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KEVIN MORBY - „Die Welt ist so wunderbar, wie du sie dir machst!“

Achtung, Großtat! Auf seiner bemerkenswerten neuen Doppel-LP ´Oh My God´ geht Kevin Morby zwischen rasselnder Spelunken-Profanität und erhabenem Sonntagmorgen-Spirituals-Feeling den großen und kleinen Fragen des Lebens nach und findet dabei seine Bestimmung in einem einzigartigen Sound am äußersten Rand des Indie-Universums, der sich modern anfühlt, aber niemals altern wird.

Gleichermaßen fasziniert und inspiriert von den ganz Großen der Vergangenheit, hat Kevin Morby schon immer ein goldenes Händchen dafür bewiesen, Versatzstücke von gestern und vorgestern im Hier und Jetzt brandneu klingen zu lassen. Auf seinem unmöglich mit gängigen Genre-Kategorien zu beschreibenden fünften Album macht er dagegen nun vor allem eines: Kevin-Morby-Musik.

„Das ist ein toller Moment für einen Künstler, wenn du merkst, dass du an diesen Punkt gelangst“, freut sich der 31-jährige Teufelskerl beim Treffen mit Westzeit in Berlin. „In letzter Zeit passiert es immer öfter, dass ich in Reviews anderer Acts als Vergleich herangezogen werde. Es ist schon lustig, wenn du plötzlich selbst eine Referenzgröße bist, nachdem du so lange gehört hast, nach wem du klingst. Irgendwann bist du dann deine eigene kleine Marke! Das schmeichelt mir sehr.“

Gleichzeitig zeigt das durch einen herrlich surrealen, gemeinsam mit Regisseur Chris Good inszenierten Kurzfilm visualisierte neue Album Morby auch weiterhin als einen rastlosen Künstler, der sich nach den umwerfenden Konzerten seiner letzten Welttournee der Indierock-Quartett-Besetzung entwachsen fühlte und jetzt viele der neuen Lieder ohne Gitarre, aber dafür umrahmt von einem Gospelchor, mit reduzierten Percussions und prägnantem Saxofoneinsatz behutsam in neue Richtungen bugsiert. Unverändert ist allerdings Morby Interesse an einer gewissen Zeitlosigkeit seines Sounds, wenngleich ihm dabei nie eine reine Hommage vorschwebt.

„Es geht nicht darum, dass die Musik klingt, als käme sie aus den 60ern“, sagt er mit Nachdruck, „sondern darum, mit den gleichen Ideen zu arbeiten. Deshalb habe ich mich auch nie großartig für Vintage-Equipment interessiert. Ich sage mir eher: Ich kaufe mir neue Instrumente und sorge selbst dafür, dass sie eines Tages vintage, also klassisch und altehrwürdig, werden.“

Funktionierten Morbys in schneller Folge veröffentlichte Solowerke bislang vor allem als Schnappschüsse besonderer Momente, widmen sich nun erstmals alle 14 Songs einem übergeordneten Konzept – zusammengehalten durch das wiederkehrende ´Oh My God´ aus dem Albumtitel, das erstmals bereits in ´Beautiful Strangers´ aufgetaucht war, Morbys zwei Jahre altem Song für die Ewigkeit.

"Ich möchte nicht zu rührselig klingen, aber das Lied hat mich damals tief berührt“, verrät er.

„Schon als ich es schrieb, war mir seine Kraft bewusst. Ich dachte: ´Wow, das ist vermutlich das beste Lied, dass du je schreiben wirst.´ Das ´Oh My God´-Mantra schien irgendwie all das zu beschreiben, was damals vor sich ging. Sobald du die Zeitung aufschlugst, war dort etwas Schockierendes, Schräges oder Abstoßendes zu lesen. Als ich dann weitere Lieder schrieb, in denen die Formulierung auftauchte, erkannte ich den roten Faden und das neue Album begann sich langsam herauszuschälen.“

Der religiösen Metaphorik und Morbys Wurzeln im amerikanischen Bible Belt zum Trotz ist ´Oh My God´ eher eine spirituelle denn religiöse Platte.

„Wo ich aufgewachsen bin, ist die organisierte Religion voller Vorschriften“, erinnert er sich. „Deshalb habe ich mich nie zugehörig gefühlt. Zunächst habe ich gedacht, dass Glaube darin besteht, strikten Regeln zu folgen. Das hat sich dann in meinen späten Teenagerjahren gewandelt, nicht zuletzt auch durch die Musik, die ich hörte. Patti Smith ist da ein tolles Beispiel, denn sie sprach von Spiritualität auf eine Art und Weise, mit der ich mich identifizieren konnte.“

Im Alltag findet Morby Spiritualität vor allem durch Meditation.

„Es geht darum, in Verbindung mit deinem inneren und äußeren Selbst zu stehen“, ist er überzeugt. „Ich habe mich stets als spirituellen Menschen betrachtet, weil ich die Idee von einer höheren Macht immer in Betracht gezogen habe. Es ist wichtig, im Einklang mit der Welt zu sein und zu begreifen, dass die Welt so wunderbar ist, wie du sie dir machst!“

Aktuelles Album: Oh My God (Dead Oceans / Cargo)
Weitere Infos: www.kevinmorby.com
© 01. Mai 2019  WESTZEIT ||| Text: Carsten Wohlfeld ||| Foto: Barrett Emke ||| Datenschutz
Mai 2019


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