mal durch bisweilen in Richtung Nick Drake deutende Streicherarrangements von Produzent Elkington. Besonders wichtig war Shelley dabei ein betont unaufdringlicher Einsatz der Instrumente.

„Streicher haben oft etwas geradezu emotional Manipulatives“, sagt sie. „Ich habe mich schon immer von dieser Art von Melodramatik ferngehalten und Jim hat mit seinen Arrangements instinktiv genau das Richtige getan. Er hat Melodien hinzugefügt: eine weitere Stimme, aber keine neue Emotion.“

Einen ungewöhnlichen Weg beschreitet Shelley auf ´Like The River Loves The Sea´ auch als Texterin. Während die meisten Songwriter nur zu Beginn ihrer Karriere mangels anderer Erfahrungen ihr eigenes Leben vertonen, lässt sich die Mittdreißigerin auf den Spuren ihrer kanadischen Seelenverwandten Tamara Lindeman alias The Weather Station auf ihrem inzwischen fünften Album tiefer in die Karten schauen als zuvor – auch wenn sie die Beschreibung „confessional songwriter“ nicht mag.

„Ich habe das Songschreiben immer als Handwerk betrachtet, in dem ich mich verbessern will – aber nicht um jeden Preis“, sagt sie. „Ich lebe drei Stunden von Nashville entfernt und ich liebe Countrymusik, aber wenn du dir die Platten des goldenen Zeitalters anhörst, stößt du schnell auf das Schablonenhafte vieler Lieder. Wir hier in Louisville, wir sind nicht Nashville. Wir sind keine Songschreibemaschinen. Mein Ziel ist es immer gewesen, viel Seele in die Songs zu legen und dabei präsent und ehrlich zu sein.“

Aktuelles Album: Like The River Loves The Sea (No Quarter/Cargo) VÖ 20.09.
Weitere Infos: www.joanshelley.net
© 01. September 2019  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld ||| Datenschutz
September 2019


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